Stendal l Wenn am 26. Mai der Stendaler Stadtrat gewählt wird, dann steht der Name einer Politikerin nicht mehr auf dem Stimmzettel, die in den vergangenen 25 Jahren die Stadtpolitik mitgeprägt hat: Helga Zimmermann. Sie hat sich dazu entschieden, kürzer zu treten. Im Gespräch mit der Volksstimme kündigte sie aber auch an, dass sie sich zwar aus dem Stadtrat, nicht aber aus der Politik verabschieden werde.

Helga Zimmermanns politische Karriere begann 1990 mit der Kandidatur für den Kreistag. Es klappte zwar nicht mit einem Sitz, aber sie engagierte sich als sachkundige Einwohnerin im Schulausschuss. Recht naheliegend für die Lehrerin, die von 1970 bis 2005 Chemie und Mathematik unterrichtete. Nach einer Anfangstätigkeit in Thüringen wechselte sie nach Stendal, war zunächst an der Hildebrand, dann der Komarow-Schule. Nach einem Intermezzo als Schulinspektorin wechselte sie an die Wilhelm-Wundt-Schule in Tangerhütte, bevor sie 1994 wieder zurück in Stendal an der Sekundarschule VII lehrte.

Niedrige Gebühren Herzensangelegenheit

Im selben Jahr trat Helga Zimmermann bei der Stadtratswahl an. Und zog in den Rat ein. Mit 760 Stimmen wurde sie gewählt. Ihr wichtigstes Ziel war es, „den Menschen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden“. Menschen, denen es schlecht gehe, sollte geholfen werden. Dass sie dabei auch vieles über die Kommunalpolitik und deren Zusammenhänge lernen musste, gibt sie freimütig zu. Neben Fortbildungsveranstaltungen der eigenen Partei, die damals noch PDS hieß, seien auch Kollegen im Stadtrat hilfreich gewesen. Konkret nannte sie Reiner Instenberg von der SPD.

Im Jahr darauf wurde Zimmermann Fraktionsvorsitzende. Sie bekleidete den Posten bis 2012 und bestimmte in dieser Zeit maßgeblich die Geschicke ihrer Partei. Nach Erfolgen gefragt, blieb die 73-Jährige zurückhaltend und verwies darauf, dass sie nichts allein geschafft hätte. Ein paar Highlights setzte sie aber doch.

Keine Mehrheit bei Stadtwerken

Dass mit den Stadtwerken ausgehandelt wurde, beim Abwasser keinen Grundpreis zu verlangen, sondern nur das zu bezahlen, was verbraucht wurde, gehört dazu. Bis heute sind die Gebühren konstant geblieben. Eine Herzensangelegenheit waren ihr auch immer die Gebühren der öffentlichen Einrichtungen, die sozial verträglich bleiben sollten. Nicht immer sprang dabei die Ermäßigung heraus, die sie sich gewünscht hätte, aber 25 Prozent seien ja auch nicht schlecht.

Was sie hingegen wurmt, ist, dass es nicht gelungen ist, als Stadt wieder die Mehrheit der Anteile an den Stadtwerken zu bekommen.

Beim politischen Gegner geschätzt

Als negatives Erlebnis bleibt ihr auch, dass viele kleine Schulen in den vergangenen Jahren geschlossen wurden. Umso froher ist sie darüber, dass die Sekundarschule „Komarow“ erhalten wurde, die auch schon auf der Kippe stand. Ähnlich sei es mit der Petrikirchhofgrundschule gegangen, die nun nicht nur nicht geschlossen werde, sondern einen Neubau erhalte.

Geschätzt wurde Zimmermann im Stadtrat durchaus auch beim politischen Gegegner. Einer von ihnen ist der Stadtratsvorsitzende Thomas Weise (CDU). Im Oktober 2014 wurde sie nach dem Tod von Klaus Peter Noeske zur stellvertretenden Stadtratsvorsitzenden gewählt. Sie bekam 29 Ja-Stimmen bei acht Gegenstimmen und vier Enthaltungen. Die Linke, so hieß ihre Partei mittlerweile, hatte zu jenem Zeitpunkt nur elf Sitze im Stadtrat. Weise macht kein Hehl daraus, dass er ihre Mitwirkung im Stadtratsvorsitz schätzt. „Sie würde mich auch korrigieren, wenn ich mich bei einer Abstimmung zu Gunsten der Linken verzählt hätte“, sagte er gegenüber der Volksstimme.

2012 Mitglied der Bundesversammlung

Zu Helga Zimmermanns bedeutendsten Erlebnissen als Stadträtin zählt die Teilnahme an der Bundesversammlung vor fast genau sieben Jahren, am 18. März 2012. Ein bisschen aufgeregt sei sie schon, hatte die gestandene Politikerin am Vorabend ihre Gefühlswelt geschildert, als sie in Berlin bei einer Feier mit Beate Klarsfeld war. Klarsfeld hatte Bekanntheit durch ihr Engagement bei der Aufklärung und Verfolgung von NS-Verbrechen und nicht zuletzt durch die Ohrfeige 1968 für den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU), den sie „Nazi“ anzischte und damit seine Karriere im Dritten Reich anprangerte.

Nun also will Helga Zimmermann etwas ruhiger treten, ebenso wie ihr Ehemann Peter, der sich nicht mehr bei der Kreistagswahl stellt. In den Wahlkampf will sie sich trotzdem aktiv einbringen, das sei schon immer so gewesen, dass die Kandidaten nicht allein gelassen würden. Was sie am Stadtrat vermissen wird, konnte sie noch nicht sagen. „Noch bin ich ja drin, das stellt sich dann wohl erst später ein“, sagte sie. Was sie mit ihrer gewonnenen Zeit anfangen kann, wusste sie aber sehr wohl: „Mein Mann und ich werden jetzt leichter einen Termin für gemeinsame Unternehmungen finden