Stendal l Dass Gerd Bohne ein neugieriger Mensch ist, darf man guten Gewissens sagen. Neugierig, wenn es um Geschichts- und Wirtschaftsthemen geht, um Kunst und Kultur, um das Leben um ihn herum. So war es schon immer. Und darum stellte sich der heute 65-Jährige, der im damaligen Landkreis Braunschweig aufgewachsen ist, als Kind recht früh die Frage, warum die Straße seiner Heimatadresse Altmärkerstraße heißt? Bismark als Ort kannte er wohl, dort lebte seinerzeit Verwandtschaft. Die Altmark, als Begriff und als Region, waren nicht so präsent. Heute sagt Gerd Bohne aber: „Ich hatte schon immer eine Affinität zur Altmark.“

Nach der Wende wurde die Beziehung intensiver – anfangs vor allem aus beruflichen Gründen, mittlerweile wegen privater Freundschaften und des Interesses an einer Region mit Geschichte und Kultur. Der Wirtschaftswissenschaftler, der im internationalen Handel, in der Projektentwicklung im Umweltschutz und als Existenzgründerberater tätig war, beriet Firmen und Vereine.

Der Hut vom Kappler

Er lernte viele Leute und deren Geschichten kennen. „In diesem Zusammenhang ist mir Mitte der 90er Jahre eine sehr skurrile Geschichte erzählt worden“, erinnert sich Gerd Bohne. Gehört habe er sie bei einem Besuch in einer Wohnung im Stadtseegebiet, damals Liselotte-Herrmann-Ring. Der Gastgeber berichtete über seinen Schwiegervater aus Stendal, der einen Hut von Herbert Kappler besessen habe. Das ließ den geschichtsinteressierten Niedersachsen aufhorchen: Kappler? Der Kappler? Der ehemalige Chef des Sicherheitsdienstes der SS in Rom?

„Ich war schon immer interessiert an der deutschen Geschichte während der Nazizeit und deren Aufarbeitung“, sagt Bohne. Als die sogenannte Kappler-Affäre im Sommer 1977 für Schlagzeilen sorgte, lebte er gerade in Berlin. Schon damals war das Interesse geweckt, die Begegnung in Stendal löste weitere, intensivere Recherchen aus.

Schon vor Jahren stand für Gerd Bohne fest: Das umfangreiche Material soll einmal Stoff für Bücher bieten. Bücher, denn dem ersten Band „Die Brosche“, der im November vorigen Jahres erschienen ist, sollen vier oder fünf Bände folgen. „Der zweite kommt schon im nächsten Quartal“, kündigt der Autor an, wird „Kapplers Hut“ heißen. Jetzt, wo es beruflich etwas ruhiger läuft, sei er „an den Punkt gekommen, die Geschichte aufzuschreiben. Mittlerweile habe ich ganz viel Spaß daran.“ Bestimmt 15 Jahre habe er Ideen und Fakten dafür zusammengetragen. „Und jetzt ist es übergequollen“, sagt er schmunzelnd.

Im ersten Teil hat er alle Erzählstränge begonnen, hat die Personen eingeführt. Auch sich selbst, denn hinter dem Hobbyhistoriker und Projektentwickler Hermann Weber verbirgt sich Gerd Bohne. Es sind seine ganz persönlichen Erlebnisse wie das mit dem Kappler-Hut in einer Stendaler Neubauwohnung, die Weber als fiktive Buchgestalt noch einmal erlebt. Obwohl, ganz fiktiv ist sie nicht. Denn Bohnes Großvater hieß Hermann Weber, ihm hat er die gleichnamige Edition gewidmet.

Geschichte und Gegenwart

Zurück aber zu Stendal, der Altmark und deren Rolle in „Die Brosche“. Der Leser wird zum Gast im Stendaler „Herbsthaus“ und im Hotel „Schwarzer Adler“, wird Zeuge eines Wirtschaftskrimis, in den ein Ziegelproduzent aus Jerichow verwickelt ist. Krimi, ein gutes Stichwort. Denn Gerd Bohne verknüpft in seinem ersten Roman geschickt und in kurzweiliger Erzählung rätselhafte Todesfälle mit dem Agieren der italienischen Mafia in Tschechien und mit Wirtschaftskriminalität in den Nachwendejahren, verbindet das Heute mit dem Gestern, nimmt den Leser mit nach Usti nad Labem, in die Schweiz und nach Dresden, nimmt ihn mit zu Italiens faschistischem Führer Benito Mussolini und dessen Geliebter Clara Petacci, aus deren verschwundenem Schatz die Brosche stammt, die in der Handlung Geschichte und Gegenwart verbindet und dem Buch seinen Titel gibt.

In den Folgebüchern wird es ein Wiederlesen mit dem Norden Sachsen-Anhalts geben. „Die Geschichte in Jerichow geht auf jeden Fall weiter“, macht der Autor schon einmal neugierig. Und auch das sei noch verraten: Es wird wegen einer Insolvenzsache ins Amtsgericht Burg gehen, das Landesverwaltungsamt wird eine Rolle spielen.

Und natürlich laufen die Recherchen weiter. Dazu gehörte zum Beispiel der Prozessbesuch am Stendaler Landgericht, als es um die Tongrube Möckern ging. „Ohne gute Recherchen kann ich nicht schreiben. Mittlerweile habe ich zum Glück ein großes Netzwerk an Leuten, die ich fragen kann“, sagt der 65-Jährige, der seit 2001 mit seiner Partnerin in Burgdorf lebt. Klar, dass auch einer der Handlungsstränge in diese Kleinstadt bei Hannover führt. Auch wenn viele Personen und Handlungen fiktiv sind, so legt der Schriftsteller dennoch Wert auf eine fundierte, historisch belegbare Grundstory. Denn was er möchte, ist eine Verbindung zwischen persönlich Erlebtem und historisch Überliefertem, für den Leser spannend zusammengefügt.

Die Rohfassungen seiner Bücher schreibt Gerd Bohne immer mit der Hand. „Am besten kann ich auswärts schreiben, bei der Zugfahrt oder mit Blick auf den See. Ich brauche einen freien Blick, den ich schweifen lassen kann“, erzählt der Autor, der privat vor allem Sachbücher liest und gern gute Krimis wie die Gereon-Rath-Reihe von Volker Kutscher (die Vorlage zu „Babylon Berlin“).

Die Reaktionen auf „Die Brosche“ seien toll gewesen, freut sich Gerd Bohne. Sehr emotional erzählt er von dem Moment, in dem er sein erstes Buch gedruckt in der Hand gehalten hat: „Es war ein Gefühl wie bei der Geburt meiner ersten Tochter.“

Der historische Politthriller „Die Brosche“ ist erhältlich im Handel: ISBN: 978-3-7469-8924-2 (Hardcover); ISBN: 978-3-7469-8923-5 (Paperback), ISBN: 978-3-7469-8925-9 (e-book). Weitere Informationen zum Autor und seinen Arbeiten: www.edition-hermann-weber.de.