Auszeichnung

Von einer geraubten Kindheit

Anne Pötzsch, Schülerin am Wanzleber Börde-Gymnasium, war bei dem Wettbewerb für Nachwuchs-Journalisten „Goldene Feder“ erfolgreich.

Von Von Florian Lim

Wanzleben l Höchstes Lob wird der Nachwuchs-Journalistin Anne Pötzsch zuteil. Ihr Beitrag für die Schülerzeitung „BGW-Express“ am Wanzleber Börde-Gymnasium unter dem Titel „Mittwoch und Samstag mussten sie Krieg spielen – und dann fielen plötzlich die Bomben“ über zwei Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges sei differenziert, reflektiert und qualitativ auf höchstem Niveau, urteilt die Jury.

In ihrem prämierten Beitrag hat Anne Pötzsch die Erlebnisse ihrer Urgroßeltern, Rosemarie und Rolf Bastel, zur Zeit des Nationalsozialismus verarbeitet. Fjp-media, der Verband junger Medienmacher in Sachsen-Anhalt, sucht jedes Jahr die besten Schülerzeitungen und Nachwuchsjournalisten des Landes. „In der 9. Klasse habe ich mit ein paar Freunden die Schülerzeitung gegründet“, berichtet die aus Niederndodeleben stammende Anne Pötzsch. Im Jahr darauf hat der „BGW-Express“ beim fjp-Wettbewerb „Goldene Feder“ als beste Schülerzeitung gewonnen. „Dieses Mal haben wir uns entschieden, auch einzelne Artikel einzureichen, wegen der besseren Gewinnchancen“, berichtet Anne.

Aber nicht nur in der Schülerzeitung ist Anne aktiv. Als Mitglied der Kunst-Arbeitsgemeinschaft hat sie in den Schultoiletten die Wände bemalt. 2018 haben sie der Theater-AG geholfen, als die Schüler für das Musical ‚Aschenputtel‘ Kostüme nähen und das Bühnenbild bauen mussten. „Das war schon lustig, weil wir mit den anderen AGs zusammengearbeitet haben.“

Biologie und Physik hat sie hingegen abgewählt. „Naturwissenschaften machen mir nicht so Spaß, ich bin eher so der Sprachenmensch“, sagt Anne. Und das zeigt sich auch an ihrer Kurswahl: Englisch und Deutsch als Leistungskurs, Französisch und Latein als Grundkurs. „In der siebten Klasse konnten wir zwischen Französisch und Russisch wählen, in der 9. Klasse zwischen Latein, Psychologie, Wirtschaft, Informatik und Kunst und Kultur.“ Und was sind ihre Pläne? „Ich will auf jeden Fall weiter schreiben und was in die Richtung machen, aber was ich studieren will, das weiß ich noch nicht.“ Sie möchte Spaß bei der Arbeit haben, und da komme es ihr weniger auf das Geld oder die Sicherheit an: „Erst im zweiten Schritt geht es mir um solche Sachen wie Geld oder Stabilität“, sagt Anne. „Sonst habe ich ja nichts vom Leben gesehen.“

Journalistin wäre eine Möglichkeit, auch Schriftstellerin würde sie gerne werden. „Aber ich brauche was, was ich nebenbei mache. Zum Beispiel Geschichte studieren“, sagt Anne. Und natürlich sähen es die Eltern gerne, wenn sie später auch einen Abschluss in der Tasche hätte.

Und was war ihre Motivation, am Wettbewerb teilzunehmen? „Ich wollte mal ausprobieren, ob ich gewinne“, sagt Anne. Als die Schülerzeitung gegründet wurde, kam fjp-media auf die Schüler zu und hat ihnen einen Workshop zu Journalismus und Zeitungsgründung angeboten. „Das war sehr interessant, besonders die Rollenspiele: Spielerisch wurden Rollen wie Redakteur, Chefredakteur und Layouter eingenommen“, berichtet Anne.

Und wie kam sie auf die Idee zu ihrem Gewinnertext und zu den Anprechpartnern? „Ich habe meine Urgroßeltern, Rolf und Rosemarie Bastel, 93 und 90 Jahre alt, zu ihrer Kindheit und Jugend befragt. Ich habe den Text vergangenes Jahr geschrieben, da hat mein Uropa erzählt, dass er, als er 17 Jahre alt war, also so alt wie mein Bruder jetzt, schon als Soldat im Zweiten Weltkrieg war. Das hat mein Interesse geweckt.“ Als Rolf Bastel 14 Jahre alt war, hat er als Bootsjunge auf einem Schiff gearbeitet, pendelte auf der Elbe zwischen Magdeburg und Hamburg.

Geschichten wie diese und auch die Weltgeschichte interessieren Anne Pötzsch sehr. Und wie ist sie bei der Recherche vorgegangen? „Erst habe ich meine Urgroßeltern befragt und dann habe ich die Hintergründe gegoogelt. Ich kannte nämlich die Jugendorganisationen, wie das Jungvolk und die Jungmädels, bisher noch nicht“, berichtet Anne. „Ich wollte meine Mitschüler informieren und gegenüberstellen, wie unterschiedlich eine Jugend verläuft. Meine Urgroßeltern hatten keine Kindheit, das ist schockierend“, sagt Anne. „Wenn die Menschen dieses Leid vergessen, kann es sich immer wieder wiederholen“, sagt Anne ernst. „Ich glaube zwar nicht, dass der Zweite Weltkrieg als solcher droht, vergessen zu werden, aber ich wollte auch an die kleinen Dinge erinnern. Und daran, dass das Leben gar kein richtiges Leben war.“

Das Video mit der Laudatio ist online abrufbar unter Youtube „Preisverleihung Goldene Feder 2020“.