Klein Germersleben l Besorgt steht René Gehre auf dem Dremberg und blickt über Klein Germersleben hinweg. Aus dieser Perspektive überragen die benachbarten Windräder selbst den Kirchturm bei Weitem. Außerdem erzeugen die Rotorblätter ein ständiges Rauschen. „Wenn der Wind richtig steht, denkt man im Ort, man wäre am Meer“, verdeutlicht René Gehre.

Im Schatten der Rotorblätter

Der Ortsbürgermeister macht sich Gedanken. Er hat nach eigener Aussage gehört, dass das Windkraftfeld ausgebaut werden soll. Dabei reiche es schon jetzt auf etwa 1000 Meter an Klein Germersleben heran. Von zusätzlichen Windrädern sei die Rede sowie von höheren und leistungsfähigeren Anlagen. „Ich habe nichts gegen Windkraft. Aber irgendwo muss auch mal Schluss sein“, betont René Gehre. Ihm zufolge würden die Grundstücksbesitzer am Ortsrand schon jetzt nicht nur durch die Geräusche der Windräder, sondern auch durch die Schatten der Rotorblätter gestört. Immer wieder würden sie über Häuser und Gärten ziehen.

Die große Sorge des Ortsbürgermeisters besteht darin, dass die Aufwertung des Windparks genehmigt werden könnte, ohne die Klein Germersleber nach ihrer Meinung zu fragen. Das sei schon bei der Ausweisung des Parks der Fall gewesen. Denn: „Die Windräder stehen alle an der Gemarkungsgrenze auf Oschersleber Gebiet. Wir sind anfangs nicht miteinbezogen worden. Dabei sind wir die Hauptbetroffenen, auch wenn sie nicht auf unserer Gemarkung stehen“, betont Gehre.

Veränderungen geplant

Die Volksstimme hat beim Betreiber des Windparks nachgefragt. Dabei handelt es sich um das Unternehmen Enertrag. Es hat seinen Sitz im brandenburgischen Dauerthal. Nadine Haase ist die Abteilungsleiterin Kommunikation und Marketing. Ihren Ausführungen zufolge ist zumindest an einigen Dingen, die René Gehre gehört hat, etwas dran. Demnach sind tatsächlich Veränderungen geplant. Offiziell trage der Windpark den Namen „Windfeld Sonnenberg 5“. 2005 seien dort die ersten 33 Windräder errichtet worden. 2011 kamen vier weitere Anlagen dazu.

Betreiber denkt über stärkere Anlagen nach

Wie Nadine Haase berichtet, denkt Enertrag derzeit über ein sogenanntes „Repowering“ nach. Das bedeutet, dass modernere, leistungsfähigere Anlagen errichtet würden. Auf der anderen Seite würde sich die Gesamtzahl der Windräder verringern. Aber: „Konkrete Planungen gibt es noch nicht, nur betriebsinterne Machbarkeitsstudien.“ Auf die Frage nach einem möglichen Zeitplan erklärt Nadine Haase: „Dazu können wir momentan noch keine verwertbaren Aussagen treffen. Früheste Errichtung der neuen Anlagen wäre aber ab circa 2025.“

Kein Vorgang angemeldet

Im Einklang damit berichtet Uwe Baumgart als Sprecher des Landkreises, „dass es beim Landkreis Börde bis heute keinen aktenkundigen Verwaltungsvorgang (Änderungen / Erweiterungen - Windpark nahe Klein und Groß Germersleben) gibt“. Gleichwohl sei der Kreis für ein entsprechendes Vorhaben zuständig und müsse seine Genehmigung erteilen.

Nadine Haase betont, dass im Fall des Falle „alle umliegenden Gemeinden und ihre Ortsteile in die Planung einbezogen“ würden, und zwar so „wie das auch beim Bau des bestehenden Windparks der Fall war. Natürlich werden alle Vorschläge und Einwendungen durch uns und die Genehmigungsbehörde sorgsam geprüft und bewertet“, so die Mitarbeiterin von Enertrag.

Wanzleber Stadtrat widerspricht

Doch genau das bereitet René Gehre Sorgen. Denn Flächen, auf denen Windräder entstehen dürfen, werden im Regionalen Entwicklungsplan ausgewiesen. Der wird, soweit es die Börde betrifft, von der Regionalen Planungsgemeinschaft Magdeburg erstellt. Derzeit wird der Entwicklungsplan neu aufgestellt. Nach Informationen der Volksstimme ist dabei bereits eine Erweiterung des Windparks nahe Klein Germersleben beziehungsweise Groß Germersleben und Klein Oschersleben geplant. Dem hat der Wanzleber Stadtrat zwar widersprochen. Seine Stellungnahme wurde aber nicht berücksichtigt.

„Die Stadt Wanzleben-Börde hat sich bei den Anhörungen zum Regionalen Entwicklungsplan gegen die Erweiterung der Anzahl der Windkraftanlagen ausgesprochen“, verdeutlicht Wanzlebens Bürgermeister Thomas Kluge (parteilos). Das hat der Stadtrat in einem Beschluss manifestiert. Aus diesem Grund habe sich die Stadt auch gegen die Erweiterung der Anlagen in den Nachbargemeinden ausgesprochen. „Unsere Einwände fanden keine Beachtung“, bedauert Kluge. Die Bürger hätten auf Wanzleber Seite die Anlagen vor der Tür und seien von den Auswirkungen individuell betroffen. „Die Planungshoheit haben wir aber nicht“, beklagt der Wanzleber Bürgermeister.

Mit Windpark leben

Auf Oschersleber Seite sieht man einer möglichen Aufwertung des Windparks gelassener entgegen. Jörg Gildemeister als Ortsbürgermeister von Klein Oschersleben zeigt sich vorsichtig optimistisch. „Wir können mit dem Windpark leben“, erklärt er. Bisher gebe es keine nennenswerten Beschwerden aus der Bevölkerung. „Wenn der Park kleiner und leistungsfähiger wird, werden wir uns nicht grundsätzlich dagegen sperren“, erläutert Gildemeister. Allerdings dürften die Windräder nicht näher an den Ort heran rücken. Einen entsprechenden Beschluss müsse jedoch der Oschersleber Stadtrat treffen.

Donald Dölle als Ortsbürgermeister von Groß Germersleben sieht Plänen von Enertrag ebenfalls gelassen entgegen: „Es gibt auch bei uns einige Häuser, die ziemlich dicht am Windpark stehen. Wenn der Wind aus dieser Richtung kommt, hört man den Flügelschlag schon. Auch optisch sind die Anlagen nicht gerade schön. Aber irgendwo muss Energie erzeugt werde. Ich bin kein strikter Gegner von Windkraftanlagen, auch kein riesiger Befürworter. Irgendwelche Kompromisse müssen wir eingehen.“