Stendal l Der hiesige Einzelhandel spürt es, die Gastronomen sind nach dem wochenlangen Lockdown ohnehin im Krisenmodus, und Angela Mattke vom Mieterverein Stendal und Umgebung bestätigt es: „Es ist generell zu spüren, dass bei allen das Geld ziemlich knapp ist.“

Freiheiten nicht genutzt

Doch während Ladenbetreiber und Wirte von bis zu zwei Dritteln weniger Umsatz im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten berichten, macht die Krise bislang einen Bogen um den Stendaler Wohnungsmarkt. Oder anders ausgedrückt: Wenn das Geld wegen Kurzarbeit oder gar Jobverlust knapp wird, verzichten die meisten wie selbstverständlich lieber auf einen Einkaufsbummel oder einen Kneipenabend – das pünktliche Bezahlen der Miete hat Priorität. Und dies, obwohl das Mietrecht seit Beginn der Pandemie erlaubt, sich die Miete stunden zu lassen – und den Vermietern verbietet, Säumigen nach drei fehlenden Mietzahlungen die Wohnung zu kündigen.

Sozialträger eingeschaltet

„Wir haben gerade einmal zehn Fälle, in denen es im Zuge von Corona zu Zahlungsschwierigkeiten gekommen ist“, berichtet der Chef der kommunalen Stendaler Wohnungsbaugesellschaft mbH (SWG), Daniel Jircik. Für alle zehn habe die SWG eine Lösung gefunden: In sieben Fällen habe man die Zahlungsfrist um einen Monat verlängert. Zwei Mieter brauchten laut Jircik zwei Monate mehr Zeit, „und ein Fall ist noch am Laufen“.

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Ohnehin bescheinigt Jircik den Mietern in Stendal eine generell gute Zahlungsmoral: So betrage Höhe der Mietschulden „im Durchschnitt ein Prozent unseres Umsatzes.“ Andere kommunale Wohnungsgesellschaften im Norden berichten schon mal über vier- bis fünfmal höhere Ausfallquoten. Dass die SWG so viel besser dasteht, schreibt der Geschäftsführer nicht nur einem straffen Mahnsystem zu, sondern auch der engen Zusammenarbeit von Vermieter und Sozialträgern in Stendal.

Ähnliches praktiziert die Wohnungsbaugenossenschaft „Altmark“ eG, wie deren geschäftsführender Vorstand Lars Schirmer berichtet: „Wer bei uns anruft, für den finden wir auch eine Lösung.“ Und zwar nicht nur in Corona-Zeiten. Miet-Probleme als Folge der Pandemie gebe es nur „in ganz, ganz wenigen Fällen“.

Die Schwäche als Stärke?

Dass sich die Kreisstadt einer als strukturschwach geltenden Region als so stabil erweist, könnte gerade an dieser Schwäche liegen, überlegt Schirmer. Erstens „haben wir viele Rentner“ – und außerdem sei Stendal eher eine Stadt der Verwaltung als des produzierenden Gewerbes. Doch wer in der Region zu den Produzenten gehört – etwa die Landwirtschaft –, „der hat weiterproduziert“. Mit anderen Worten: Der Anteil jener, die als Folge von Kurzarbeit plötzlich auf bis zu 40 Prozent ihres Monatseinkommens verzichten mussten, ist relativ gering.

Aus Sicht des Stendaler Mietervereins könnte es noch eine weitere Erklärung für die überwiegend pünktlichen Mietzahlungen in Krisenzeiten geben: Wenn ein Eigentümer klammen Mietern das Abstottern erlaubt, sei das keinesfalls ein zinsloses Darlehen: „Viele hatten am Anfang nicht begriffen, dass man damit einen zu verzinsenden Kredit aufnimmt“, betont Angela Mattke. Wem das aber klargeworden sei, zahle unter Aufbietung aller finanziellen Kräfte lieber pünktlich.

Vorfristig entlassen

Unterdessen berichtet SWG-Geschäftsführer Jircik von vier „Corona-Sonderfällen“: Dabei handele es sich um Studenten der Hochschule Magdeburg-Stendal, die wegen der zeitweiligen Umstellung des Studienbetriebs auf digitale Lehrformen und genereller Unsicherheiten über ihr Studium ihren Wohnheimplatz gekündigt haben. Jene jungen Leute habe man vorfristig aus ihrem Vertrag entlassen, schildert Jircik. Und zwar nicht nur aus Gutwilligkeit, sondern wegen der großen Nachfrage nach Wohnheimplätzen: Aktuell sei in Stendal nur ein einziges Zimmer noch frei.