Stendal l Mit den Teilnehmern der Tour de France wollen sie sich nicht vergleichen. Ihre Leistung mag durchaus aber größer sein, ihre Geschichte ist es auf jeden Fall. Die meisten der 28 Teilnehmer der Tour pro Organspende sind mit einem gespendeten Organ unterwegs gewesen. Irgendwann wäre ihr Leben am Ende gewesen. Am Sonnabend beendeten sie ihre Radtour am Johanniter-Krankenhaus in Stendal.

Startschuss fiel eine Woche zuvor

Und das Ziel der 680 Kilometer langen Tour, die in Bremen begonnen hatte, war nicht zufällig gewählt. „Wir wollen unsere Dankbarkeit zeigen“, sagte Sprecher Peter Kreilkamp. Er wartet seit 2009 auf eine zweite Spenderniere. Das erste Spenderorgan versagte nach sechs Jahren seine Tätigkeit. „Anders als bei Herz, Leber, Lunge haben wir ja mit der Dialyse die Möglichkeit einer Ersatzbehandlung“, sagte der 59-Jährige im Gespräch mit der Volksstimme. Er drückte die Größe die Tour, die am Sonnabend zuvor gestartet war, und unter anderem über Hamburg, Lübeck und Schwerin führte, nicht in der Anzahl der Teilnehmer aus. „Hier sind 214 gerettete Lebensjahre mitgefahren“, hatte er die Jahre, die die Mitfahrer schon ihre Spenderorgane haben, zusammengezählt.

13 davon hatte Andrea Epking beigesteuert. 2005 spendete ihr Mann ihr eine Niere. „Im Krankenhaus gab es sehr emotionale Momente“, erinnerte sie sich im Volksstimme-Gespräch. Zunächst sei ihr Mann in den Operationssaal gerollt worden, dann sie, auf der Intensivstation wachten sie gemeinsam auf. „Ich habe eine ganz tolle Niere bekommen, sie hat sofort voll funktioniert“, sagte die 57-jährige aus der Nähe von Leverkusen, die seitdem wieder voll berufstätig als PR-Assistentin sein kann. Sport ist für sie sehr wichtig, nicht nur die eine Radtour im Jahr, sondern täglich, sei es beim Laufen, Yoga oder Tanzen, „der schönsten Bewegung“.

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„Sie alle sind ein leuchtendes Beispiel dafür, was die Medizin leisten kann“, sagte der Ärztliche Direktor Prof. Ulrich Nellessen zur Begrüßung. Zusammen mit ihm waren der Chefarzt der Chirurgie, Prof. Jörg Fahlke, sowie der Chefarzt der Anästhesie und Organspendebeauftragter Dr. Jens Rau zum Empfang im Mutterhaussaal gekommen. Es sei bedauerlich, dass in Deutschland der Bedarf an Spenderorganen viel höher sei als das Angebot.

Aufruf an die Politik

Rau kritisierte, dass in Deutschland die Zustimmungslösung gelte, also aktiv die Einwilligung zur Organspende erklärt werden muss. Er sieht bei dem Thema die Politik gefordert, sich für die Widerspruchslösung einzusetzen. Damit gilt jeder als Organspender, so lange er nicht aktiv dagegen widersprochen hat. Deutschland liege bei den Spenderorganen ziemlich weit hinten. Kreilkamp konnte dies mit konkreten Zahlen belegen. „Von der Entscheidung, dass man ein Spenderorgan braucht, bis zur Verpflanzung dauert es in Deutschland im Schnitt zehn Jahre“, sagte er, „in Kroatien, Österreich und Spanien hingegen sind es nur zwölf Monate“.