Wernigerode l Einen Brunnen in der Wüste bohren, eine Schule bauen, über Verhütung aufklären: Entwicklungszusammenarbeit hat viele Gesichter. Jennifer Lemke ist seit gut einem Jahr Entwicklungshelferin für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die unter anderem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in 130 Ländern auf der Welt mit 17.000 Mitarbeitern unterstützt. Die Wernigeröderin ist eine von etwa 500 Freiwilligen, die als Entwicklungshelfer ihre eigentliche Profession ruhen lassen, um sich in die Gesellschaft in fremden Ländern einzubringen und ihr Wissen weiterzugeben.

„Es war so eine Art Quarter-Life-Crisis“, beschreibt die 29-Jährige die Phase, in der sie vor zwei Jahren plötzlich an allem zweifelte, was ihr lieb und teuer war. „Im Zuge meiner letzten Anstellung habe ich nach Wegen gesucht, im sozialen Bereich zu arbeiten. ich wollte schon zu Schulzeiten gerne was Soziales machen, aber aufgrund meiner technischen Begabung wurde mir das ausgeredet.“

Gelernt hat Jennifer Lemke nach dem Abi am Gerhart-Hauptmann-Gymnasium Brauerin und Mälzerin bei der Hasseröder Brauerei in Wernigerode. Nachdem sie bereits die Ausbildung wesentlich verkürzen konnte, wurde sie über den Konzern AB Inbev zum Studium geschickt und schloss als Diplombraumeisterin im Jahr 2011 ab. Noch während ihrer Arbeit für AB Inbev studierte sie Wirtschaftsingenieurwesen. Nach Stationen in Hannover und England als Prozessingenieurin, welchselte sie zum Wasser Gerolsteiner als Prozesskoordinatorin.

Einsatz in der Flüchtlingshilfe

Es ist das Jahr 2015, das ihr Leben verändert - als Hunderttausende nach Deutschland fliehen. „Ich habe in Gerolstein das Café Grenzenlos mitaufgebaut“, berichtet sie, „und mich von Anfang an in die Flüchtlingshilfe eingebracht.“ Es ist dieser Impuls, der sie zur Entwicklungszusammenarbeit bringt. „Ich habe kurz darauf diese explizite Stelle gesehen. Es hat gepasst.“ Über Äthiopien hatte sie sich eingehend belesen. „Ich finde das Land immer noch sehr spannend“, sagt sie.

Vor Ort unterstützt Jennifer Lemke als Freiwillige zahlreiche Studenten, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen. In einem Gründerzentrum erklärt die Ingenieurin, wie ein Businessplan erstellt wird, wie Marketing funktioniert und was zu einer Kundeanalyse gehört. „Ich berate gerade zwei Männer und eine Frau. Sie möchte aus einer heimischen Pflanze Seife herstellen. Die beiden Herren befinden sich noch im Patentprozess“, erläutert sie. Die erste Jobmesse in Mekele hat die Wernige-röderin mit organisiert. 20 Unternehmen präsentierten sich, 1800 Studenten haben teilgenommen, gelernt, wie man Lebensläufe strukturiert und sich im Vorstellungsgespräch gut verkauft. An ihrem Ingenieursinstitut, dem Ethiopian Institute of Technology der Mekelle University, studieren derzeit 10.000 Menschen. „Und ich bin eine von zwei Deutschen am Institut.“

Döner fehlt in Afrika

Dass sie deutsch ist, merke sie in der interkulturellen Kommunikation. „Ich tendiere dazu, die Dinge direkter zu sagen. Ein ‚nein‘ musste ich erst lernen, herauszuhören.“ Was ihr am meisten fehlt? „Ein Döner ist schon was Schönes“, sagt sie und lacht. Und so war auch die erste Anlaufstelle in Wernigerode ein Döner-Imbiss am Nico. „Das hat mir neben meiner Familie und den Freunden am meisten gefehlt.“

Die Arbeit in der Brauerei fehle ihr indessen nicht. „Mich erfüllt meine jetzige Arbeit“, sagt sie. „Aber den Geruch in der Brauerei zu riechen, ist natürlich sehr schön. Alle Sinne sind involviert.“ Das Bier in Äthiopien sei ziemlich gut.

Mehr als 80 Sprachen

100 Millionen Menschen, zwischen 80 und 120 Ethnien und noch einmal genau so viele Sprachen auf einer Fläche, die viermal so groß wie Deutschland ist: Das ist Äthiopien. Die 29-Jährige lebt in Mekele, einer Stadt mit 500.000 bis 700.000 Einwohnern. „So genau kann das keiner sagen“, sagt sie.

Wie das Wetter so ist? „Schon warm, aber ich wohne auf über 2000 Metern Höhe. Nachts wird es so kalt, dass ich eine Wärmflasche mit ins Bett nehme.“ Heizungen gebe es nicht. Dafür aber in stattlicher Regelmäßigkeit Stromausfälle. „Einmal am Tag kommt das vor, man gewöhnt sich daran.“ Ihre Abende verbringe sie wie in ihrer Heimat im Fitnessstudio, bei Freunden von der Uni oder in der Kneipe. Beäugt werde sie schon aufgrund ihrer Hautfarbe. „Äthiopier sind aber relativ zurückhaltend, bitten nicht um ein Foto wie vielleicht in anderen Ländern“, sagt sie. In ihrer Stadt, Mekele, seien 95 Prozent der Bevölkerung orthodoxe Christen.

Dass ihre Heimat im Harz und ihr afrikanischer Lebensmittelpunkt Lichtjahre auseinander liegen, auch das wird im Gespräch mit der Volksstimme deutlich: „Wir haben eine andere Zeitrechnung“, erklärt sie. „Die Stunde Null ist 6 Uhr morgens, wenn die Sonne aufgeht.“ Der Arbeitsbeginn um 8 Uhr morgens entspricht nach äthiopischer Zeit 2 Uhr. Die Amtssprache Amharisch beherrscht sie mittlerweile gut.

Weihnachten am 7. Januar

Gegessen wird ganz traditionell mit Fladenbrot statt mit Besteck. „Und wichtigstes Lebensmittel ist natürlich Kaffee“, sagt sie. Um die bittere Bohne dreht sich wirtschaftlich und kulturell vieles in dem Land der Extreme. „Der tiefste Punkt Afrikas liegt in Äthiopien und auf den Ras Dashen geht es auf 4550 Meter hoch“, verrät sie. „Es ist die Wiege der Menschheit.“ Das einzige afrikanische Land, das nicht kolonialisiert war, wird für sie auch 2018 noch eine Heimat sein. „Mein Vertrag läuft im Oktober aus, vielleicht beginne ich danach ein Masterstudium in Barcelona“, sagt die Ingenieurin.

Ihr Rückflug geht am 5. Januar nach Äthiopien. In Mekele ist sie dann ganz pünktlich zu Weihnachten: „Dort feiern die äthiopisch-orthodoxen Christen erst am 7. Januar.“