Wanzleben l Der Gedanke, an Demenz zu erkranken, verursacht bei vielen Menschen Angst. Es scheint wie ein Todesurteil, weil man Stück für Stück sich selbst verliert. „Ich bin mit dem Thema Demenz genauso unverhofft zusammengekommen, wie viele andere“, sagt die Wanzleberin Petra Uhlmann. Ihre Eltern waren von Demenz betroffen und ihre Mutter hat Uhlmann drei Jahre bei sich zu Hause gepflegt. Es war eine anstrengende Zeit für sie, doch sie erlangte daraus eine Erkenntnis für sich: „Menschen mit Demenz sind keine lebenden Hüllen“.

Enge Mutter-Tochter-Bindung

Die Diagnose kam für Annelise Seefluth, die Mutter Uhlmanns, im Jahr 1993. Von 1997 bis 2000 lebte sie mit der Familie ihrer Tochter unter einem Dach. Uhlmann hatte nach einer Pflegeeinrichtung gesucht, doch ohne zufriedenstellenden Erfolg. Nun war sie erst vor kurzem in die Börde gezogen und Arbeiten am Haus sowie ihre vier Kinder verlangten viel von ihr ab. Aus ihrer Sicht sprach alles dagegen, sich zusätzlich um ihre Mutter zu kümmern. Was folgten, waren drei Jahre, die ihre Familie zusammen geschweißt haben. Es entstand eine Mutter-Tochter-Bindung, die Uhlmann vorher nicht für möglich hielt.

Familienmitglieder leiden schwer

„Viele Menschen werden wegen dieser Pflege krank“, weiß Dr. Johannes Hasecke, der in der Gerontopsychiatrie in der Ameos Klinik in Haldensleben arbeitet. Familienmitglieder von Betroffenen haben es meist schwer. Das Wesen eines Menschen mit Demenz verändere sich. Sie werden unbegründet depressiv, verlieren langsam ihr Gedächtnis, können sich nicht mehr selbstständig ankleiden und ihre Körperhygiene leidet auch. „Man wird hilflos wie ein Kind“, sagt Hasecke.

Das passiert nicht von jetzt auf gleich. Die häufigste Form der Demenz, Alzheimer, erstrecke sich durchschnittlich über sieben Jahre. Ein schleichender Prozess, bei dem erste Symptome gerne verniedlicht werden und den Enkeln gesagt werde „Großvater wird tüdelig“, erklärt der Chefarzt.

Demenz ist vierte Lebensphase

Petra Uhlmann sieht eine Demenz nicht als Krankheit, sondern vielmehr als vierte Lebensphase an. „Meine Mutter steckte zu sehr in den Regeln, um warmherzig zu sein. Durch die Demenz ist sie viel offener geworden. Es ist verrückt, dass ich ihr dadurch näher gekommen bin, als es früher vielleicht möglich war. Insbesondere die Kinder haben mit ihrer Oma eine tolle Zeit erlebt“, erinnert sich die 63-Jährige.

Annelise Seefluth öffnete sich. Sie erzählte beispielsweise von einer verlorenen Liebe. Einem russischen Offizier nach dem Zweiten Weltkrieg, der sie nach Russland mitnehmen wollte. Doch ihre Erziehung verbot es ihr und so ließ sie ihn gehen. Strickte Regeln legte Annelise Seefluth ab. Gab es Adventskalender, wurde sie ganz aufgeregt und kindlich. Sie habe gleich den ganzen Kalender geleert. Und das vor den Kindern, die doch lernen sollen, nur ein Türchen pro Tag zu öffnen. An solche unbesonnenen Momente denkt Petra Uhlmann noch heute glücklich zurück.

Glücksmomente sind Idealfall

„Das ist ein Idealbild“, sagt Johannes Hasecke und führt weiter aus: „Ein Demenzkranker erlebt keine Glücksmomente. Es gibt keine Dankbarkeit vom Gepflegten. Sie wehren sich, beißen, schlagen und kratzen im fortgeschrittenen Stadium. In der Regel belastet es die Angehörigen sehr.“

Und belastet hat es Petra Uhlmann. Um diese Jahre zu verarbeiten, hat sie ein Buch geschrieben. Sie besuchte dafür zahlreiche Menschen mit Demenz. „Es sind einfach Menschen, die nicht mehr so ticken“, stellte die Schriftstellerin fest. Sie haben ein anderes Zeitgefühl. Ihre Mutter suchte einst ihre Tochter während Petra Uhlmann direkt vor ihr stand. „Aber Mutter, ich stehe doch hier“, habe sie gesagt. „Nicht dich suche ich, sondern die kleine Petra“, habe Anneliste Seefluth ihr geantwortet und verblüffte Uhlmann.

Alltag ist viel zu logisch

„Demente können unsere Welt nicht mehr verstehen. Wir können aber den Schritt in ihre Welt machen“, sagt die 63-Jährige. Unser Alltag sei nämlich zu logisch und mechanisch für Menschen mit Demenz.

Petra Uhlmann lernte dank ihrer Mutter zu Entschleunigen und bürgerliche Regeln weniger streng zu nehmen. Es war natürlich auch eine schwere Zeit, weiß sie. Vor allem aber war es eine Zeit, gefüllt mit mütterlicher Liebe.

Für Angehörige von Menschen mit Demenz möchte Johannes Hasecke erneut eine Pflegegruppe starten. Interessierte können sich unter 03904 / 475 325 oder 350 melden.