Wernigerode l Kurt Reichel ist entrüstet. Am 20. November sollen morgens die Motorsägen anrücken. Im Auftrag der Stadtverwaltung Wernigerode wird eine der Fichten im Park am Floßplatz gefällt. Nicht etwa, weil von dem Nadelbaum eine Gefahr ausgeht, sondern damit er ein paar Wochen lang auf dem Weihnachtsmarkt stehen kann, bevor er dann entsorgt wird.

Für Kurt Reichel und seine Nachbarn ist das „Umweltfrevel“. „Im Wald sterben überall die Fichten“, sagt der Hasseröder. „Und hier haben wir einen gesunden Baum, der gefällt werden soll?“ Reichel schüttelt seinen Kopf. „Dabei brauchen wir doch heutzutage wirklich jeden Baum – gerade wegen der Kohlendioxid-Belastung.“

Der Rentner ist nicht einfach nur ein Anwohner. Kurt Reichel hat eine ganz besondere Beziehung zu der Fichte in der Parkanlage. Er selbst war es nämlich, der den Nadelbaum vor fast 30 Jahren mit einem weiteren in dem Park gepflanzt hat. „Die kleinen Fichten stammten aus meinem Garten.“ Sie hätte sich dort selbst ausgesät, sagt der gelernte Gärtner. Eine dritte folgte ein paar Jahre später. „In den Park musste einfach was hin.“ Die Fichten wuchsen zu stattlichen Bäumen – sehr zur Freude von Reichel und seinen Nachbarn am Floßplatz. Und damit soll nun Schluss sein?

Keine geeigneten Fichten mehr im Stadtwald

Aus Sicht der Stadtverwaltung: ja. In Sachen Weihnachtsbaum stand man im Wernigeröder Rathaus bis vor kurzem noch mit dem Rücken zur Wand. Das Problem: Im stadteigenen Forst, in dem der Christbaum traditionell geschlagen wird, war einfach keine geeignete Fichte mehr zu finden. Trockenheit und Borkenkäfer hatten den Nadelbäumen in den vergangenen Jahren heftig zugesetzt.

Was also tun, damit Wernigerode in der Adventszeit nicht gänzlich auf seinen Hingucker verzichten muss? Die Stadtverwaltung startete einen Aufruf: Wer hat eine schöne Fichte auf seinem Grundstück stehen, die ohnehin weg muss? Die Resonanz war überwältigend. Mehr als 50 Bäume wurden angeboten, darunter sogar Mammutbäume und Fichten von auswärts.

„Wenn es so viele Alternativen gibt, warum muss es ausgerechnet unser Baum sein?“, fragt sich Kurt Reichel nun. Zumal gar nicht alle Bäume begutachtet wurden. Das habe er von einem Nachbarn erfahren. Der hatte seine Fichte vorgeschlagen. „Er hat daraufhin aber weder jemanden von der Stadtverwaltung gesehen, noch hat er eine Absage erhalten.“

Vorauswahl mit Luftbildern und Fotos

Alle eingegangenen Angebote seien „gesichtet und geprüft“ worden, versichert Stadtsprecher Tobias Kascha auf Volksstimme-Nachfrage. Anhand von Luftbildern und der eingesandten Fotos habe man eine Vorauswahl getroffen. Einige Bäume seien den Stadtgärtnern bereits bekannt gewesen. Andere Angebote aus der Vorauswahl seien besichtigt worden. Viele Bäume hätten nicht mehr sehr gesund ausgesehen, „was sich in einem ausgedünnten Nadelbild“ gezeigt habe, so Kascha weiter. Wichtigstes Kriterium sei aber die gefahrlose Fällung der Bäume gewesen.

„Letztlich mussten wir uns wir uns doch für einen städtischen Baum entscheiden.“ Und dieser sei laut Kascha gar nicht so vital, wie die Anwohner am Floßplatz annehmen. „Man kann nicht mehr von einem gesunden Baum sprechen oder versichern, dass er noch ein, drei oder fünf Jahre dort steht“, teilt der Rathaussprecher mit. So sei nicht einmal hundertprozentig sicher gewesen, dass der Baum im November noch genügend Nadeln hat. „Denn auch er wird bereits in der Spitze leicht schütter.“ Man habe sich also nicht „wahllos“ für einen gesunden Baum entschieden, sondern „bewusst ausgesucht“.

Kunstbaum oder Verzicht als Alternativen

Die Alternative wäre ein „kaum nachhaltiger künstlicher Baum oder der völlige Verzicht auf einen leuchtenden Baum“, so Kascha. Das sei wohl kaum von Einwohnern und Gästen gewollt, „sind wir doch als Touristen- und Weihnachtsstadt für unseren Weihnachtsbaum vor dem historischen Rathaus bekannt“.

Für Kurt Reichel ist das kein Trost. Er zweifelt die Aussagen der Stadtverwaltung an. „Dass der Baum angeblich befallen ist, ist doch nichts weiter als ein Alibi“, sagt der Rentner gegenüber der Volksstimme . Um nachzuweisen, dass der Borkenkäfer im Baum sei, müsse man ein Stück Rinde abtrennen. „Die Rinde ist aber nach wie vor intakt.“ Es hilft nichts: Wenn kein Weihnachtswunder geschieht, müssen sich Reichel und seine Nachbarn wohl oder übel an die Lücke in ihrem Park gewöhnen.