Stendal l „Entschuldigung, kommen sie von außerhalb?“ Vielleicht nicht die gängigste Art, Leute auf der Straße anzusprechen, schließlich werden für Befragungen normalerweise Einheimische bevorzugt. Aber wie sonst sollen Ende August 2018 noch Touristen gefunden werden? Der Sommer ist gefühlt schon zu Ende und Sommerferien haben nur noch wenige Bundesländer, damit geht auch der Tourismus erheblich zurück. Die wenigen verbliebenen Angereisten sind nur am neugierigen Fotoschießen oder Interesse an Sehenswürdigkeiten zu erkennen, um die sich Einwohner schon lange nicht mehr scheren.

Flucht aus der Großstadt

Wer allerdings außerhalb der üblichen Zeiten wegfahren kann, spart sich so eine Menge unnötigen Stress durch andere Urlauber. So etwa ein älteres Paar aus Köln, das sich auf dem Weg nach Usedom befindet und dafür Zwischenhalt in der Altmark macht. Die beiden sind in Tangermünde untergekommen und erkunden von dort aus die Umgebung, bevor es zum eigentlichen Ziel weitergeht. Auf ihrer Reise wollen sie von dem Kölner Großstadttrubel entkommen, und ein paar Tage in ruhigeren Ecken verbringen. „Was andere hier vermissen, ist für uns ein Grund zum Fliehen“, kommentieren sie die verschiedenen Einstellungen zwischen Groß- und Kleinstädten. Ein wenig Bildung ist auch im Trip mitinbegriffen, hier im Osten lernen sie völlig neue Gegenden kennen, die ihnen einst viele Jahre lang verwehrt waren. Das Nachholen hat wohl einfach 30 Jahre gedauert.

Spontaner Einfall

Der Berliner Axel Lewin ist dagegen eher unfreiwillig hier gelandet, konnte sich dafür aber schnell mit dem spontanen Reiseziel anfreunden. Eigentlich wollte er nach Wolfsburg fahren, musste dann jedoch im Zug feststellen, dass seine Behindertenkarte für den nicht gültig war. Und selbst diese Fahrt war ein eher spontaner Einfall, nachdem ein geplantes kleines Familientreffen kurzfristig ausfiel. So blieb er wegen gleich zwei Zufällen in Stendal hängen, ließ sich von seinem Smartphone durch die Stadt leiten und staunte über die Preise, die weit unter denen seiner Heimatstadt liegen. Beim Telefonat mit der Familie meinte er schon scherzhaft: „Ich komm‘ nicht zurück“, und überlegt bereits, sich eine eigene Wohnung in der Hansestadt zuzulegen.

Bilder

Gelegentlich landen noch Besucher absichtlich in Stendal, und dann auch als Hauptziel. Familie Drawe aus Castrop-Rauxel hat hier teilweise Wurzeln, die Mutter ist in Stendal großgeworden. Reiseführer sind nicht nötig, sie kennt sich noch bestens in der Stadt aus, in der sie nach langer Zeit wieder mal eine Woche verbracht hat. Die verschiedenen Ferienzeiten zwischen Heimat und Reiseziel kommen der Familie entgegen: Sie verbringen die letzte Woche der nordrhein-westfälischen Sommerferien in Stendal, in das in der Schulzeit schon wieder Ruhe eingekehrt ist.

Wiederum andere sehen auf den ersten Blick vielleicht wie Urlauber aus, sind aber primär aus beruflichen Gründen hier und kriegen dementsprechend weniger von Stendal mit. Shirley Ortmann, ihre Familie und ihr Wohnwagen bleiben für eine Woche auf dem Schützenplatz. Daneben steht der Mitmach-Zirkus, den sie hier zusammen mit der bilingualen Grundschule betreibt. Die Nachkommin einer sieben Generationen alten Zirkusfamilie war dieses Jahr schon in Bayern, an der Ostsee, an der tschechischen Grenze und zieht bald nach Saarlouis nahe Frankreich weiter. In Stendal ist die Buchhorsterin nach vier Jahren zum zweiten Mal, und sie ist bereits zum zweiten Mal zu beschäftigt, um die Stadt richtig auszukosten: „Wir kommen fast nie raus, wenn wir unterwegs sind. Auch hier in Stendal haben wir, obwohl wir zum zweiten Mal da sind, noch keine Zeit gehabt. Wir waren nur einmal beim Griechen. Aber sollten wir es noch schaffen, würden wir uns die Stadt sehr gerne noch ansehen.“