Wernigerode l Schönheit, Schminke, Seelenschmerz: Ballett ist eine Welt aus Musik, fließender Bewegung und Selbstdisziplin. Es ist die Welt von Anna Kraus. „Das Körpergefühl von den Finger- bis in die Zehenspitzen, das Graziöse, die Linien, der Ausdruck in der Musik – das ist unbeschreiblich“, sagt die gebürtige Russin.

Was sie am Ballett fasziniert, bringt die 32-jährige Tänzerin nun anderen näher – in ihrer eigenen Ballettschule, die sie im März in Wernigerode gegründet hat. „Wir trainieren vor allem an der Stange“, erklärt sie. Gerade stehen, Beine seitlich öffnen, Füße strecken – was leicht und grazil aussieht, ist das Ergebnis harten Trainings. In der verspiegelten Wand kontrolliert Anna Kraus die Bewegungen an der Barre, der Ballettstange, die als Gleichgewichtshilfe dient.

Ballett – das ist auch Disziplin, Strenge und Hunger. Die harte Seite der vollendeten Tanzkunst lässt Anna Kraus ihre Schüler nicht spüren. Womöglich, weil sie sie selbst zu gut kennt.

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Laufbahn beginnt mit vier Jahren

„Man muss wirklich dafür geboren sein, um sich das anzutun“, sagt sie. „Es ist hart.“ Zumindest, wenn man wie sie nach ganz oben will und im Bolschoi-Theater gelernt hat. Dort werden Spitzenballerinas ausgebildet. Ihre kurze, aber intensive Karriere beginnt in Moskau, wo Anna Kraus geboren ist. Im Alter von vier Jahren fängt sie an, zu tanzen. „Mein älterer Bruder hat getanzt. Das wollte ich auch“, verrät sie. Ihr Lehrer erkennt sofort ihr Potential und empfiehlt sie der Moskauer Bolschoi-Theaterschule.

Jahr um Jahr tanzen Hunderte Mädchen für die Kaderschmiede vor. Sie sind neun oder zehn Jahre alt. Nur einige von ihnen bestehen die harte Prüfung. „Wir waren damals 230 Mädchen, die vortanzen durften. Meine Eltern haben alles für mich getan. Sie sind mit mir zur Gymnastik gegangen, ich erhielt Privatunterricht, um mich auf das Auswahlverfahren vorzubereiten.“ Die Mühen lohnen sich – Anna Kraus besteht die Aufnahmeprüfung.

Zu groß für Bolschoi

Anderthalb Stunden fährt das Schulmädchen jeden Tag mit der Metro zur Schule. Probe reiht sich an Probe. Regelmäßiges Wiegen und Messen gehören ebenso zum Schulalltag. Fünf Jahre verbringt sie an der Bolschoi-Akademie. Sie ist 14 Jahre alt und mit 1,75 Meter sehr groß für eine Karriere als Primaballerina. „Im Bolschoi tanzen eigentlich nur Mädchen bis 1,70 Meter“, erklärt sie.

Ein Glücksfall, dass der Direktor der John Cranko Schule damals nach Moskau reist. Er entdeckt die 14-Jährige, lädt sie ein, an seiner Schule in Stuttgart zu lernen. Sie willigt ein und verlässt ihre Heimat Russland, um an einer der renommiertesten Ballettschulen ausgebildet zu werden. „Ich sprach kein Wort Deutsch, verständigte mich anfangs nur mit Hilfe des Wörterbuchs“, sagt sie. „Im Ballett ist die Universalsprache sowieso Englisch.“ Tänzer aus über 18 Ländern besuchen die Schule. Mit vielen ist Anna Kraus heute noch in Kontakt.

Von Monaco nach Görlitz

Mit 17 Jahren macht sie ihren Abschluss, geht dann nach Monaco, um sich an der Academie de Danse weiter zu verbessern. Schließlich erhält sie ein Engagement in Görlitz am Theater. „Kleinstädte reizen mich“, sagt Anna Kraus. Sie liebt das Romantische, Verträumte. Eines Tages sitzt ein Bekannter mit einem Freund im Publikum. Dieser interessiert sich wenig für Ballett, wohl aber für die schöne Russin, die an diesem Tag als Braut auf der Bühne tanzt. Das ist 14 Jahre her. Seinetwegen zieht sie 2005 nach Wernigerode. Das Paar hat zwei Kinder. „Ich fühle mich sehr wohl in Wernigerode, aber meine Eltern fehlen mir“, sagt sie. Die zehn Jahre alte Tochter spielt leidenschaftlich Fußball, ihr sechsjähriger Sohn ist Ringer.

Die Idee mit der Ballettschule habe sie lange mit sich herumgetragen. „Ich habe Pilates unterrichtet, schließlich auch Ballett an Schulen und Kindergärten unterrichtet“, berichtet sie. „Im Oktober habe ich beschlossen, durchzustarten. Und dann habe ich Stefan kennengelernt.“ Schlagzeuger Stefan Heymann sei von Anfang an begeistert davon gewesen, unter dem Dach seiner Musikschule und Instrumentenhandlung im alten E-Werk eine Ballettschule zu beherbergen. Die Arbeitsgemeinschaften, die sie an den Gymnasien gibt, leitet sie trotz der Ballettschule weiterhin.

Wer sich von Anna Kraus unterrichten lässt, kann auch Jazzdance lernen. Frauen und Männer jeden Alters sind willkommen. Sie unterrichtet in der Gruppe oder einzeln. „Ich bereite für jeden eine individuelle Choreographie vor.“

Ihr persönliches Lieblingsstück ist „Romeo und Julia“ von Prokoviev. „Tragik und Liebe“, sagt sie. Ob ihr die großen Bühnen fehlen? Sie überlegt. „Ich habe jetzt ein anderes Leben, meine Schule und meine Familie.“