Stendal l Nein, auf den zweiten Blick hat Kathrin Berg die Schauspielerei nicht entdeckt. Obwohl es vielleicht den Anschein macht. Eine Ausbildung zur Optikerin steht da nämlich in ihrem Lebenslauf. Danach ein Studium der Kulturwissenschaften.

„Nach der Schule haben mir viele geraten, was ‚Solides‘ zu machen“, erklärt sie den Ausflug ins Handwerk. Wohl wissend, dass die Wahrscheinlichkeit, in diesem Beruf alt zu werden, eher gering war. Das Ziel, eines Tages professionell auf der Bühne zu stehen, verlor die gebürtige Dresdnerin (Jahrgang 1984) nie aus den Augen. Trotz der Arbeit und des Studiums.

Und nahm deshalb – wie wahrscheinlich jeder Schauspieler – die ein oder andere Enttäuschung in Kauf. Nicht jedes Vorsprechen war von Erfolg gekrönt. Dennoch: Mit der Zurückweisung muss man umzugehen lernen. Mit den Zweifeln, die sich ab einem bestimmten Zeitpunkt im Kopf breitmachen. Ob man das will oder nicht.

Ein Jahr Pause

„Hin und wieder waren die Vorsprechen so etwas wie Hau-ruck-Aktionen. Neben der Arbeit blieb zu wenig Zeit, sich intensiv darauf vorzubereiten“, erinnert sich Kathrin Berg. Irgendwann fasste sie einen Entschluss. Sie legte eine Pause ein. Ein Jahr setzte sie sich dem Stress, andere Menschen von ihren schauspielerischen Qualitäten zu überzeugen, nicht mehr aus. „Ich wollte damals zur Ruhe kommen. Kurz aussetzen und richtig darüber nachdenken“, erklärt die junge Frau. Ein Abschied von der Bühne sollte dies aber nicht sein. Freunde bestärkten sie darin, nicht aufzugeben, an ihr Talent zu glauben.

Sie behielten recht. In Frankfurt überzeugte Kathrin Berg die Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Ein Moment, der viel emotionaler wohl nicht hätte sein können. „Ich bin auf die Knie gefallen vor Erleichterung“, erinnert sich die 35-Jährige. Es hatte sich also doch gelohnt, es noch einmal zu probieren.

Seit dem sind zehn Jahre vergangen, in denen sie vielfältige Erfahrungen gesammelt hat. Während des Schauspielstudiums stand sie im Staatstheater Wiesbaden, im Stadttheater Gießen und im Schauspiel Frankfurt auf der Bühne. Es folgten Engagements an der Badischen Landesbühne Bruchsal, am Landestheater Detmold und am Rheinischen Landestheater in Neuss. Sie trat in klassischen Stücken wie in zeitgenössischen auf. „Ich bin froh, dass ich schon viele Häuser kennengelernt habe. Nach den häufigen Wechseln freue ich mich allerdings auch, dass ich die Gewissheit habe, in den nächsten zwei Jahren auf jeden Fall in Stendal zu arbeiten.“ So lange läuft ihr Vertrag am Theater der Altmark (TdA).

Dass sie in diesem Sommer hier gelandet ist, hat nicht unwesentlich mit dem Intendanten zu tun. Mit Wolf E. Rahlfs arbeitete Kathrin Berg vor einigen Jahren in Bruchsal zusammen. Der Kontakt riss nicht, schließlich kam die Anfrage, ob sie sich prinzipiell vorstel- len könne, in Stendal zu arbeiten.

Stendaler haben einen Sinn fürs Schöne

Kurz wägte die Dresdnerin ab. Eigentlich hatte sie damit geliebäugelt, es als freie Schauspielerin zu versuchen. Nachdem aber das Vorsprechen positiv verlaufen war und ihr die Atmosphäre am Haus zugesagt hatte, war sie überzeugt. „Ich habe den Eindruck, dass es hier sehr familiär zugeht. Es fühlt sich vertraut an. Bis jetzt ist die Arbeit sehr erfüllend“, beschreibt sie die ersten Monate an der neuen Wirkungsstätte.

Dabei stimmt das Gesamtpaket. Sie mag nicht nur das Theater, sondern auch die Stadt. Stendal hat es der Schauspielerin angetan. Angefangen vom Stadtbild – besonders die Kirchen behagen ihr – bis hin zur Tatsache, dass es trotz der übersichtlichen Größe viel zu entdecken gebe. Kleine Orte, die trotzdem Ausstrahlung haben und an denen sie gerne ihre Zeit verbringt. Das Rosencafé im Gerberhof zum Beispiel oder das Herbsthaus im Birkenhagen. Den Einwohnern attestiert sie einen Sinn für Ästhetik „Die Menschen wollen es hier schön haben. Das gefällt mir sehr“, schildert Kathrin Berg ihre Eindrücke.

Was ihr in ihrer bisher kurzen Stendaler Zeit aufgefallen ist: Die Mitglieder des Theaterfördervereins seien stolz auf ihr Haus und würden sich rührend kümmern. Über das Publikum und seine Erwartungen will sie hingegen noch kein Urteil fällen. Dafür müsse noch etwas mehr Zeit vergehen. Zumal sie sich bis dato erst in einer Nebenrolle im Stück „Die lächerliche Finsternis“ präsentieren konnte.

Das wird sich in den kommenden zwei Jahren sicherlich ändern.