Herr Schmotz, das Jahr 2020 ist Geschichte. Haben Sie ein ähnlich turbulentes Jahr schon einmal erlebt als Oberbürgermeister?

Ja, das Flutjahr 2013 mit seinen erheblichen Langzeitfolgen und auch mit kritischen Situationen. Wer sich erinnert: Wir hatten das Rolandfest bei bestem Wetter, die Flut war noch nicht dramatisch, aber sie war schon kritisch. Wir haben lange überlegt, ob wir das Rolandfest absagen. Aber solange die Lage noch händelbar war, haben wir es wie geplant gelassen. Das Rolandfest war am Sonntag gegen 18, 19 Uhr zu Ende. Montag um 0.10 Uhr ist der Deich in Fischbeck gebrochen. Das ist dann so eine glückliche Fügung. Da wir hier ein Spendenlager für Sachspenden im großen Stil aufgebaut hatten, hatten wir den ganzen Spätsommer und Herbst damit zu tun, die Sachen zu verteilen. Das war auch eine turbulente Geschichte.

Ist 2020 nicht irgendwie alles anders?

Natürlich ist 2013 nicht mit dem vergleichbar, was wir dieses Jahr erleben. Wir sind ja seit Freitag, 13. März, auch mit der Belegschaft in einer Krisensituation. Es fing im Frühjahr an, dann kam der sommerliche Lockerungsgrad mit möglichen Öffnungen, und Ende September ging die Situation wieder in die Richtung, die wir heute alle sehen. Die größten Schwierigkeiten wurden an die Kolleginnen und Kollegen in den Kindertagesstätten gestellt, die ständig wechselnde Verordnungen umzusetzen hatten, um eine Notbetreuung und später dann kurzzeitig eine Regelbetreuung zu gewährleisten. Das ist nicht so ganz einfach. Vor den Kolleginnen und Kollegen im zuständigen Amt muss man den Hut ziehen.

Wenn Sie Corona einmal auslassen: Stendal, Stand Jahresbeginn 2020 und jetzt, zwölf Monate später?

Man könnte trefflich darüber streiten, ob der Schritt vom 1. Januar bis 31. Dezember hätte größer sein können, aber er ist spürbar. Wir haben deutlich sichtbar mit dem Grundschulneubau an der Haferbreite begonnen. Der Grundstein ist gelegt, die Baufortschritte sind zu erkennen. Wir haben im Schadewachten, auch ein bisschen begünstigt durch die Pandemie, relativ zügig die Bauvorhaben im unterirdischen Bereich, einschließlich archäologischer Grabungen, vollziehen können und gehen davon aus, dass der Ausbau nahtlos weitergeführt wird, um auch rechtzeitig vor dem Sachsen-Anhalt-Tag 2022 fertig zu werden. In Uenglingen ist nahezu unbeobachtet eine neue Kindertagesstätte entstanden. Wir haben in Stendal zwei Straßen saniert, die Ucht- und die Mittelstraße. Zwei sicherlich kleine und vielen gar nicht bekannte Straßen, aber für die Menschen, die dort leben ganz wichtig. Sie sind wiederhergestellt worden. Das gehört mit zur Sanierung der Innenstadt.

Und damit ist die Aufzählung nicht mal annähernd vollständig, oder?

Richtig. Auch die Fertigstellung des Bauhofes gehört dazu und viele kleinere Dinge. Im Winckelmann-Museum ist das Trojanische Pferd der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht worden. Wir haben den Glasfaserausbau begonnen mit entsprechenden Auswirkungen auf die Bewohner. Wer sich jetzt mal am Stadtrand bewegt: Die Haferbreite ist drei Wochen aufgerissen, manchmal weiß man gar nicht, wofür. Wir haben ein Stadtseefest gemacht, wir haben das größte Sportereignis in Stendal in diesem Jahr Ende September mit allen Einschränkungen und sonstigen Problemen durchgeführt: den Internationalen Hanse-Cup. Wir haben auch den Handwerkermarkt am 3. Oktober organisiert und durchgeführt. Das waren die wenigen Dinge, die üblicherweise in Stendal jedes Jahr ablaufen, aber ein paar dieser hatten wir schon. Und wir haben, dank der Initiative des Glockenvereins St. Marien, seit August ein Glockenspiel.

Sollte in die Liste des Geschafften nicht auch das Theater der Altmark aufgenommen werden, denn die Arbeiten sind bald abgeschlossen?

Ja. Die energetische Sanierung hätte dazu geführt, dass das Theater nur begrenzt hätte spielen können. Jetzt kam die Pandemie noch obendrauf. Das merkt gar keiner, dass es jetzt ein bisschen dünner ist. Wobei es schade ist, weil die anderen Spielstätten toll sind. Das fand ich gar nicht mal so schlecht. „Judas“ zum Beispiel in der Marienkirche, das war auch ein beeindruckendes Ein-Personen-Stück. Ich hatte mich gefreut auf das, was Anfang April am Langen Weg in dieser alten Halle stattfinden sollte. Da wäre sogar die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey gekommen. Aber naja, was nicht ist, ist nicht.

Ihr Fazit für 2020 ist also?

Es hat sich was bewegt. Trotz der Pandemie, die sicherlich jede Menge Einschränkungen mit sich gebracht hat, ist in Stendal auch 2020 nicht nur Stillstand zu sehen. Ich will noch zwei, drei Gedanken zum Thema wirtschaftliche Entwicklung sagen. Sicherlich wissen wir alle nicht, wie der eine oder andere Händler oder auch Gastronom über die Zeiten kommt. Die Hilfen sind zwar da, aber bei manchem Fitnessstudio muss man erstmal abwarten, ob die harten Zeiten überstanden werden. Aber wir haben auch ein paar positive Signale. Die Milchwerke entwickelten sich hervorragend. Altmark-Saaten investiert erheblich in eine neue Fertigungsanlage für Hybrid-Saatgut. Und nachdem das Alstom-Werk immer auch medial als Sorgenkind dargestellt wurde, gibt es jetzt einen deutlichen Aufwärtstrend. Dies ist sicherlich auch dem neuen Chef hier vor Ort zu verdanken.

Und was hat sonst für Diskussionen gesorgt?

Das war auf jeden Fall die LGBT-Diskussion mit unserer polnischen Partnerstadt Pulawy. Ich will das nicht unter den Tisch kehren und habe mich erst kürzlich mit meinem Amtsbruder aus Pulawy darüber unterhalten. Er hat selbst davon angefangen, ich habe es gar nicht angesprochen. Er hat mir versichert, dass das, was der Stadtrat in Pulawy beschlossen hat, ein polnisches, verfassungskonformes Thema ist. Er hat mir auf Anfrage versichert, dass es keine Diskriminierung von Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung gibt. Es wird niemand in die Ecke gestellt deswegen oder verfolgt. Ich habe das auch noch nie dort erlebt bei meinen Besuchen in Pulawy.

Stichwort Corona und die Wirtschaft. Befinden Sie sich jetzt aktuell im Austausch mit Einzelhändlern und Berufsgruppen, die gerade besonders stark betroffen sind und ihren Beruf nicht ausüben können?

Ja. Nicht nur jetzt, sondern auch im Frühjahr schon. Wir haben immer den Kontakt gesucht zu Einzelhändlern, zu Gastronomen und zu Friseurinnen. Da kann ich an vielen Stellen nur eines machen: Trost spenden. Richtig helfen ist kaum möglich. Was wir gemacht haben, und das hat der Stadtrat auch einhellig beschlossen, ist, für Gastronomen und Händler die sogenannte Sondernutzung öffentlicher Flächen frei zu geben. Wir sind im Kontakt und haben auch durch unsere Wirtschaftsförderung Unterstützung in der Art angeboten, dass wir den Zugang zu den Hilfsprogrammen von Bund und Land organisieren. Das hat der Landkreis gut organisiert. Sie haben ein ganzes Team, denn es gibt ja für jede Frage bestimmte Hilfen.

Unabhängig von der aktuellen Situation hört man oft die Meinung, dass die Innenstadt langsam ausstirbt. Nimmt sich die Verwaltung dieses Themas an?

Wir begleiten Interessenten und ansässige Händler dadurch, dass wir deren Probleme, so sie uns angetragen werden, zu lösen versuchen. Wir vermitteln zwischen Eigentümern und Interessenten und kümmern uns um Genehmigungsverfahren. Es ist mitunter schwierig, eine Werbung anzubringen, weil die Gestaltungssatzung das eine oder andere nicht zulässt. Da suchen wir nach Kompromissen. Letztendlich ist der Markt zwischen Immobilieneigentümern und Händlern zu gestalten. Wir begleiten das. Mehr können wir nicht machen. Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würde ich als Stadt in der Innenstadt ein paar Häuser kaufen. Diese Gebäude könnte man in eine Stiftung packen oder ähnlichen Institutionen übergeben die sich zielgerichtet für den stationären Handel einsetzen.

Das gesamte Interview lesen Sie in der Printausgabe vom 7. Januar.