Stendal l Sie war immer kleiner als ihre gleichaltrigen Mitschüler. Trotz aller Mühe konnte sie sich Dinge schlecht merken. Vieles ließ sich nur langsam erledigen, für Außenstehende oft zu langsam. „Ich habe mir zwar immer gedacht: ‚Du bist anders als die anderen‘, hatte aber nie eine Erklärung dafür“, blickt die heute 22-jährige Delia Buchhorn auf ihre Kindheit und Jugend zurück. Irgendwann hat eine ihrer Lehrerinnen sie angesprochen und ihr Infomaterial in die Hand gedrückt – mit Informationen über FASD. Über was?

Diese Frage stellte sich auch Delia Buchhorn. Sie recherchierte im Netz, dass die vier Buchstaben für Fetal Alcohol-Spectrum-Disorder stehen, für Fetale Alkohol-Spektrum-Störung, eine als fetales Alkoholsyndrom bekannte Behinderung. Sie steht für die geistigen und körperlichen Probleme, für die gesundheitlichen Auswirkungen, die Kinder haben, deren Mütter während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert haben. Bei Delias Mutter war das der Fall. Sie starb an Leberzirrhose, als das Mädchen drei Jahre alt war.

Als Delia Buchhorn bei ihren Recherchen erfuhr, das Entwicklungsstörungen ein Ausdruck von FASD sind, aber auch Probleme in der Schule, dass Organe geschädigt sein können, dass Betroffene oft zu klein und viel zu dünn sind, da wusste sie: „Das passt alles genau zu mir.“ Sie besorgte sich in Berlin bei Professor Hans-Ludwig Spohr, der an der Charité das FASD-Diagnosezentrum leitet, einen Termin – und ihr Verdacht wurde mit der Diagnose bestätigt. „Da war mir klar, dass ich für viele Dinge nichts kann. Ich konnte mich in der Schule oder bei der angefangenen Ausbildung noch so sehr anstrengen, mehr ging bei mir nicht“, sagt die 22-Jährige. „Ausruhen“ wolle sie sich aber nicht auf dieser Diagnose, sondern weiter für ihren Lebensplan kämpfen. Auf dem steht zum Beispiel noch eine Ausbildung zur Zerspanerin.

Selbsthilfegruppe

Nicht lange, nachdem die junge Frau die Diagnose hatte, schaute sie sich nach anderen Betroffenen um, fand im April vergangenen Jahres eine Selbsthilfegruppe in Berlin. „Dort fühle ich mich gut aufgehoben, ich kann mich austauschen und werde nicht schräg von der Seite angeschaut“, sagt Delia Buchhorn. Doch weil die Fahrten dorthin zeit- und kostenaufwändig sind, möchte sie gern in Stendal und für die Altmark eine FASD-Selbsthilfegruppe gründen.

„Es sollte sich keiner verstecken, das Thema sollte nicht verschwiegen werden“, wünscht sich die 22-Jährige, die bewusst in die Öffentlichkeit geht. Unter anderem hat sie einen Vortrag im Stendaler Jugendamt gehalten. Der Volksstimme-Bericht darüber machte das ZDF neugierig, das Team der Vormittagssendung „Volle Kanne“ lud sie ein und griff das Thema auf. Jüngst hat die Stendalerin auf einer Fachtagung in Berlin gesprochen.

Beim Wunsch, mit anderen FASD-Betroffenen, aber auch Pflegeeltern, die ein Kind mit FASD-Diagnose betreuen, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, gehe es nicht darum, „die Mütter zu verurteilen, sondern Menschen zu helfen, die FASD haben“, sagt die 22-Jährige und fügt hinzu: „Mir geht es aber auch um den Appell an alle Mütter, während der Schwangerschaft keinen Alkohol zu trinken.“ Sie selbst habe noch keinen Tropfen angerührt.

Wer an der FASD-Selbsthilfegruppe interessiert ist, kann sich bei Bärbel Riep, Selbsthilfekontaktstelle Stendal beim Paritätischen, melden. Zu erreichen ist sie unter der Telefonnummer 0151/16 26 67 44 (Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr). Wenn sich ausreichend Mitstreiter gefunden haben, werden Ort und Zeit des ersten Treffens festgelegt.