Stendal l Unzufrieden ist Denise Schmidt eigentlich nicht. Die 28-Jährige hat einen Job. Als Bürokraft arbeitet sie für die Lebenshilfe in Tangerhütte. Trotz ihres Handicaps. Die gebürtige Stendalerin sitzt im Rollstuhl, sie gilt als geistig behindert. Und so sehr sie die Arbeit bei dem gemeinnützigen Verein, der Menschen mit Behinderungen unterstützt, schätzt: Sie hat doch höhere Ziele. „Ich möchte in den ersten Arbeitsmarkt“, sagt sie selbstbewusst. Und nicht nur das. Ihr Interesse geht über das Arbeitsleben hinaus. Die Akzeptanz von gehandicapten Menschen insgesamt zu erhöhen, liegt ihr am Herzen.

Die junge Frau erzählt ihre Geschichte am Mittwoch in einem Seminarraum auf dem Campus der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie ist bei einer Pressekonferenz zu Gast, auf der ein Projekt des Fachbereiches für Angewandte Humanwissenschaften vorgestellt wird. Überschrieben ist es mit dem Titel „Inklusive Bildung Sachsen-Anhalt“. Denise Schmidt gehört zu den sechs Teilnehmern.

Universität Kiel ist Vorbild

Die nächsten drei Jahre werden sie überwiegend an der Stendaler Hochschule verbringen, um zu sogenannten Bildungsfachkräften ausgebildet zu werden. Das Ziel des Projektes ist klar definiert: „Wir wollen das Bewusstsein der Studierenden an der Hochschule für Inklusion erhöhen“, sagt Dr. Wiebke Bretschneider, die dem Projekt als Koordinatorin vorsteht. Das heißt, dass sich die sechs Teilnehmer ins akademische Leben integrieren. Den Studenten ohne Behinderung sollen sie Erfahrungen aus ihrer Lebenswelt nahebringen. Die Begegnung auf Augenhöhe wird langfristig angestrebt.

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Bei der Umsetzung orientiert man sich in Stendal an den Erfahrungen der Universität Kiel. Dort lief ein ganz ähnliches Vorhaben, das durchaus Vorbildcharakter hat, vor drei Jahren an. „Als ich im August 2017 den Kieler Flyer in die Hände bekam, war ich sofort begeistert“, berichtet Prof. Matthias Morfeld. Er schob das Projekt maßgeblich an, stellte den Kontakt zum Wirtschaftsministerium her und sicherte damit die Finanzierung. Gut eine Million Euro stellt die Behörde bereit.

Workshops im Wintersemester

Auf die Kieler Expertise möchte man in Stendal nicht verzichten. Entsprechend eng ist die Zusammenarbeit. „Unsere Teilnehmer geben Seminare, Vorlesungen und Workshops. Sie vermitteln Inklusionskompetenz“, erklärt Gesa Kolbs vom Kieler Institut für Inklusive Bildung, die am Mittwoch ebenfalls auf der Pressekonferenz zu Gast war. Besonders in der Lehrerausbildung sei die Resonanz sehr zufriedenstellend. Das Engagement für Inklusion wird sich aber nicht auf pädagogische Studiengänge beschränken. „Ein enger Draht soll auch zu den Ingenieuren gepflegt werden. Das ergibt vor allem in Hinblick auf die Diskussionen über Barrierefreiheit sehr viel Sinn“, schätzt Matthias Morfeld ein.

Bis die Stendaler Teilnehmer mit den Studenten in Kontakt treten, wird allerdings noch ein bisschen Zeit vergehen. Zunächst müssen sie das nötige Rüstzeug erlernen. Dafür sind die Bildungswissenschaftler Marleen Lüders und Claus Wowarra verantwortlich.

Die Ausbildung läuft nach einem klar strukturierten Handbuch ab. „Im nächsten Wintersemester könnte es bereits das erste Politseminar geben“, ist Marleen Lüders optimistisch.