Wanzleben lViel zu nah klingt ein vorbeirauschendes Auto, während ich mit Verdunkelungsbrille auf der Nase buchstäblich im Dunkeln tappe. „Keine Sorge, der ist ganz weit weg, nur zu schnell“, beruhigt mich Denise Kelling, Rehabilitationslehrerin für Blinde und Sehbehinderte im Bereich Orientierung und Mobilität, kurz Mobilitätstrainerin. Sie ermöglicht meinen Selbstversuch, bei dem ich einen Eindruck darüber gewinnen möchte, wie es ist, wenn man nichts sehen kann. Vorgewarnt hatte mich Denise Kelling bereits am Telefon: „Viele schmeißen die Brille schon nach zehn Minuten in die Ecke“. Also rechnete ich mit dem Schlimmsten.

Wir treffen uns in der Alten Promenade in Wanzleben. Für den Selbstversuch brauchen wir ebenen Untegrund und wenig Verkehr. Wir laufen Zur Röthe hoch, wo wir rechts in einen Weg abbiegen, der nur von Fußgängern und Radfahrern genutzt werden darf. Hier weist mich Denise Kelling in die Nutzung des Langstocks ein, auch als Blindenstock oder weißer Stock bekannt. Brusthoch soll er eingestellt sein, ab Höhe des Bauchnabels eine Handlänge vom Körper enfernt soll er mit der Führhand vor dem Körper Hindernisse auf dem Boden aufspüren. „Linker Fuß geht nach vorn, Stock pendelt nach rechts, rechter Fuß geht nach vorn, Stock pendelt nach links“. Ohne die Verdunklungsbrille gelingt mir dieser Rhythmus mühelos. Laut Kelling bin ich ein „Naturtalent“.

Jetzt wollen wir aber Ernst machen. Also setze ich mir die Brille auf und sehe ab diesem Zeitpunkt nichts weiter als Schwärze. Was vorher die Augen erledigt haben, müssen nun die übrigen Sinne kompensieren, allen voran das Gehör. Also verlasse ich mich auf meine Ohren und den Langstock. Mit letzterem gilt es, die sogenannte Leitlinie zu erspüren. Für mich ist das in diesem Fall die Rasenkante, die rechts an den Gehweg grenzt. Während ich mit der beweglichen Kugel am vorderen Ende des Stockes kontinuierlich den Gehweg vor mir auf Gefahren und Hindernisse„abrolle“, achte ich bei jedem Rechtspendeln darauf, dass ich den Rasen mit der Kugel treffe. So verhindere ich, dass ich in Schlangenlinien laufe. „Große Plätze sind ein großes Problem“, weiß Denise Kelling. Dort sei es unmöglich, Leitlinien mit dem Stock auszumachen und somit die Orientierung zu behalten.

Nach etwa zehn Minuten verändert sich der Untergrund. Unsere Route ist nicht mehr befestigt und sehr schmal, der Untergrund ist weicher. Mein Blindenstock und ich verhakeln uns immer wieder, weil Steine und Äste auf dem Weg liegen. Den Gehrhythmus einzuhalten, „rechter Fuß nach vorn, Stock nach links und umgekehrt“, habe ich schon vor einer Weile aufgegeben. Ohne die Augen leidet auch meine Koordination. Etwas hektischer bewege ich mich jetzt, weil ich mich nicht mehr ganz sicher fühle. Den vorherigen Abschnitt hatte ich ja während der Einweisung noch mit eigenen Augen gesehen. Doch an dieser Stelle weiß ich nicht mehr, wie es links, rechts, hinter oder vor mir aussieht. Die Mobilitätstrainerin bietet mir ihren Ellenbogen an. Dabei befindet sie sich ganz nah seitlich vor meinem Körper. Wenn sie ihre Körperhaltung verändert, sich beispielsweise zur Seite dreht, spüre ich das genau und kann mich der Bewegung anpassen. „Das nennt man Sehende Begleitung“, sagt Kelling.

Gefährliche Gegner

Wir kehren um. Auf dem Wegabschnitt, auf dem wir gestartet sind, fühle ich mich wieder sicher. Ich entscheide mich dafür, die Brille auf dem Rückweg zum Parkplatz weiter zu tragen. Also gilt es jetzt, den wirklich gefährlichen Gegnern zu trotzen: den Autos. Und weil mir das bewusst ist, lasse ich mir von der Trainerin wiederholt versichern, dass sie mich entsprechend warnen wird, sollte es brenzlig werden.

Als an der bald zu überquerenden Straße Zur Röthe ein Autofahrer offensichtlich das Geschwindigkeitslimit überschreitet, bekomme ich Angst. Weil ich mit den Augen nicht sehen kann, dass die Straße noch etwa zehn Meter entfernt ist. Ich nehme nur das vergleichsweise sehr laute Motorengeräusch war, das sich sehr nah anhört. Letztendlich überqueren wir die Straße aber sicher. Den Fußweg entlang gehend habe ich fast Spaß daran, mit dem Langstock Metallzäune und Stromkästen gründlich abzuklopfen und meine Umwelt zu erforschen. Eine Leitlinie finde ich auch. Vor Bordsteinkanten warnt mich die Trainerin.

Am Ende des Selbstversuchs lässt mich Kelling nach Gehör laufen. Sie positioniert sich dabei jeweils an einer anderen Stelle, während sie mich auffordert, ihr zu folgen, mal von vorne rechts, mal von der Seite. Dabei lokalisiere ich ihre Stimme nicht immer richtig. Insgesamt klappt es aber ganz gut.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde stehen wir wieder an unserem Treffpunkt. Hier erwartet mich das Privileg, dass Blinde und sehbehinderte Menschen nicht haben. Ich darf die Verdunkelungsbrille und damit die Blindheit einfach so wieder ablegen. Meine Augen schmerzen kurz im Tageslicht, und der Urzustand ist wieder hergestellt. Letztendlich ist es nur der Hauch eines Eindrucks, den ich durch diesen Selbsttest erlangen durfte. Er erfolgte unter einfachsten Bedingungen. In der mit Kopfstein gepflasterten Innenstadt Wanzlebens wäre der Versuch mit sehr viel größeren Schwierigkeiten verbunden. Wer wirklich blind ist, kann sich die Umgebung aber nicht aussuchen, sondern muss sich in ihr zurecht finden.

Auch unter den vergleichsweise einfachen Bedingungen, war ich während des Tests vollständig hilflos. Mir blieb nichts anderes übrig, als Denise Kelling und dem Stock zu vertrauen. Darum wird mir bei der Vorstellung, plötzlich ohne Augenlicht leben zu müssen, ganz anders. Mich draußen allein nicht mehr sicher zu fühlen und alltägliche Dinge wie kochen oder einkaufen neu lernen zu müssen oder nur noch in Begleitung zu erledigen, keine Farben mehr zu erkennen, auf alle visuellen Reize verzichten zu müssen - dies und vieles mehr machen Personen durch, die im Laufe ihres Lebens erblinden. „Betroffene finden oft nur schwer ins Leben zurück“, weiß Denise Kelling. Wer von Geburt an blind ist, empfinde die Behinderung weniger als Bürde. Diese Menschen seien es gewöhnt, sich im Alltag auf ihr Gehör und ihren Tastsinn zu verlassen. „Einige unternehmen allein große Städte- reisen“, sagt Kelling. Auch die neue Technik helfe Blinden und sehbehinderten Menschen dabei, sich freier draußen zu bewegen, ebenso wie das Mobilitätstraining.

Laut Denise Kelling gebe es derzeit drei Mobilitätstrainer im Land. Die Wartelisten für die Trainings seien dementsprechend lang. In Sachsen-Anhalt gab es im vergangenen Jahr 4239 Blindengeldempfänger, teilt Andreas Isensee vom Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen-Anhalt mit. „Die Hauptursachen für Erblindung sind altersabhängige Makuladegeneration (AMD), Grüner Star und diabetische Retinopathie“, weiß Isensee, der als Berater für den Bereich Wanzleben zuständig ist.

Der heutige Tag der Menschen mit Behinderung wird von Verbänden und Institutionen genutzt, um auf das Leben von Menschen mit Behinderung und die damit verbundenen Probleme, wie Diskriminierung und mangelnde Barrierefreiheit, aufmerksam zu machen.