Wernigerode l Abenteuerlust, gepaart mit viel Pragmatismus und dem Anspruch, zu neuen Ufern aufzubrechen: In den turbulenten Jahren unmittelbar nach der Wende war das im „wilden“ Osten gang und gäbe. Auch Rüdiger Simon, aktuell noch kaufmännischer Leiter und Prokurist der Harzer Schmalspurbahnen, kann davon ein Liedchen singen. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler agierte 1992 heimlich, still und leise auf zwei Hochzeiten gleichzeitig: Einmal als im damaligen Getriebewerk Wernigerode noch angestellter Hauptbuchhalter. Und parallel als Chef-Finanzer in spe bei der gerade in Gründung befindlichen HSB. Während seines Urlaubs beim Getriebewerk schmiedete der damals 39-Jährige den ersten Wirtschaftsplan für die HSB.

Umstände, die heute schwerlich vorstellbar sind. Simon indes hat das Engagement damals geradewegs in die Leitungsetage der HSB katapultiert: Anfang 1993 wechselte er als Abteilungsleiter Finanzwesen ins HSB-Domizil in der Friedrichstraße. Nun – 26 Jahre und fünf Monate später – übergibt er als kaufmännischer Leiter und HSB-Prokurist, dem Kollegen und Weggefährten rund um die Dampfbahn Kreativität und Gestaltungswillen attestieren, den Staffelstab an den früheren Braunlager Kurbetriebsleiter Christian Klamt.

Abenteuerlicher Start

Als scheidender Chef-Finanzer ist Simons Rückblick mit reichlich Wehmut garniert. Gerade der Start sei abenteuerlich gewesen. Die HSB, zuvor bei der Deutschen Reichsbahn angedockt, sei ein funktionierender Eisenbahnbetrieb gewesen – allerdings ohne jeden kaufmännischen Rahmen. Keine Finanzabteilung, kein Marketing, keine Buchhaltung. All das baute der Darlingeröder maßgeblich mit auf.

Wobei zunächst vor allem zahlreiche Tiefpunkte überwunden werden mussten. Die HSB – damals für exakt eine Mark und darauf 14 Prozent Mehrwertsteuer von der Reichsbahn abgekauft – hatte mit 380 Beschäftigten einen totalen Personalüberhang. „Dass wir uns relativ schnell von vielen Mitstreitern trennen mussten, war schwer“, erinnert sich der 65-Jährige an die beiden großen Entlassungswellen. Heute zähle die HSB 260 Mitarbeiter, mit denen gegenüber damals die doppelte Eisenbahnleistung erbracht werde. Hinzu kämen touristische Angebote wie Sonderfahrten und die Faust-Aufführungen auf dem Brocken.

Harte Jahre

Die ersten Jahre nach der HSB-Gründung 1993 seien hart gewesen. Die Schmalspurbahn – schon Anfang der 1970er Jahre von der damaligen DDR-Regierung zum technischen Denkmal erklärt – war runtergewirtschaftet. Dass die Dampfloks damals nicht im großen Stil von umgebauten regelspurigen Dieselloks ersetzt wurden, sei im Prinzip nur dem Zeitfaktor zu verdanken gewesen. Dank Wende und HSB-Neustart konnten die Karten neu gemischt werden.

Doch der Neustart war schwer und wurde im Sommer 1994 obendrein von einem schweren Unglück zwischen Drei Annen Hohne und Steinerner Renne überschattet. „Das war ein sehr trauriger Tiefpunkt“, so Simon. Damals kollidierten zwei Züge frontal, es gab zahlreiche Verletzte. Daraufhin rüstete die HSB mit Lichtsignalen nach.

Werbung

Als 1999 das Jubiläum 100 Jahre Harzquer- und Brockenbahn begangen wurde, ging die HSB mit einer auf einem Tieflader platzierten Mallet-Lok on Tour, um bundesweit die Werbetrommel zu rühren. „Damit war endlich der Punkt erreicht, wo wir nicht immer nur richten mussten, sondern endlich beginnen konnten, die Zukunft zu gestalten.“

Fortan sei es Schritt für Schritt vorangegangen. Die HSB-Infrastruktur wurde nicht nur saniert, sondern 2006 von Gernrode bis Quedlinburg verlängert. Seither begeistert die HSB auch mit ihrem Faust-Spektakel auf dem Brocken und den Mephisto-Zubringer-Zügen dorthin. Hinzu kommen Investitionen in ein neues Funknetz, ins elektronische Stellwerk, die Zweisystem-Offerten mit Straßenbahn-Integration im Bereich Nordhausen und das satellitengestützte Kollisionswarnsystem. Auf letzteres ist Simon besonders stolz, denn: „Hier sind wir das Pilotprojekt, das auch für andere kleinen Bahnen interessant sein könnte.“ Nicht zu vergessen der bevorstehende Baustart für die gläserne Werkstatt in Wernigerode.

Investition

Letzteren hätte Rüdiger Simon gern noch persönlich in seiner Funktion als HSB-Cheffinanzer begleitet. Der 65-Jährige lässt seiner Freude über das Zehn-Millionen-Euro-Projekt freien Lauf. Weil schon finanziell vieles für die Investition spreche: Weil Revisionsleistungen am Fuhrpark dann nicht mehr extern vergeben werden müssen, lassen sich jährlich zwei Millionen Euro sparen.

Auch als Rentner wird Simon „seine“ HSB nicht aus dem Blick verlieren. „Sie war schließlich ein ganz wichtiger Teil meines Lebens.“ Letzteres seien auch seine Frau, die Kinder sowie die fünf Enkel, die sich nun allesamt auf mehr Zeit mit Mann, Vater oder Opa freuen können.