Leben mit Corona

Lotte Püttelkow, alias Torsten Ladwig, nutzt die Komiker-Zwangspause

Diese Zeit stellt für viele Menschen das gewohnte Leben auf den Kopf. Jeder geht mit der Situation anders um. Die einen beschreiten neue Wege, die anderen suchen Abwechslung. Torsten Ladwig, alias Lotte Püttelkow, berichtet jetzt aus seinem Alltag in Tangermünde.

Von Anke Hoffmeister
Silvia und Torsten Ladwig kleiden Gerlinde Weiß an. Kurze Zeit später steht der Krankentransport vor der Tür und bringt sie zur Dialyse.
Silvia und Torsten Ladwig kleiden Gerlinde Weiß an. Kurze Zeit später steht der Krankentransport vor der Tür und bringt sie zur Dialyse. Foto: Anke Hoffmeister

Tangermünde - Lotte existiert derzeit nicht. Sie ruht und wartet gut verpackt auf die Zeit, die inzwischen viele Menschen mit Sehnsucht erwarten – die Zeit, in der Familien wieder zusammenkommen und feiern dürfen, in der Lachen und Fröhlichkeit, gemeinsames Singen und Tanzen uneingeschränkt gelebt werden können. Wenn es diese Zeit wieder gibt, dann wird sich auch Torsten Ladwig wieder in Lotte Püttelkow verwandeln dürfen.

Mit ihren Programmen ist sie inzwischen weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und unterwegs. „Doch abends war ich bisher immer wieder zu Hause“, erzählt Torsten Ladwig aus vergangenen Zeiten.

Seit Frühjahr 2020 ist seine „Lotte“ eingemottet. Lediglich im Sommer letzten Jahres durfte sie bis Ende Oktober einige Male zeigen, dass sie noch „lebt“, wurde gebucht und gefeiert. Seitdem ist es ruhig geworden – ruhig um „Lotte“ und ruhig um so viele andere Künstlerinnen und Künstler in diesem Land. Seitdem wartet Ladwig darauf, dass die angekündigten drei Wochen Pause zu Ende gehen. „Es sind die längsten drei Wochen meines Lebens“, sagt er. Allerdings bedeutet das nicht, dass Torsten Ladwig seine „Lotte“ für immer aus seinem Leben verbannt hat.

Alle zwei Tage 300 Meter Spargeldamm

„Man muss die Kirche im Dorf lassen“ und auch „Peter“, sein Soloprogramm aus dem Musical „Über sieben Brücken“ sind Shows, mit denen er auch künftig seine Fans begeistern möchte. Ersteres „habe ich dreimal zeigen können und auch ,Peter’ kam gut an“, berichtet der Tangermünder. Damit er so schnell wie möglich wieder auf die Bühne kann, hat auch er ein Hygienekonzept. Torsten Ladwig ist dafür gerüstet, alsbald wieder mit seiner Schlagfertigkeit für Unterhaltung sorgen zu können. „Es gibt eine Buchung, die wurde jetzt zum dritten Mal verschoben“, sagt er.

Torsten Ladwig auf dem Cobbeler Acker mit einem Teil der Tagesernte. Spargel 2.0 nennt er seinen zweiten Einsatz auf dem Spargelfeld.
Torsten Ladwig auf dem Cobbeler Acker mit einem Teil der Tagesernte. Spargel 2.0 nennt er seinen zweiten Einsatz auf dem Spargelfeld.
Foto: Torsten Ladwig

Doch bis aus Torsten Ladwig wieder „Lotte“ wird, sind andere Fähigkeiten des All-Round-Talentes gefragt. Bis Ende Juni führt ihn eines davon alle zwei Tage in die Nähe von Cobbel. Nach dem „Probelauf“ im vergangenen Jahr hat der gelernte Baufacharbeiter auch 2021 wieder eine 300 Meter lange Spargelreihe gemietet. Spargelbäuerin Carmen Kalkofen macht das möglich. Und diese 300 Meter Sand-Damm wollen mindestens alle zwei Tage abgeschritten werden. „Da kommt niemand mit. Da hab ich meine Ruhe“, erzählt Torsten Ladwig. „Das ist Spargel 2.0 – hätte ich voriges Jahr auch nicht gedacht, dass es das noch einmal geben wird“, sagt er etwas nachdenklich.

Um das Edelgemüse aus dem Sand zu holen, braucht es für den Tangermünder keine Anleitung. „Das habe ich schon als Kind gemacht“, berichtet er. Und er erzählt von seiner ganz eigenen, rückenschonenden Methode. Gebückt sticht er den Spargel auf etwa zehn Metern. Mit einer Schaufel und stehend schließt er den Damm wieder und bringt ihn in Form.

Edelgemüse für die mehrere Familien

Von den zweitäglichen Einsätzen profitiert die ganze Familie – sechs bis acht Haushalte. „Wir essen uns den Spargel nicht über“, versichert er. Und: Was nicht während der Saison gegessen werden kann, wird eingefroren. „Wir haben den letzten Spargel aus dem vergangenen Jahr erst kurz vor der diesjährigen Saison gegessen.“ Etwa 20 Kilogramm bringt Torsten Ladwig alle zwei Tage vom Feld mit nach Hause. Hier wartet aber nicht nur seine Frau Silvia darauf, das Gemüse zu verarbeiten. Seit fast einem Jahr pflegt das Ehepaar die „Oma“. Gerlinde Weiß, die Schwiegermutter von Torsten Ladwig, hatte bis zum ihrem 79. Geburtstag Anfang 2020 in ihrem Elternhaus gewohnt – in ihrer eigenen Wohnung unter dem Dach, während Tochter und Schwiegersohn im Erdgeschoss lebten. Nach einem medizinischen Notfall kämpfte sie sich zurück ins Leben, kam vom Krankenhaus jedoch in eine Pflegeeinrichtung. „Wir durften sie nicht besuchen, und das war das Schlimmste“, erinnern sich Torsten Ladwig und dessen Frau. Deshalb lebt „Oma“ seit Juli 2020 wieder zu Hause.

Für sie hat er etliches am Haus umgebaut. Da regelmäßig der Krankentransport kommt, war das erforderlich und eine Erleichterung für alle. Inzwischen ist Gerlinde Weiß wieder in der Lage, sich selbst im Sitzen zu halten. „Die Physiotherapie zeigt Wirkung“, freut sich Silvia Ladwig. Denn für sie und ihren Mann ist die Rundum-Pflege der Mutter eine enorme körperliche Belastung. Diese meistern sie gemeinsam mit ambulanten Pflegekräften.

Auch bei der Pflege wird gelacht

Alle, auch Gerlinde Weiß, sind überglücklich, sie wieder im Haus zu haben. Die Zeit in der Pflege war für alle unerträglich, da kein Besuch möglich war und die Seniorin von einer Minute auf die andere nach 79 Jahren nicht mehr in ihrer gewohnten Umgebung sein durfte. „Sie hat nur geweint, war vereinsamt und apathisch“, berichten die Ladwigs. Dazu gibt es für Gerlinde Weiß heute keinen Grund mehr. Mit einem Schwiegersohn wie Torsten Ladwig hat sie immer etwas zu lachen. „Ich mache Witze, wo immer es passt, und heitere sie auf“, beschreibt er den Alltag.

Die Zeit ohne Lotte hat der Tangermünder mit staatlicher Hilfe – „die ich anders, als viele berichten, immer sehr schnell bekommen habe“ – bisher gut gemeistert. „Und natürlich leben wir jetzt nicht wie die Made im Speck“, betont er. Neben Spargel und Pflege sorgen die Enkel und das Hobby, altes Spielzeug wieder flottzumachen, für weitere Abwechslung. „Wir schauen optimistisch in die Zukunft“, ist die klare Ansage von Torsten Ladwig. „Ich habe drei Kohlen im Feuer“, sagt er zum Abschied. Es gibt also auch für die Zeit „danach“ schon Pläne, die allerdings noch nicht spruchreif sind.