Tangerhütte l Obwohl sie beim Tod ihres Vaters erst vier Jahre alt war, hat Anika Andres noch gute Erinnerungen an ihn. „Wir waren viel auf dem Moped oder mit dem Fahrrad unterwegs. Ich war immer mit dabei.“ Uwe Andres wäre heute mit Sicherheit stolz auf seine 33-jährige Tochter. Sie lebt in Hannover, arbeitet als Prophylaxe-Schwester bei einem Zahnarzt und sie ist, wie einst er, aktives Mitglied der Feuerwehr im heimatlichen Weißewarte.

Dort hat sich Mutter Brunhild Andres eingerichtet. Seit 15 Jahren hat die Witwe einen neuen Partner an ihrer Seite, sie lebt in dem Haus, dass sie vor 30 Jahren gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann umzubauen begann. Dieser konnte die Fertigstellung nicht mehr erleben. Er verbrannte förmlich am 13. Oktober 1988 in der Gießerei III des Tangerhütter Eisenwerkes, nachdem ein glühend heißer Eisenstrom aus einer defekten Gießpfanne austrat. 117 schmerzhafte Tage später verstarb er an den Folgen.

Unfall hat eine Vorgeschichte

Brunhild Andres hat das Geschehene nicht vergessen, aber im Laufe der Jahre anderen Gedanken untergeordnet. Sie musste allein eine Tochter versorgen, sich allein darum kümmern, dass aus der Baustelle nach und nach ein Heim wird. Noch dazu konnte die studierte Ökonomin in den Wendewirren und viele Jahre danach beruflich kaum mehr Fuß fassen. Erst als sie durch den Journalisten noch einmal mit der Katastrophe konfrontiert wurde, sprudelt es aus ihr heraus. Es sind weniger Vorwürfe, es sind viele, viele offen Fragen, die bis heute unbeantwortet blieben.

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Heidemarie (76) und Hugo (80) Baumgart hingegen versuchten Antworten zu finden. Denn für beide verging in den vergangenen 30 Jahren kein Tag, an dem sie nicht an die schrecklichen Ereignisse vom 13. Oktober 1988 denken müssen. Der Mann überlebte den Unfall nur, weil die Erstversorgung funktionierte. Seine Brust wurde von den Verbrennungen weitgehend verschont, er konnte frei atmen. Die inneren Organe waren gesund und auch im Unterbewusstsein verlor er den Lebenswillen nicht. Nach sieben Monaten Krankenhausaufenthalt, Hauttransplantationen und einer Unterschenkelamputation, entließen die Ärzte das „medizinische Wunder“ als schweren Pflegefall.

Seit dieser Zeit kann Hugo Baumgart nur auf Spezialkissen sitzen. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen, weil er keine Prothese tragen kann. Täglich zweimal müssen die Brandnarben gesalbt werden. Aufgrund des Alters fällt es seiner Frau zunehmend schwerer, ihren Mann zu pflegen. „Der Gedanke, dass dieser Unfall durch Schlamperei passierte und all die Ungereimtheiten bringen uns immer wieder in ein Auf und Ab der Gefühle“, so Heidemarie Baumgart.

"Geschlampt" wurde in Leipzig

Zwei dicke Ordner voll Schriftverkehr sind das Ergebnis ihrer Suche nach Antworten. Unter anderem geht es um die Schuldfrage. Nach der Maueröffnung teilte der Staatsanwalt den Baumgarts in einem persönlichen Gespräch am 18. Januar 1990, aber erst nach schriftlicher Anfrage, mit, dass das entsprechende Verfahren bereits vor der Wende, im Juli 1989, eingestellt worden sei.

Fest stand aber: „Geschlampt“ wurde in Leipzig, wie die Ermittler herausfanden. Die Verantwortung für eine nicht fachgerecht ausgeführte Schweißnaht an der Gießpfanne trug eine dortige Leichmetallgießerei. So hatte der Behälter für vier bis fünf Tonnen flüssiges Eisen nicht die erforderliche Tragfähigkeit. Durch das unglückliche Verklemmen des Getriebes am Unfalltag wurde der Neigungswinkel zu groß, die Schweißnaht versagte, die Katastrophe nahm ihren Lauf.

Das Unglück hat auch eine Vorgeschichte. Bereits am 7. April 1980 kippte schon einmal eine Gießpfanne auf ähnliche Weise im Tangerhütter Eisenwerk, wodurch es zu einem leichteren Arbeitsunfall kam. Von Seiten des Leipziger Herstellers wurde damals behauptet, dass dies nicht möglich wäre. Der Behälter wurde zwar aus dem Verkehr gezogen, der Vorfall aber nicht weiter untersucht.

Verantwortliche nicht mehr da

Acht Jahre später, nach dem Unglück vom 13. Oktober 1988, seien die Verantwortlichen nicht mehr in dem Leipziger Unternehmen beschäftigt gewesen, es bestanden andere „Unterordnungen“, so der Staatsanwalt damals gegenüber den Baumgarts. Außerdem wäre eine Verjährung eingetreten.

Die im Eisenwerk Beschäftigten hätten laut Staatsanwalt „keine Ursache gesetzt“, der Unfall sei von ihnen nicht vorausschaubar gewesen. Rechtsverletzungen seien nicht festzustellen. Dass der Fluchtweg mit Formkästen verbaut war, schien die Ermittler damals nicht interessiert zu haben. Brunhild Andres wird den Eindruck nicht los, dass damals vieles „unter den Teppich gekehrt“ wurde.

Nachdem ihr Ehemann Uwe am 6. Februar 1989 im Magdeburger Krankenhaus verstorben war, kondolierte der VEB Eisenwerk „1. Mai“ Tangerhütte in einer kleinen Anzeige in der Volksstimme. Man trauerte um einen „stets aufgeschlossenen und hilfsbereiten Kollegen“, der „an den mit großer Geduld ertragenen Folgen eines tragischen Unfalls im Alter von 29 Jahren verstorben ist.“ Unterschrieben war der Nachruf von der Betriebsleitung, der Betriebsgewerkschaftsleitung und der Betriebsparteiorganisation der SED, obwohl Uwe Andres kein Genosse war.

Die Genossen trauerten vor der Kirche

Er ließ sich sogar, seiner Frau zu Liebe, als Erwachsener taufen, um kirchlich heiraten zu können. Er wurde auch kirchlich beerdigt. Sein heute 80-jähriger Kollege Manfred Borstel, der den Unfall aus wenigen Metern Entfernung mit ansehen musste, nahm mit an der Trauerzeremonie in dem Weißewarter Gotteshaus teil. „Die verantwortlichen Leiter, die Genossen, blieben draußen“, erinnert er sich noch heute kopfschüttelnd.

Auch der jungen Witwe Brunhild Andres blieb diese Taktlosigkeit nicht verborgen. „Als ich die selben Leute nur wenige Jahre nach der Wende Heiligabend in der Kirche sah, kam alles wieder hoch. Als ich dann noch mitbekam, dass diese Leute sogar kirchliche Ämter bekleiden, da war es nicht mehr meine Kirche. Ich trat aus.“ (Teil 3 folgt)