Wernigeröder Heimatgeschichte

4. Mai 1946: Die Geburtsstunde des Kinos „Capitol“

Von Ralf Mattern
Nach einem Heizungsschaden wurde das Kino „Capitol“ in Wernigerode im Winter 1991/1992 geschlossen. Foto: Torsten Klinke

Wernigerode

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es in Wernigerode wichtigere Dinge zu erledigen, als Film-Vorführungen in den zu diesem Zeitpunkt einzig noch existierenden „Schloss-Lichtspielen“ (später „Volkslichtspiele“) anzubieten. Und doch sollte alsbald das Betreiben von zwei Lichtspieltheatern zu einem Politikum werden.

Die „Schloss-Lichtspiele“ in der Salzbergstraße wurden in der Nazi-Zeit von (dem frühen NSDAP-Mitglied) Walter Westendorf geleitet. Offenbar hatte sich Westendorf aus Wernigerode abgesetzt – seine Ehe wurde nämlich 1947 in Magdeburg geschieden.

Mit Otto Kramer (1891-1959) fand sich jedoch eine schillernde Persönlichkeit, die ein Auge auf das Kino geworfen hatte. Kramer war 1919 Stadtverordneter der SPD bis 1924, wurde 1925 Chef der Wernigeröder NSDAP, aus der er 1929 geworfen wurde, war dann Mitglied der „Strasser-Gruppe“ (eine sich revolutionär gebende Abspaltung der NSDAP) und dann der kommunistischen „Roten Hilfe“, wurde im April 1933 von den Nazis verhaftet und zu neun Monaten Gefängnis verurteilt und war dann nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst Geschäftsführer der KPD in Wernigerode. Tatsächlich gelang es ihm vermutlich mit seinen politischen Kontakten und über seinen Sohn Zugriff auf die „Schloss-Lichtspiele“ zu bekommen.

Aus einer Kegelhalle wird ein Lichtspieltheater

Doch überschätzte er wohl die Macht der in Wernigerode (anfangs nach dem Krieg noch) schwachen KPD: Als ehemaligem führenden Nazi wurde ihm das Wahlrecht (wie etlichen anderen in das NS-System mindestens verstrickten prominenten Wernigeröder Bürgern) für die Kommunalwahlen 1946 aberkannt. Einem Schreiben des Vizepräsidenten des Provinz Sachsen, Ernst Thape, vom 23. September 1946 ist zu entnehmen, dass „dem Otto Kramer mit Recht das Kino abgenommen“ wurde – demzufolge war Kramer zuvor mindestens kurzzeitig Pächter oder Inhaber.

Die „Capitol-Lichtspiele“ in der Burgstraße, die bis 1930 noch „Kammer-Lichtspiele“ hießen, gab es mit dem Bombenabwurf am 22. Februar 1944 nicht mehr. Dieses Kino hatte Rudolf Heinicke, der um 1930 aus Freital kam, geleitet. Noch während der Nazi-Zeit wurde versucht, ein Ausweichquartier zu finden. Es schien mit dem „Stadtgarten“ gefunden – doch verhinderten rechtliche Probleme wohl letztlich, dass es dort (zumindest vor dem Kriegsende) zu Vorführungen kam.

Nachlass bei der Pacht

Nach dem Ende des Krieges rückte die im Juni 1927 anlässlich des 16. Mitteldeutschen Gau-Keglertreffens eröffnete Kegelhalle (übrigens die damals größte in Europa) neben dem „Stadtgarten“ in den Mittelpunkt des Interesses.

Auf der Sitzung der Wernigeröder Stadtverordneten am 4. Mai 1946 wurde bekanntgegeben, dass sich die Pächter des „Stadtgarten“, die Eheleute Kindervater, per „Zusatzvertrag“ verpflichtet haben, „auf ihre Kosten die Kegelsporthalle zu einem modernen Lichtspieltheater auszubauen“. Dafür würde die Stadt bei der Erhebung der Pacht für den „Stadtgarten“ den Kindervaters entgegenkommen.

Möglicherweise kam es jedoch zu einem Zerwürfnis, denn – wie Kegler-Historiker Peter Fröhlich in seiner Chronik schreibt – beauftragte 1946 Stadtbaurat Willi Deistel den Architekten Wenner, die Kegelhalle zu einem Kino umzubauen.

Ein Jahr später, 1947, zog dann das „Capitol“, das jetzt 1.100 Besuchern Platz bot, in die frühere, nun enteignete Sportstätte, die allerdings schon seit 1943/44 umfunktioniert war zur Lagerhalle für Lazarettausrüstungen.

Offene Forderungen

Auf den früheren Betreiber des „Capitol“ in der Burgstraße, Rudolf Heinicke, wurde bei der Neueröffnung des Kinos nicht zurückgegriffen: In einem Schreiben von Stadtbaurat Deistel vom 13. Februar 1947 an die Firma „Sovexportfilm“, die offenbar noch offene Forderungen aus Filmvermietungen an Heinicke geltend machen wollte, heißt es, dass „Heinicke die Capitol-Lichtspiele entzogen wurden, weil er der NSDAP angehört hat. Der Genannte ist außerdem aus seiner Wohnung entfernt und in der Zwischenzeit in einer Baracke untergebracht worden. Soviel hier bekannt ist, besitzt der Genannte kein Vermögen, um die Filmmietenforderung (…) zu begleichen.“

Dass die Forderungen der „Sovexportfilm“ überhaupt an Heinicke gerichtet wurden, dürfte wohl ein Beleg dafür sein, dass tatsächlich nach 1945 Filmvorstellungen durch ihn (vermutlich im „Stadtgarten“) stattfanden. 1947 wurde im neuen „Capitol“ Rudolf Klinge (1902-1954), der zuvor schon in den „Capitol-Lichtspielen“ in der Burgstraße tätig war, erster Theaterleiter.

Verstaatlichung

Noch vor Gründung der DDR wurde die Kino-Landschaft Wernigerodes im Sinne des neuen Systems „begradigt“: Dem Protokoll der Sekretariatssitzung der SED-Kreisleitung vom 1. Juli 1949 ist zu entnehmen, dass die Lichtspielhäuser vom Kommunalen Wirtschaftsunternehmen (KWU) übernommen – also verstaatlicht – werden sollten. Nach Chronist Otmar Groß erfolgte um 1952 die Umbenennung der „Schloss-Lichtspiele“ in „Volkslichtspiele“. 1991 erwarb die UFA-Theater AG beide Wernigeröder Kinos.

Im Winter 1991/92 fiel die Heizung im „Capitol“ aus und das Kino wurde geschlossen. Am 5. Juli 1997 brannte es nieder. Die Ruine wurde drei Jahre später beseitigt.