Stendal l Bei all den schlimmen Dingen, die das Coronavirus in den vergangenen zwölf Monaten über das Land gebracht hat, zeitigt es hin und wieder auch positive Nebeneffekte. Hätten die Schulen im Frühjahr des vergangenen Jahres zum Beispiel nicht geschlossen, hätte Christin Erler vielleicht nicht so schnell den Entschluss gefasst, von Berlin in ihren Heimatort Langensalzwedel zurückzukehren.

Die Mutter von zwei Kindern entschied sich für das alte Bauernhaus ihrer Großmutter auf dem Dorf und damit gegen die enge Wohnung in der Großstadt. „In dieser Situation habe ich gedacht: Es spricht doch viel mehr dafür, aufs Land zu ziehen“, sagt die 35-Jährige.

Corona macht die Arbeit nicht einfacher

Nach einer langen Zeit in der Metropole nicht unbedingt ein einfacher Schritt, wie sie zugibt. Bereut habe sie ihn trotzdem nicht. Privat hatte sie die Verbindung in ihre Heimat sowieso nie gänzlich verloren, und auch beruflich ist es ziemlich gut ausgegangen.

Seit Januar arbeitet die Politikwissenschaftlerin bei der Freiwilligen-Agentur Altmark. Ist hier zuständig für die Betreuung des Projektes „Stendal besser machen“ und „Aktive Vielfalt“ und fühlt sich genau an der richtigen Stelle. „Ich habe in Berlin schon für diverse ähnliche Organisationen gearbeitet und mich eingebracht“, erzählt sie im Gespräch mit der Volksstimme. Damals sei sie vor allem in den Bereichen Umweltschutz und Mobilität tätig gewesen. Ihre umweltbewegte Einstellung war übrigens nicht ganz unwichtig, um auf ihren neuen Job aufmerksam zu werden.

Kontakt zur Freiwilligen-Agentur

„Der Kontakt zur Freiwilligen-Agentur kam über die Gruppe Fridays For Future zustande“, sagt die Langensalzwedelerin. Die trifft sich nämlich regelmäßig in der Kleinen Markthalle, der Heimat der Freiwilligen-Agentur. Dort sei sie mit Marion Zosel-Mohr, der Agentur-Chefin, ins Gespräch gekommen. Und weil ab Januar eine Stelle frei wurde, ging alles seinen Gang.

Dass ihre neue Tätigkeit mit der Klimabewegung nicht direkt zu tun hat, spielt für Christin Erler aber keine Rolle. Die Arbeit mit Geflüchteten, die sie vor allem bei der „Aktiven Vielfalt“ beschäftigt, und mit den engagierten Bürgern mache ihr gleichermaßen Spaß.

Stadtspaziergang digital

Das einzige, was sie momentan nerve, seien die Folgen der Pandemie. Die schränkten sie natürlich ein. Persönliche Treffen finden aus den bekannten Gründen nicht statt. Stattdessen müsse vieles auf digitalem Wege erledigt werden. Was natürlich nicht immer ideal sei. Immerhin lebe ihre Tätigkeit davon, sich mit Menschen austauschen und sie zusammenzubringen.

Dies gelinge nun mal von Angesicht zu Angesicht viel besser. Bis dahin müsse sie sich jedoch auf die Gegebenheiten einstellen. Was zum Beispiel heißt, einen Stadtspaziergang über die Kolonialgeschichte in Stendal digital stattfinden zu lassen.

Eigene Klischees sind widerlegt

Zu sehr möchte sie sich trotzdem nicht von den Umständen unterkriegen lassen. Stattdessen hofft sie, dass sich die Corona-Lage in absehbarer Zeit entspannt. „Ich freue mich einfach darauf, irgendwann rauszugehen und Menschen zu treffen“, versprüht sie Optimismus.

Den bewahrt sie umso mehr, weil sie vom Umfeld in Stendal bisher sehr angetan ist. Da sei auch bei ihr persönlich das ein oder andere Klischee widerlegt worden, was über die sogenannte Provinz in Großstädten so landläufig grassiert, schätzt sie ein. „Ich habe nicht unbedingt erwartet, dass es in der Stadt dermaßen viele engagierte Menschen geben würde“, gibt Christin Erler zu. Die Stadt habe viele positive Überraschungen für sie bereitgehalten. Kurz nach ihrem Umzug habe zum Beispiel die erste Critical Mass, eine Fahrraddemo, in der Stadt stattgefunden.

Zudem finde man extrem schnell Zugang zu den Gruppen, wenn man selbst Engagement zeigen möchte. Dabei fiel ihr ein interessanter Aspekt auf. Auch wenn es in Berlin ungleich mehr Initiativen gebe, könne man in Stendal die Resultate der Arbeit viel schneller und direkter sehen: „Ich habe das Gefühl, dass der Einsatz hier mehr wiegt.“