Uenglingen l „Jetzt bin ich in Rente“, sagt Harriet Tüngler – wenige Woche vor ihrem 76. Geburtstag. Ihre Rechnung: 45 Jahre im Lehrerberuf, anschließend zwölf Jahre als Bürgermeisterin und Ortsbürgermeisterin von Uenglingen. Auch Arbeit, die sie gut beschäftigt hat – und die genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Denn als sie in den Vorruhestand ging, „wollte ich noch irgendwas machen. Ich wusste nur noch nicht was“, erzählt Harriet Tüngler über die Zeit vor zwölf Jahren.

In diese Zeit der Suche fiel ein Gespräch mit dem damaligen Bürgermeister Willi Hampe, der das Gemeinderatsmitglied Tüngler an die bevorstehende Bürgermeisterwahl erinnerte. Eine Kandidatin gab es schon, doch Willi Hampe hatte eine klare Meinung: Die Uenglinger sollen wirklich eine Wahl haben. Darum ermunterte er Harriet Tüngler zur Kandidatur – einen Tag vor Ende der Bewerbungsfrist. Die wollte eine so weitreichende Entscheidung aber nicht ohne ihre beiden erwachsenen Kinder treffen. „Beide haben gleich gesagt, das ist das Beste, was dir passieren kann“, fasst die heute 75-Jährige die Gespräche von damals zusammen. Sie gab zehn Minuten vor Fristende ihre Bewerbung ab.

Freude über Kita-Neubau

Und sie hat die Wahl gewonnen. „Ich hatte null Ahnung von der Arbeit einer Bürgermeisterin, wurde ins kalte Wasser geworfen“, sagt Harriet Tüngler rückblickend. Doch zum Glück habe sie bei Fragen immer sehr gute Ansprechpartner in der Verwaltung gehabt, erst in der Verwaltungsgemeinschaft Uchtetal, dann nach der Eingemeindung im Jahr 2010 mit Meike Budzinski und André Projahn im Stendaler Rathaus.

Heute sagt sie: „Ich habe die Tätigkeit lieben gelernt. Das Amt war das Schönste, was mir im Ruhestand passieren konnte.“ 95 Prozent der Arbeit seien Freude gewesen, fünf Prozent Ärger. Wäre sie jünger, „dann wäre ich gern noch einmal angetreten“. Doch weil sie sich „früher über die alten Herren im Bundestag aufgeregt“ habe, wollte sie selbst nicht bis ins hohe Alter am Mandat festhalten. Viele Uenglinger hätten sich gefreut, wenn Harriet Tüngler noch einmal kandidiert hätte. Denn dass die Einwohner hinter ihr standen, beweist ein Wahlergebnis: 2014, bei der Wahl des Ortschaftsrates, aus dessen Reihen die Ortsbürgermeisterin gewählt wurde, bekam sie so viele Stimmen, dass ihr vier Sitze im Rat zugesprochen wurden. Mit Stimmen-Rückenwind schickten die Uenglinger sie auch als „ihre Stimme“ in den Stendaler Stadtrat.

Danach gefragt, was sich in den zwölf Jahren ihrer Amtszeit im Ort getan hat, beginnt Harriet Tüngler die Antwort mit dem Kindergarten. „Kinder liegen mir am Herzen“, sagt die 75-Jährige. Darum sei einer ihrer ersten Wege nach der Wahl vor zwölf Jahren der in die Kita „Spatzennest“ gewesen, gemeinsam mit den Ratsmitgliedern. Was sie dort sahen, stellte nicht zufrieden. „Wir haben dann gleich eine Renovierung organisiert“, berichtet Harriet Tüngler. Es wurde gemalert und Jalousien angebracht, ein neuer Zaun errichtet, die Pumpenanlage abgebaut und in die Erde verlegt, ein neuer Fußboden gelegt. Später wurden viele Geräte angeschafft, eine Holzeisenbahn für draußen und eine große Rutsche.

„Der Kindergarten ist sehr beliebt, auch Kinder aus anderen Orten werden dort betreut“, sagt die 75-Jährige und denkt dabei an die gute Zusammenarbeit mit der ehemaligen Leiterin Anke Götzky und der jetzigen Leiterin Andrea Stoppok. Auch wenn in den vergangenen Jahren viel ins „Spatzennest“ investiert worden ist, freut sich Harriet Tüngler über den Kita-Neubau an einem neuen Standort – im Park und damit etwas weiter weg von der Straße, einem künftigen Zubringer zur A 14. Leider gibt es beim Bau leichte Verzögerungen. „Ich hätte mich gefreut, wenn ich die neue Kita noch als Ortsbürgermeisterin hätte einweihen können.“

Nach der Wende, als die Gemeinde 238 Einwohner hatte, habe es unter ihren Amtsvorgängern Werner Kühl und Willi Hampe eine gute Entwicklung gegeben, dank des Neubaugebietes hatte der Ort zu Spitzenzeiten 1165 Einwohner. Heute sind es rund 850. Bald werden es aber vermutlich wieder mehr, denn ein weiteres Baugebiet ist in Vorbereitung. „Es gibt schon einige Anfragen von jungen Familien, die hier bauen möchten“, berichtet Harriet Tüngler.

Ein lebendiges Dorf

Was ihr immer am Herzen gelegen hat, ist das Miteinander der „Alten“ und der „Neuen“ in der Einwohnerschaft. „Das Dorf ist gut zusammengewachsen“, schätzt sie ein und nimmt dies gleich als Stichwort für die vielen Ehrenamtlichen, die sich ins Ortsleben einbringen. Da sind zum Beispiel die 40 Landfrauen, die für Veranstaltungen Kuchen backen und den Maikranz binden. Maibaum-Aufstellen, Dorfweihnacht, das weit über Uenglingens Grenzen hinaus bekannte Drachenfest im Oktober – es gibt viele Gelegenheiten, bei denen alle Uenglinger und ihre Gäste zusammenkommen. Die Feuerwehr und ihr Förderverein, die Schalmeienkapelle, der Sportverein Viktoria, Ortschronistin Sieglinde Rother – sie alle sorgen für eine lebendige Dorfgemeinschaft.

Auch baulich hat sich viel getan. „Alle Straßen sind gemacht“, sagt Harriet Tüngler, schränkt aber ein: „Leider konnten wir die Chausseestraße 2012/13 nur zur Hälfe erneuern, weil dem Wasserverband das Geld ausgegangen ist. Wir warten heute noch auf den zweiten Teil.“ Am Sportplatz wurde ein Spielplatz angelegt, die zwei Container dort wurden mit Mobiliar und einer kleinen Küche ausgestattet.

Am Ende ihrer Aufzählung kommt Harriet Tüngler zu einem klaren Fazit: „Wir sind einfach ein ganz schöner Ort.“