Gekommen, um hier zu bleiben

Von Susann Gebbert

Junge Spanier haben sich auf den Weg nach Oschersleben gemacht, um hier eine Ausbildung zu absolvieren.

Oschersleben l Spanien, ein Sehnsuchtsland. Schöne Flamencotänzerinnen klappern mit ihren Kastagnetten, das türkisfarbene Mittelmeer lädt zum Versinken ein und die Paella zergeht auf der Zunge. Abgerundet wird der spanische Traum durch das quirlige Treiben der Einheimischen. Doch das ist nur die eine Seite des beliebtesten Urlaubslandes der Deutschen. Die andere Seite ist die der Spanier, deren Alltag häufig durch das Leid des hart umkämpften Arbeitsmarktes geprägt ist. Die Arbeitslosenquote betrug laut einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit im Mai 22,5 Prozent und ist damit hinter Griechenland am zweithöchsten innerhalb der Europäischen Union. Besonders die jungen Spanier leiden unter der prekären Arbeitsmarktsituation. Im Mai lag die Jugendarbeitslosigkeit bei 49,3 Prozent. Gemeint sind hierbei nur Personen unter 25 Jahren. Zum Vergleich: In Deutschland waren nur 7,1 Prozent der jungen Erwachsenen erwerbslos.

Spanier zahlen hohen Preis für eine Ausbildung

Stefano Rivadeneira Castro zahlt einen hohen Preis, um sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren: Er hat Heimat, Familie, Freunde und seinen Kulturraum hinter sich gelassen, um in Deutschland eine Ausbildung zu beginnen, genauer gesagt in Oschersleben. Er nimmt an dem Projekt "MobiPro-EU" teil, das durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ins Leben gerufen wurde. Das Programm soll dem Fachkräftemangel in Deutschland entgegenwirken und einen Beitrag gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa leisten. In Sachsen-Anhalt leben derzeit 28 junge Spanier, die einen Beruf im gewerblich-technischen Bereich oder Gesundheitswesen erlernen wollen. Sie werden durch das Bildungswerk der Wirtschaft in Sachsen-Anhalt (BWSA) betreut.

Stefano Rivadeneira Castro ist ein zierlicher junger Mann. Immer wenn er etwas nicht versteht, erscheint auf dem Gesicht des 24-Jährigen ein schiefes, verlegenes Lächeln. "Hm?", fragt er dann und wird unruhig. Mit einem Blaumann gekleidet, ist er für die Firma Lothar Joh Elektrotechnik auf einer Baustelle in der Oschersleber Albert-Einstein-Straße beschäftigt.

Stefano kommt aus Granollers, einer Stadt in Katalonien, die etwa 25 Kilometer von Barcelona entfernt liegt. Er hat dort den ersten Teil einer theoretischen Ausbildung zum Elektriker abgeschlossen. Praktische Erfahrungen konnte er bisher kaum sammeln. Trotz 60 Bewerbungen hat Stefano kein Unternehmen gefunden, dass ihn einstellen wollte. Nachdem er ein Jahr arbeitslos ist, bewirbt er sich um einen Ausbildungsplatz in Deutschland. Seine Exfreundin erzählt ihm von dem Projekt "MobiPro-EU".

Seit dem 27. Juli heißt sein neues Zuhause Oschersleben. Seitdem ist er als Praktikant für das Elektrotechnik-Unternehmen Joh im Einsatz. Nach einer vierwöchigen Praktikumszeit winkt eventuell ein Ausbildungsvertrag. "Er ist ein anständiger, fleißiger, junger Mann", sagt Lothar Joh über seinen spanischen Azubi. Für das "Aber", was nach dem Lob folgt, muss er tief Luft holen. Die Verständigung mit ihm sei ein großes Problem. "Wenn ich zu ihm ,Akkuschrauber` sage, blättert er gleich in seinem Wörterbuch", so der ehemalige Geschäftsführer des Elektronikunternehmens. Inzwischen lenkt sein Sohn Michael die Geschicke der Firma. Was auf einer kleinen, ruhigen Baustelle kein Problem ist, kann auf Montage oder großen Baustellen, auf denen unter Zeitdruck gearbeitet wird, ein gewaltiges sein.

Bevor Stefano nach Deutschland kam, hat er an einem dreimonatigen Sprachkurs teilgenommen. Auch jetzt, während des Praktikums, lernte er jeden Freitag Deutsch in Magdeburg.

Michael Taulin betreut Stefano in diesen Tagen. Zusammen verlegen sie Kabel und bringen Leuchtmittel im Bewos-Gebäude an. Der 32-jährige Taulin ist Obermonteur und nimmt sich Zeit für den Praktikanten. Er zeigt ihm Arbeitsschritte und überprüft sie, wenn Stefano sie selbst ausprobiert. Scheitert die Verständigung auf Deutsch, wechselt Taulin ins Englische. "Wir haben viele Kollegen vom alten Schlag. Bei denen ist nicht viel mit Englisch", so der Obermonteur. Auch er sieht die Gefahr, dass Stefano auf großen Baustellen "an den Rand gedrückt" werden könnte. Ein bisschen sorgt sich Lothar Joh auch um die Reaktionen der Einheimischen auf den spanischen Firmennachwuchs. Sicher ist, dass auf Stefano, würde er übernommen werden, ein Arbeitsalltag auf weit entfernten Montagebaustellen wartet. Auch, weil die Auftragslage in Oschersleben nicht allzu rosig sei. "Ist das für dich ein Problem?", fragt Joh. Stefano schüttelt den Kopf.

Industrie nimmt Handwerk die Azubis weg

Sowohl für den Spanier als auch für die Firma Joh ist das Projekt ein Strohhalm, an den sich beide klammern. "Es ist schwierig, Azubis für das Handwerk zu finden", sagt Joh. Seiner Meinung nach wurde die Industrie der Handwerkerschaft die Azubis wegnehmen, da erstere attraktivere Stundenlöhne anbieten. Sechs Auszubildende beschäftigt die Firma momentan. Einige haben das Handtuch schnell wieder geschmissen, da ihnen der Bohrer zu schwer in der Hand lag oder die Arbeitsschuhe zu schwer an den Füßen wurden. "Früher standen 10 bis 15 Bewerber in einer Reihe und wir konnten uns einen aussuchen", so Joh. Heute ist den jungen Leuten das Geld zu knapp und die Arbeit zu anstrengend. Also haben sich die Firma Joh und Stefano, ohne voneinander zu wissen, umeinander beworben.

"Durch ein Matching haben wir herausgefunden, welche Bewerberprofile zu welchen Unternehmen passen und dann beide vermittelt", so Doreen Bullert vom BWSA. Durch Telefoninterviews konnten sich beide Parteien dann kennenlernen. Hunderte von Spaniern hätten laut Bullert ihre Profile geschickt. Unternehmen zu finden, sei etwas schwieriger gewesen. "Es sind nicht alle Firmen bereit, den Mehraufwand, der durch Betreuung, sprachliche Hürden und die Stellung eines Mentors entsteht, zu schultern", sagt Bullert. Für Joh ist es ein neuer Weg der Personalgewinnung, den er und sein Sohn Michael "gerne bestreiten" möchten.

Stefano gefällt es hier. Nur eine schöne Strecke zum Joggen hat er noch nicht gefunden. Am meisten vermisst er seine zwei Hunde "Symun" und "Bok". Solange er noch keinen Ausbildungsvertrag in der Tasche hat, wohnt er im Gästehaus am Bahnhof. Danach soll er in eine Wohnung ziehen. Erhält Stefano kein Ausbildungsangebot, bleiben noch zwei Wege: Entweder es findet sich noch ein anderes Unternehmen oder aber, er muss zurück nach Spanien.