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Theater der AltmarkStruwwelpeter-Musical in Stendal: Gute Stube wird zum Schlachtfeld

Schrill, grotesk und mega unterhaltsam: das Junk-Mucial „Shockheaded Peter“. Im Theater der Altmark in Stendal trifft Hoffmanns „Struwwelpeter“ auf britischen Humor.

11.10.2023, 20:00
Fynn Zinapold (Vater, von links), Patricia Hachtel (Mutter) und Lukas Franke (Kind) in der Geschichte vom zündelnden Paulinchen.
Fynn Zinapold (Vater, von links), Patricia Hachtel (Mutter) und Lukas Franke (Kind) in der Geschichte vom zündelnden Paulinchen. Foto: Nilz Böhme

Stendal - Donald Lyko

Weihnachtsfeste in Familie können mitunter chaotisch sein, können zur echten Belastungsprobe für den Mikrokosmos Verwandtschaft werden. Soweit die Normalität. Wenn dann aber auf dem Gabentisch ein „Struwwelpeter“-Spiel liegt und sich das Familientrio gleich ans Werk macht, die tragischen Geschichten von den bösen Buben, von Hanns Guck-in-die-Luft, vom bösen Friederich, Suppen-Kaspar, Daumenlutscher, Zappel-Phillip und dem zündelnden Paulinchen in wechselnden Rollen nachzuspielen, ist eines vorprogrammiert: Die gute Stube wird zum Schlachtfeld, es gibt ordentlich was auf die Ohren, viele Tote. Es wird laut und blutig – und mega unterhaltsam.

Denn schon sind wir mittendrin in „Shockheaded Peter“. Die Briten Phelim McDermott, Julian Crouch und die Tiger Lillies haben mit „Struwwelpeter“-Motiven eine Junk-Oper geschaffen, die 1998 ihre Uraufführung in London erlebt und mit der neuen Spielzeit ihren Weg nach Stendal gefunden hat. Dort, im Kleinen Haus des Theaters der Altmark, im geschlossenen Reich der guten Stube, lassen es Vater, Mutter und Kind so richtig krachen. Abgeschnittene Daumen, erschossener Jäger, verbranntes Mädchen, ertrunkener Junge... Es geht ordentlich zur Sache. Darum gleich zu Beginn die Warnung: „Diese Dinge sind echt nichts für Leute, die ihre Flüssigkeiten nicht halten können.“

Seit der Arzt und Psychiater Dr. Heinrich Hoffmann im Jahr 1845 sein Geschichtenbuch „Struwwelpeter“ veröffentlicht hat, reißt die Kritik an seiner Brachial-Pädagogik nicht ab. Wenn die aber rund 180 Jahre später mit bitterbösem britischen Humor überzeichnet wird, bietet die „Kampfzone“ Familie für ein Ensemble, das sich darauf einlässt, ein wahres Spieleparadies. Getreu dem Motto „Denen zeigen wir es“ können die Darsteller menschliche Abgründe grotesk, makaber, gelegentlich sadistisch und auch sensibel auf der Bühne ausleben. Man möchte fast sagen: Welch ein Geschenk. Das nutzen Patricia Hachtel (Mutter), Fynn Zinapold (Vater) und Lukas Franke (Kind) weidlich aus.

Unerschöpflicher Fundus an Kostümen und Requisiten

Das von Ausstattungsleiter Mark Späth eingerichtete Wohnzimmer inklusive der Geschenkekisten unter dem Christbaum bietet ihnen dafür einen schier unerschöpflichen Fundus an Kostümen und Requisiten. Ob singend, spielend, tanzend, sich verkleidend – das Trio überzeugt über die gesamte Länge der rund 75-minütigen Inszenierung, deren Regie Geertje Boeden übernommen hat. Das Dreier-Gespann hält das Tempo hoch, wirbelt unermüdlich in ihrer Spielewelt umher. Es zündet im besten Sinne ein optisch-akustisches Feuerwerk, das auf die Zuschauer einprasselt, ein Feuerwerk aus Sprache, Pantomime, Choreografie, wunderbaren Stimmen – und vor allem mitreißender Musik.

Die kommt mal als Tango daher, mal als Bänkelgesang, als Chanson, mal rockig oder im Schunkeltakt – und sie ist bei Niclas Ramdohr in den besten Händen, inklusive kleiner Änderungen für die Stendaler Version. Der musikalische Leiter des Theaters der Altmark steht mit Sebastian Schulze (Saiteninstrumente) und Aron Thalis (Schlaginstrumente) auf der Bühne, hat mit seiner Spinne Daphne (eine Handpuppe von Catrin Frieser) immer wieder moderierend-verbindende Soloauftritte. Musiker und Schauspieler begegnen sich mit ihren Beiträgen zur Inszenierung auf Augenhöhe, machen das Stück zu einem Gesamterlebnis.

Wer sich auf die „Shockheaded Peter“-Inszenierung in Stendal einlässt, wird mit einem Theaterabend belohnt, der Unterhaltung mit Botschaft verknüpft. Denn auch in der Überzeichnung einer modernen Junk-Oper wirken Hoffmanns (antiquierte?) Figuren hinein ins Heute. Da schaut der Hanns aber nicht mehr in die Luft und fällt ins Wasser, sondern schaut nur noch aufs Handy... Womit wir bei der zeitlosen Struwwelpeter-Moral sind: Wer nicht hören will, muss fühlen!

Nächste Vorstellungen 2023 im Theater der Altmark Stendal: 19. Oktober (19.30 Uhr), 12. November (18 Uhr), 25. November (19.30 Uhr), 29. Dezember (19.30 Uhr)