Stendal l Für viele Menschen war der Mauerfall 1989 nicht nur eine Wende für Deutschland, sondern vor allem eine Wende in ihrem Leben. Jeder hat die Zeit danach anders wahrgenommen und erinnert sich an gute sowie schlechte Zeiten.

„Schnapskirschenzeit – Vielleicht hat mir Hitler damals das Leben gerettet“ – mit diesem Satz beginnt der Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von Manja Präkels. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Figur der deutschen Geschichte, sondern um Oliver, dem Kindheitsfreund von Mimi, aus derer Perspektive der Leser das Ende der DDR und den Anfang der 90er Jahre miterlebt.

An die eigene Jugend zurück erinnert

Einen Teil dieser Geschichte las die Buchautorin am Mittwoch im Gertraudenhospital im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Roter Salon“ in Stendal vor. Unter einem klassischen Lampenschirm, den junge Menschen wohl nur noch aus den Wohnzimmern ihrer Großeltern kennen, vor etwas mehr als 30 Zuhörern, begann sie die ersten Zeilen über die Geschichte der Jungpionierin Mimi vorzulesen. Mit kindlicher Weltsicht und lockerem Humor beginnt das Abenteuer, und man hört von den Zuhörern teils nostalgisches Lachen, da sich viele an die eigene Jugend zurück erinnert fühlen.

„Das Buch ist durchaus autobiografisch“, sagt Präkels in der späteren Diskussionsrunde. Sie wurde 1974 in der DDR geboren, und in ihrer Geschichte findet sich ein Mix aus eigenen Erinnerungen und zugetragenem. Und wie Mimi hatte auch sie einen Oliver, mit dem sie in der Kindheit spielte, der sich aber mit der Wende veränderte und einer Bewegung aus „Volksgenossen“ anschloss.

Ausgezeichnet mit Jugendliteratur-Stipendium

Oliver wird unter dem Kampfnamen „Hitler“ zum Anführer marodierender Jugendbanden, die die entstandene rechte Bewegung nach dem Mauerfall widerspiegelt. Die kindliche Darstellung wandelt sich mit zunehmendem Alter der Pro­tagonistin zur brutalen Realität der hektischen Wendezeit für die junge Erwachsene.

Die nördlich Berlins in Zehdenick geborene Autorin wird für ihr Buch auf der Leipziger Buchmesse im März das „Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium“ erhalten. Der Preis ist mit 12.000 Euro datiert und soll sie dabei unterstützen, an weiteren literarischen Veröffentlichungen zu arbeiten. Präkels war überrascht, als sie davon hörte, ausgerechnet einen Preis für Jugendliteratur zu erhalten, da es sich um ein Thema handelt, mit dem sich hauptsächlich Menschen identifizieren können, die vor der Wende geboren wurden. „Aber jetzt, wo ich darüber nachdenke, macht es Sinn. Es erzählt ja die Geschichte und das Aufwachsen einer Jugendlichen“, sagt sie. Bisher hat sie schon an zwei Schulen Lesungen gehalten und immer sehr positive Rückmeldungen erhalten. Zukünftig möchte sie verstärkt an Schulen lesen und ihre Sichtweise der Wende den jungen Menschen von heute näher bringen.

An ihrer lebendigen Weise vorzulesen, wird es sicherlich nicht scheitern, da sie es schafft, mit verschiedenen Dialekten und Stimmfarben jede einzelne Figur aus ihrem Debüt-Roman für den Hörer zum Leben zu erwecken.

Im Rahmen der Reihe „Roter Salon“ findet die nächste Veranstaltung am 4. April statt. Um 18 Uhr im Gertraudenhospital, Scharnhorststraße 2, in Stendal wird das Thema „Lenin neu entdecken“ diskutiert.