Toter Inder

Tagelang tot im Zimmer gelegen

17 Jahre lang lebte Amrik Singh in Stendal im Flüchtlingsheim. Am 23. Oktober wurde der Inder tot aufgefunden - durch Übermaß an Alkohol.

"Er hat sich in den vergangenen Jahren sehr zurückgezogen“, sagt Gabriel Joseph, der ebenfalls aus Indien stammt und eine Zeitlang in der Gemeinschaftsunterkunft gelebt hat, ehe seinem Asylantrag stattgegeben wurde. Er hatte mehr Glück als Amrik Singh, der als Status „Duldung“ hatte  – und das mehr als anderthalb Jahrzehnte lang.

Amrik Singh stammte aus dem nordindischen Bundesstaat Punjab, wo es immer wieder politische Unruhen gibt. Er gehörte zu der religiöse Gruppe der Sikhs. 1984 ließ die damalige indische Premierministerin Indira Gandhi nach schweren Unruhen zwischen Hindus und fundamentalistischen Sikhs deren höchstes Heiligtum, den Goldenen Tempel von Amritsar, der von bewaffneten Sikh-Extremisten besetzt worden war, stürmen. Schon seit den 1970er Jahren gibt es Bemühungen der Sikhs, einen unabhängigen Staat zu gründen.

Amrik Singh flüchtete Mitte der 1990er Jahre mit Mitte 20 nach Deutschland und beantragte Asyl. Seit 1998, also von Beginn der Gemeinschaftsunterkunft am Möringer Weg, lebte der Inder dort. Insgesamt also 17 Jahre lang.

„Er war nicht von Abschiebung bedroht“, sagte Landrat Carsten Wulfänger (CDU) kurz nach dem Tod des Mannes. Es habe zwar in der zurückliegenden Zeit Bemühungen gegeben, den Mann nach Indien abzuschieben, jedoch konnte aktuell davon keine Rede sein. „Die Indische Botschaft wollte uns keine Ersatzpapiere ausstellen“, so Wulfänger. Vielmehr noch, die Indische Botschaft verweigerte jede Zuständigkeit. 

Der zuständige Mitarbeiter des Landkreises ist sogar in Berlin persönlich vorstellig gewesen, um die Papiere zu erledigen. Dies war nicht möglich. Und so befand sich Amrik Singh über Jahre rechtlich in einem Schwebezustand. „Wir haben mehrere solche Fälle“, sagt Wulfänger. 

Amrik Singh durfte nicht arbeiten, ihm standen rund 360 Euro monatlich zu. Das war‘s. Er sah in der Gemeinschaftsunterkunft die Menschen kommen und gehen. „Er war ein fröhlicher Mensch, als ich ihn kennengelernt habe“, sagt Gabriel Joseph. Irgendwann hat er zur Flasche gegriffen und seinen Frust im Alkohol ertränkt. Die Mitbewohner sehen ihn oft tagelang nicht, auch eine Gruppe Inder, die viel später in die Asylunterkunft kamen, wissen so gut wie nichts über ihn. „Er wollte keinen Kontakt mehr haben“, sagt Joseph, der mittlerweile in Osterburg lebt. Seinen Landsmann hat er zuletzt sechs Wochen vor dessen Tod gesehen. „Er war frustriert“, sagt Joseph. Er habe immer auf eine Aufenthaltsgenehmigung gehofft. Aber so richtig viel weiß er über ihn auch nicht. „Seine Eltern sind verstorben“, sagt Joseph. Und: „Er soll einen Sohn in Deutschland haben.“ Beim Landkreis weiß man davon nichts.

Allein die Suche nach einem Foto von Amrik Singh gestaltet sich äußerst schwierig. Schließlich gelingt es Gabriel Jospeh eines von einem Bekannten, der mittlerweile wieder in Indien ist, aufzutreiben. Es zeigt ihn zusammen mit einem unbekannten Mann vor der Gemeinschaftsunterkunft. „Da hatte er schon eine Glatze, früher hat er ganz volles Haar gehabt“, sagt Joseph. 

Gabriel Joseph erfährt erst Tage nach dem Tod seines Landsmannes von dessen Ableben. Da laufen im Hintergrund letzte bürokratische Mechanismen. Für Asylbewerber ist grundsätzlich der Landkreis zuständig, diese Pflicht endet mit dem Tod. Von daher musste sich die Stadt um den Leichnam kümmern. „Wir haben über die Indische Botschaft versucht, bestattungspflichtige Angehörige ausfindig zu machen“, sagt Stadtsprecher Klaus Ortmann. Erfolglos.

Amrik Singh wurde am 4. November anonym auf dem städtischen Friedhof in Stendal beigesetzt. In aller Einsamkeit.