Stendal/Tangermünde l Dass sein Garten den Juroren gefallen hat, bemerkte Holger Oesemann bereits während des Bewertungsrundgangs durch die Tangermünder Kleingartenanlage „Kirschallee“. Die Parzelle Nummer 13 – es ist die von Holger Oesemann – ist ein Eckgrunddstück. Und über Eck, also mit dem diagonalen Blick über die Beete in Richtung Laube war sie einem der Juroren ein Foto wert. Ein paar weitere folgten. Kleingärtner Oesemann nahm es wohlwollend zur Kenntnis. Schön, wenn auch andere seine Parzelle für sehens- und gar fotografierenswert halten. Damit hatte sich die Sache für ihn auch schon.

"Kaiser Wilhelm" zu Weihnachten

Dass am Ende dabei ein Pokal herausspringt, der Holger Oesemann bescheinigt, in diesem Jahr den schönsten Kleingarten auf dem Terrain des Gartenfreunde-Kreisverbandes zu haben – und das umfasst immerhin 61 Anlagen mit etwa 3000 Parzellen – daran hatte Kleingärtner Oesemann nicht im Traum gedacht. Die Freude war entsprechend, die Überraschung auch. Dass beides inzwischen ein wenig auch dem Stolz auf das in seiner Parzelle Geschaffene Platz gemacht hat, ist verständlich.

Man sieht dem Garten an, wie viel Fleiß darin steckt und auch, dass Holger Oesemann ein bekennender Obst-Fan ist. Schon in dem Bereich, der an einen der Hauptwege der Kirschallee-Kleingartenanlage grenzt, fallen mehrere Obstgehölze ins Auge. Einige wie der Apfel- und der Pflaumenbaum im oberen Gartenbereich tragen üppig Frucht. Andere wie der Knorpelkirschen-Baum oder die Clapps Liebling, eine alte Birnensorte, sind frisch gepflanzt und in ein, zwei Jahren für die erste Ernte bereit.

 Zudem wachsen auf der Oesemann-Parzelle verschiedene Pfirsichsträucher, Mirabellen, eine Williams-Christ-Birne und am anderen Ende der Gartenfrontpartie, quasi vis-á-vis der Reihe mit schwarzen, roten und gelben Johannisbeeren ein Weihnachtsapfel-Baum. „Das ist der Kaiser-Wilhelm-Apfel, der wird im Spätherbst geerntet und hält dann bis ins nächste Jahr, bei entsprechender Lagerung “, erklärt Oesemann.

Nutzen, was die Natur vermag

Und als er den Blick auf die frisch gegrabene Fläche in unmittelbarer Nachbarschaft richtet: „Die wird jetzt immer gewässert, damit der Boden wieder Feuchtigkeit hält. Da sollen die neuen Erdbeeren hin.“

Genauer genommen werden es Pflänzchen sein, die der „Garten-Profi“ auch Senker nennt, die Oesemann in wieder einer anderen Ecke seines Gartens aus dem maximal zweijährigen Erdbeerbeet zieht. Erdbeerpflanzen haben die „Angewohnheit“, nicht nur Früchte, sondern auch besagte Senker zu treiben, die sich auf die Erde legen, dort wo sie Bodenkontakt haben Wurzeln ausbilden und darüber neue Pflanzen ausbilden. Sind Blattwerk und Wurzeln im Spätsommer stark genug, werden sie von den Mutterpflanzen getrennt und ins neue, für sie hergerichtete Beet gepflanzt.

Schon erstaunlich, was die Natur alles drauf hat. Man muss es nur zu nutzen wissen. So hat Holger Oesemann schon die nächstjährige Bohnenernte im Blick, wenn er die, die jetzt reifen, nicht komplett aberntet, sondern eine Teil stehen lässt, um daraus Saat zu gewinnen.

Dass all das zuzüglich eines kleinen Goldfischteiches und einer Laube nebst Terrasse auf rund 360 Quadratmetern Platz findet, ist erstaunlich. Und trotzdem hat man nicht das Gefühl von Enge und wirkt der kleine Garten nicht überladen. In der geschickten Aufteilung der Flächen scheint das Geheimnis zu liegen. Im vorderen Teil wie gesagt Platz für Obst und Gemüse, auf kleinen Beeten, auf denen der Eigenbedarf von Kleingärtner Oesemann und das heranwächst, was er an Nachbarn ohne Garten verschenkt.

Grüner Daumen und Geschick

Dieser Bereich bestand, als Holger Oesemann die Parzelle 2006 übernahm, aus Rasen sowie aus Licht und Wasser schluckender, alter Hecke. Beides riss er heraus, ließ daraus den Nutzgartenbereich seiner Parzelle entstehen.

Der zweite Bereich, auf dem die Laube steht und wo eine überdachte Terrasse bis an den Goldfischteich reicht, bietet noch genug Platz, um sich von der Gartenarbeit zu erholen. Dass die bei Holger Oesemann viel mit Kreativität zu tun hat, sieht man schon den geschwungenen, teils gemulchten, teils mit Natursteinen gepflasterten Wegen an. Die Steine stammen übrigens aus dem ersten Garten von Holger Oesemann, den er 22 Jahre lang bewirtschaftete. Auch die Teichanlage ist alles andere als „null-acht-fünfzehn“ und noch in „Umgestaltung“ begriffen. Oesemann will und wird ihr als Nächstes eine neue Filteranlage verpassen, weiß auch schon genau, wie die funktionieren und aussehen wird.

Ein Strandkorb für drei

Letzteres weiß er von der Sitzecke dahinter noch nicht, aber „das wird schon“, ist er optimistisch, dass ihm auch dafür noch zündende Ideen kommen. Eine hat er schon: Vor seinem geistigen Auge ist die alte Hollywood-Schaukel bereits in einen Strandkorb mit Platz für drei Leute umgebaut. Alles in Eigenleistung übrigens, wie auch die mittlerweile komplett sanierte und teils umgebaute Laube.

Für den ehemaligen Lokschlosser, der neben dem grünen Gärtnerdaumen auch ein Händchen fürs Handwerkliche hat, kein Problem. Im kommenden Jahr, zum nächsten Gartenwettbewerb, wird die Parzelle des 62-jährigen Tangermünders dann also noch mehr zu bieten haben. Man darf gespannt sein.