Blankenburg l Es ist nicht nur ein Bergbau-Jubiläum, das am Sonnabend, 28. März, ansteht, sondern ein Stück Blankenburger Stadtgeschichte. „Seit der Wende ist es ruhig geworden um den Walter-Hartmann-Stollen. Dabei ist er einer der bedeutendsten im Harz – mit einer Gesamtlänge von fast 6000 Metern“, sagt Andreas Pawel. Wie der Chef des Bergvereins Hüttenrode erläutert, wurde 1920 mit dem Bau der Verbindung zwischen den Eisenerzvorkommen rund um das Dorf und den Harzer Werken am Blankenburger Westend begonnen.

Wasser für Freibad am Thie

Bis dahin transportierte die Erzstufenbahn den Rohstoff aus dem Hüttenröder Revier zu den Hochöfen. Zur Entscheidung der Harzer Werke, den neuen Stollen zu erschließen, trug zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs eine Verfügung des Finanzministeriums vom neu gegründeten Freistaat Braunschweig bei: „Alle Kriegsgewinne sollten hoch besteuert werden – es sei denn, die betreffende Firma investiert das Geld“, erläutert Pawel.

So wurde am 28. März 1920 der Stollen festlich angeschlagen und auf den Namen seines Patens Wilhelm Burchardt – Prokurist der Hausbank und Aufsichtsrat der Harzer Werke AG – getauft.

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Bis schließlich das Hüttenröder Revier erreicht wurde, vergingen zehn Jahre. „Anfangs waren bei den Arbeiten sogar noch Grubenpferde im Einsatz“, berichtet der Berghauptmann. Der neue Stollen habe unter anderem dazu geführt, dass Wasser aus dem Bergwerk Braunesumpf besser abfließen konnte.

„So bekam eine vorher trockene Gegend Blankenburgs plötzlich Wasser.“ Ohne dieses sei etwa das 1930 während der Weltwirtschaftskrise in sogenannter Notstandsarbeit von Arbeitslosen gebaute Freibad am Thie nicht denkbar gewesen – der Vorgänger des Biobades.

Außerdem wurde ein Bach angelegt, um das Wasser zu kanalisieren, der noch heute genutzte Stollengraben. Das beim Vortrieb herausgesprengte Material finde sich an vielen Stellen Blankenburgs – etwa auf Wanderwegen hinter den Tennisplätzen am Heidelberg.

1934 übernahm der Krupp-Konzern den Betrieb, baute in der Folge den Stollen aus, um die Produktion anzukurbeln. Gegen Kriegsende wurde 1944 im Bereich direkt hinter dem Eingang mit dem Bau der Klosterwerke begonnen. „Doch unter Krupps Ägide gelang es nicht, die Förderachse nach Blankenburg in Betrieb zu nehmen“, berichtet Pawel weiter.

Dies geschah erst in der DDR – 1951, als der Stollen nach dem in KZ-Haft verstorbenen Blankenburger Kommunisten Walter Hartmann umbenannt wurde. Von 1958 bis 1960 wurde der Stollen im Profil vergrößert, eine elektrische Oberleitung montiert. „So konnten für Bergwerke ungewöhnlich große E-Loks mit je 100 Tonnen Erz auf Schienen samt Ampelsystem und Überholstrecke rollen“, schwärmt der Hüttenröder. Mehr als 1000 Tonnen des Minerals seien so täglich aus Braunesumpf nach Blankenburg geliefert worden – bis 1969 der Betrieb eingestellt und die vier Grubenloks EL-5 verschrottet wurden.

Wunsch nach neuer Tafel

Angesichts dieser Geschichte sei Pawel traurig, wenn er das von Büschen überwucherte, unzugängliche Mundloch des Hartmann-Stollens nahe der Weststraße heute sehe. So sei das einst aus Sandstein vom Heidelberg errichtete Portal fast nicht wiederzuerkennen, die Plakette zu Ehren des Namensgebers Walter Hartmann sei 1994 gestohlen worden.

Deshalb würde der Bergverein zum 100-jährigen Jubiläum der unterirdischen Anlage gern eine neue Tafel anfertigen lassen, bittet dafür um Spenden. Zu diesem Anlass wollten Pawel und seine Kumpel ebenfalls einen Vortrag am 28. März in Blankenburg anbieten. Dieser werde nun aufgrund der Corona-Krise abgesagt und solle im Mai oder Juni nachgeholt werden.

Eine wichtige Rolle solle der Walter-Hartmann-Stollen zudem in seinem Buch zu Braunesumpf spielen, das noch in diesem Jahr erscheinen soll, verspricht Pawel und hebt die Bedeutung des Jubilars hervor: „Für die Belüftung und Entwässerung des Bergwerks ist er enorm wichtig.“