Stendal l Da sage noch einer, dass Informatiker nicht praktisch veranlagt wären. Die Mitarbeiter der Firma COMAN Software beweisen das Gegenteil. Ihr Großraumbüro an der Lüderitzer Straße bauen sie momentan auf eigene Faust um. Heißt, Möbel auseinander schrauben, umräumen und wieder zusammenschrauben. Das erfordert zuweilen vollen Körpereinsatz. Zum Glück geht der Limonadenvorrat so schnell nicht zur Neige. Für Erfrischung wird stets gesorgt.

Typisch für ein Start-up-Unternehmen, steht die Zufriedenheit der Mitarbeiter bei den Geschäftsführern auf der Prioritätenliste ziemlich weit oben. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass in dem früheren Stima-Gebäude nicht hoch konzentriert gearbeitet wird. So zeugen denn auch die Umbauarbeiten von nichts anderem als dem Umstand, dass das kleine Stendaler Unternehmen sich auf klarem Wachstumskurs befindet.

Großunternehmen gehören zu den Kunden

Startete man bei der Gründung im März 2018 noch mit drei Mitarbeitern in Vollzeit und einer Kraft mit einer halben Stelle, stieg die Zahl im April auf zwölf Festangestellte. Das wird nicht das Ende der Fahnenstange sein. Auf eine konkrete Zahl will sich Mats-Milan Müller, zuständig fürs Marketing der Firma, dabei nicht festlegen. „Der Businessplan für 2020 sieht aber Akquise von neuem Personal vor“, stellt er klar.

Aber warum agiert das IT-Unternehmen so erfolgreich am Markt? Und wieso haben sich die Gründer von COMAN ausgerechnet Stendal als Standort ausgesucht, also eine Stadt, die bisher nicht unbedingt als Hotspot der IT-Branche bekannt war?

Die Antwort auf die erste Frage ist auf den ersten Blick eine einfache: Weil COMAN ein Produkt anbietet, das es in dieser Form noch nicht gab. Eine Software nämlich, die den Fortschritt beim Bau von Anlagen erfasst. Spezialisiert auf die Automobilindustrie. Inhaltlich geht es um ein digitales und vernetztes Projektmanagement mit einer mobilen Statuserfassung vor Ort. Jeder an einem Großprojekt weltweit Beteiligte soll in Echtzeit abrufen können, wie der aktuelle Stand ist. Verzögerungen kommt man damit schnell auf die Spur.

Namhafte Kunden haben die Stendaler mit Daimler, Volkswagen, Siemens und Thyssenkrupp dafür bereits gewonnen. Der Blick richtet sich aber bereits auf auch auf Kunden aus dem euroäischen Ausland. Beim wem die Software in naher Zukunft zum Einsatz kommen wird, möchte Milan-Mats Müller aber noch nicht verraten. Der Marketing-Chef weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass dahinter eine Menge Arbeit steckt und der Erfolg kein Zufallsprodukt sei: „Alleine die Entwicklung der Software hat zehn Jahre gedauert.“

Die Lage ist das große Plus der Stadt

Bleibt noch die Beantwortung der zweiten Frage. Wieso unbedingt Stendal als Standort? Eine Vielzahl an Gründen habe bei der Wahl eine Rolle gespielt, sagt Mats-Martin Müller. Einerseits der Wunsch eines der Firmengründer in die Altmark zurückzukehren. Andererseits sei die Beteiligungsgesellschaft bmp Ventures AG Geld vom Land Sachsen-Anhalt als Investor eingestiegen. Ein Standort im Bundesland habe da nahe gelegen. Möglichst zentral sollte die Lage auch sein und Berlin gut erreichbar. Deshalb machte die Rolandstadt am Ende das Rennen gegenüber Städten wie Magdeburg und Halle. COMAN könnte damit Vorreiter einer Entwicklung sein, die sich viele Politiker in Kreis und Stadt erhoffen: Dass Berliner Start-Up-Unternehmen auf die Altmark aufmerksam werden und ihren Firmensitz in die Region verlagern.

Durch den Bahnhof sei wenigstens eine infrastrukturelle Voraussetzung dafür gegeben, sagt Mats-Milan Müller. Davon profitiere auch seine Firma: „Einige Mitarbeiter reisen tatsächlich jeden Tag aus Berlin an.“ Den Pendlern komme man dabei mit flexiblen Arbeitszeiten entgegen. Zusätzlich werden sie mit einer Bahncard 50 ausgestattet. Naheliegend ist die zweite Bedingung, ohne die nicht viel gehen wird: flächendeckend schnelles Internet. „Und darunter verstehen wir auf jeden Fall Glasfaserkabel“, stellt der COMAN-Marketingchef klar.

Davon abgesehen brauche man einen langen Atem und müsse wirklich intensiv in Berlin Präsenz zeigen. Und zwar gezielt dort, wo die Start-Up-Szene sich trifft und zuhause ist. Zumal die Konkurrenz nicht schläft. Um Aufmerksamkeit buhlen dort viele. Wahrscheinlich haben die wenigsten Gründer schon einmal von Stendal gehört. Auch die brandenburgischen Städte wollen von der Berliner Start-Up-Branche profitieren. „Mit einer einmaligen Kampagne ist es nicht getan. Das müsste über mehrere Jahre laufen“, ist sich Mats-Milan Müller sicher.