Stendal l So resolut und konsequent Bärbel Kohl in all ihrem Tun auch ist – das Loslassen ihrer zuletzt größten Aufgabe fiel ihr doch ein wenig schwer. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr, nach beinahe 13 Jahren übergibt sie die Leitung der Stendaler Tafel in andere Hände. „Ich hatte mit 60 aufgehört zu arbeiten, aber dann hat das Leben doch noch mal eine Wendung Richtung Arbeit genommen“, sagt die bald 75-Jährige mit einer Mischung aus Staunen und Wehmut. 2005 nämlich fand sie sich plötzlich an der Spitze einer Initiative von Bürgern und sozialen Gruppierungen zur Gründung der Tafel in Stendal. Bis Ende vorigen Jahres war sie deren Leiterin.

Respekt vor Rundumblick

Am 11. Januar wird Bärbel Kohl in festlichem Rahmen von ihrem „Arbeitgeber“, dem Sozialtherapeutischen Zentrum Gut Priemern als Träger der hiesigen Tafel, verabschiedet. Und übergibt die Leitung ganz offiziell an ihre Nachfolgerin. Melanie Märtens schaut voll Respekt auf diese Aufgabe. Die 31-Jährige arbeitet seit neun Jahren für Gut Priemern in der Jugendhilfe und im betreuten Wohnen. Die Tafel ist ihr daher durchaus mehr als ein Begriff. Inzwischen war sie mehrmals bei den Ausgaben dabei, hat sich von Bärbel Kohl die Aufgaben erklären lassen. „Das ist sehr umfangreich, das glaubt man von außen gar nicht“, sagt Märtens, für die Frau Kohl schlichtweg die Tafel ist. „Sie hat das alles aufgebaut. Ich kann mir gar nicht ausmalen, was es an Mühe und Schweiß gekostet hat. Und sie hat einfach den Rundumblick.“

200 Bedürftige

Den wird sich Märtens – mit Hilfe des Teams aus Ehrenamtlichen, Mini-Jobbern und Bufdis – erst noch verschaffen müssen. Die Tafel – das ist mehr als nur die Ausgabe jeden Sonnabend für an die 200 Bedürftige, wie Bärbel Kohl erklärt: „Man muss ja die Lebensmittel erst einmal einsammeln. Dann vorher schon sortieren, gucken, was muss weg, was ist gut. Man muss die Mitarbeiter koordinieren, schauen, dass alle gut miteinander auskommen, und dass die, die sich hier anstellen, nicht das Gefühl haben, Außenseiter zu sein. Und man muss Leute in Stendal kennen.“

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Und man muss vielleicht auch ein bisschen ausblenden, dass es einen unverschämten Überfluss hierzulande gibt, der uns leichtfertig mit Nahrungsmitteln umgehen lässt. „Sehen Sie nur, die Massen an Stollen da“, sagt Bärbel Kohl mit Blick auf gestapelte volle Kisten. „Und wenn ich daran denke, wie viel Brot wir wegwerfen, während anderswo die Menschen keinen Bissen haben.“

Existenz dank Überfluss

Das Paradox: Nur weil es diesen Überfluss gibt, kann die Tafel existieren. Diesen Widerspruch musste Bärbel Kohl genauso aushalten, wie es ihre Nachfolgerin Melanie Märtens muss. Beide treibt an, anderen helfen zu wollen. „Aus christlichem und menschlichem Bewusstsein heraus“, sagt Kohl. „Anderen ein bisschen was zurückgeben“, sagt Märtens und sieht ihre künftige Aufgabe als „wichtig und schön“ an.

Dass die Arbeit der Tafeln anerkannt wird, registrieren beide erfreut. „Das Bewusstsein hat sich geändert“, schätzt Bärbel Kohl ein, „und wir haben viele Freunde und Sponsoren, die uns wohlwollend gegenüberstehen, haben sehr motivierte Mitarbeiter.“ Melanie Märtens beobachtet das ähnlich, stellt aber auch fest: „Menschen, die nicht bedürftig sind, finden die Arbeit der Tafel zwar wichtig, aber es gibt nur wenige, die sich auch ehrenamtlich hier mit hinstellen.“

Sie bleibt in Ehrenämtern

Für Bärbel Kohl ist es, auch wenn nicht mehr für die Tafel, mit dem Ehrenamt noch nicht vorbei. Sie habe da schon so eine Idee, wie sie sich weiterhin einbringen kann – mal abgesehen von ihrem Engagement in der Notfallseelsorge und im Jacobi-Gemeindekirchenrat. Und ein wenig mehr an sich denken wolle sie nun auch. „Ein bisschen was muss man machen für die Gesundheit“, sagt sie. Bei ihr heißt das: Wassergymnastik, Tanzen, Seniorensport. Volles Programm also – auch mit fast 75. Eine rastlose Frau, diese Bärbel Kohl. Aber so ist eben ihr Credo: „Ich nehm die Dinge lieber in die Hand, als nur zu reden.“