Stendal l Einem Mädchen wird der Turnbeutel geklaut. Was tun? Wer kann helfen? Der Bürgermeister! Gemeinsam mit ihren Freunden macht sich das Mädchen auf den Weg. Doch der Bürgermeister hat keine Zeit, sagt, sie solle sich im Rathaus einen Termin geben lassen. Das Mädchen tut es, bekommt einen Termin für den 31. Dezember 2060. Viel zu spät. Vielleicht kann ja einer aus dem Stadtrat helfen. Die Kinder kennen da einen, sprechen ihn an. Er verspricht, sich zu kümmern. Ergebnis: Der Bürgermeister hat am nächsten Tag Zeit für das Mädchen, und er hat noch etwas: ihren Turnbeutel wiederbesorgt.

OB: Termin innerhalb einer Woche

So stellen es sich neun- und zehnjährige Mädchen und Jungen die Vertretung ihrer Interessen vor. So haben sie es in einem Rollenspiel gemeinsam mit den Protagonisten des Vereins Kinderstärken erarbeitet und so dann auch auf einer der Schautafeln, die am Mittwoch während der ersten Kinder- und Jugendkonferenz im Jugendfreizeitzentrum (JFZ) Mitte aufgebaut waren, comicmäßig ohne viele Worte präsentiert: Da sollte einer (oder eine) sein, der (die) sich um unsere Probleme und Sorgen kümmert, so die Botschaft der Geschichte.

Bei den älteren, den 14- bis 24-jährigen jungen Leuten, die in den vergangenen Monaten ebenso am Projekt „Interessenvertretung“ des Vereins Kinderstärken mitwirkten, sieht das etwas anders aus. Sie legten mit ihrem Beispiel den Finger nicht nur in eine Wunde – verschmutzte, beschmierte Parkbänke – , sie wollen auch selbst was dagegen tun. Die Stadt besorgt die Farbe, die jungen Leute streichen die Bank, machen Vorher-nachher-Fotos, und starten mit ihnen einen Aufruf an die Stendaler, es ihnen gleich zu tun.

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Auch so könnte Interessenvertretung aussehen.

Stendals Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU), wie einige weitere Lokalpolitiker aus Stendals Stadtrat Gast beim „Treffen für Kinder- und Jugendinteressen“, wie die erste Konferenz dieser Art auch überschrieben war, fand beide Ansätze gut. Nur der im Rollenspiel von der Verwaltung vergebene Termin 31. 12. 2060 war ihm dann doch etwas zu weit weg von der Realität. Sicher habe er nicht immer gleich Zeit, aber wenn Kinder ein Anliegen hätten, würde er binnen einer Woche die Zeit finden, sich dessen anzunehmen, versicherte er den „Konferenzteilnehmern“, die in der übergroßen Mehrzahl „U20“ waren. Wobei er ihnen auch offen und ehrlich sagte, dass vielleicht nicht jeder Wunsch in Erfüllung gehen könnte, zumindest nicht sofort...

Abschließender Höhepunkt

Das Treffen – die Konferenz – war abschließender Höhepunkt des Projekts, mit dem Kinderstärken seit einem Jahr am Entwicklungskonzept einer Interssenvertretung für Kinder und Jugendliche in der Stadt arbeitet. Was wären deren Aufgaben? Welche Rechte und Möglichkeiten, die Kinderinteressen durchzusetzen, sollte sie haben? Mehr noch: Wie können Kinder und Jugendliche an Entscheidungen, die von den Stadtvätern getroffen werden, beteiligt werden? Und besser noch: schon in den Prozess der Entscheidungsfindung einbezogen werden?

Um auf all diese Fragen möglichst authentische Antworten zu finden, holte sich Kinderstärken die Kinder und Jugendlichen mit ins Boot, Pädagogen, Eltern und für Kinder Engagierte ebenso. Sie kamen aus der Helen-Keller-Schule, aus dem Hort der Grundschule am Stadtsee, aus dem JFZ Mitte, aus dem Bereich Streetwork.

Workshops wurden organisiert, in verschiedenen Etappen durchgeführt. 20 solcher ebenso altersgerecht strukturierten wie arbeitsreichen Runden in fünf auf einander aufbauenden Workshops waren es am Ende, in denen die Kinder und Jugendlichen Ideen entwickelten und formulierten, ihren Vorstellung von Interessenvertretung Gestalt gaben.

So wünschen sie sich zum Beispiel, dass eine oder mehrere Vertrauenspersonen diese Aufgabe übernehmen. Doch nicht nur sie sollte im Interesse der Kinder und Jugendlichen sprechen, sondern das wollen sie auch selbst tun – mit Kommunalpolitikern, mit Entscheidern in der Stadt, unterstützt durch ihre/ihren Interessenvertreter.

Nicht nur eine Kür, sondern auch Pflicht

Erarbeitet wurde auch ein ganzer Strauß von Methoden, mit den Kinder und Jugendliche ihre Interessen artikulieren könnten. Landkarten, auf denen sie ihre Spiel- und Aufenthaltsräume aber auch Angsträume aufzeichnen, gehören dazu, Fotodokumentation von „Schätzen“ und Problemen, Meckerkästen, Mitmachbaustellen, Patenschaften, Runde Tische.

Wer all diese Schlagworte vertiefen möchte, kann das unter www.kinderstaerken-ev.de/ki tun. Den Stendaler Stadtvätern ist das im Ergebnis der ersten Kinder- und Jugendkonferenz ans Herz gelegt – nicht als Kür, sondern auch als Pflicht, denn: Im neu gefassten Paragraphen 80 des Kommunalverfassungsgesetzes Sachsen-Anhalts (Beteiligung gesellschaftlicher Gruppen) werden die Kommunen verpflichtet, auch Kinder und Jugendliche in Vorhaben und Entscheidungen, die ihre spezifischen Interessen betreffen, einzubeziehen.