Wernigerode l Björn und Malte Zimmermann sind Zwillinge. Sie haben im Vorjahr als Elftklässler am Projekt „Ein Tag Chef“ teilgenommen und wichtige Erfahrungen gesammelt. „Ich weiß, was ich nicht will“, sagt Björn, während sein Bruder Malte betont: „Und ich, was ich werde.“ Die beiden 18-jährigen Schüler des Stadtfeld-Gymnasiums in Wernigerode berichten auf der Pressekonferenz vor dem Start der 10. Projektauflage von ihren beeindruckend klaren Vorstellungen.

Malte Zimmermann begleitete bei der Recycling und Sanierung Thale GmbH (RST) einen Tag lang den Firmenchef auf Schritt und Tritt, lernte Arbeitsabläufe und das Unternehmen kennen. Im Auswertungsgespräch sei auf beiden Seiten „Interesse da gewesen“, erinnert sich Malte Zimmermann.

18-Jähriger weiß, was er will

Sein Plan steht: Malte Zimmermann werde Tiefbau-Ingenieur. Zunächst schwankte er noch, sich bei der Deutschen Bahn zu bewerben, entschied sich aber für RST. „Es ist ein kleines Unternehmen, die Ausbildung individueller. Hier kann ich mich konzentrieren, um schnell dort hinzukommen, wohin ich möchte, nämlich in eine Führungsposition.“ Dass der Gymnasiast den Firmen- und Personalchef bereits kennengelernt habe, „ist auch nicht unwichtig gewesen.“ Das Bewerbungsgespräch verlief „ausgezeichnet“, der Abiturient wird am 1. August bei RST seine duale Ausbildung starten und an der Hochschule Magdeburg/Stendal studieren.

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Sein Bruder Björn ist noch nicht ganz so weit, die Bewerbungen auf einen Studienplatz laufen noch. „Mich hat der Projekttag motiviert, mich in eine andere Richtung zu orientieren.“ Seinen Chef-Tag absolvierte der Wernigeröder in der Kreisverwaltung, Abteilung Planung und Steuerung. „Das hat mich nicht begeistert.“ Der 18-Jährige möchte nun Maschinenbau-Ingenieur werden.

Erfahrungsreicher Praxistest

So wie die Zwillinge haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Gymnasiasten in Unternehmen ihre Erfahrungen bei dem Projekttag sammeln können. „Ein Tag Chef“ sei ein erfahrungsreicher Praxistest. „Das Projekt zeigt bei der angebotenen Branchenvielfalt, dass man den Harz nicht verlassen muss, um Karriere zu machen“, sagt René Grützmacher, Leiter Stadtfeld-Gymnasium Wernigerode. Nicht unwichtig sei zudem, dass bei der Begleitung einer Führungsperson ja auch wertvolle Kontakte entstehen können.

Von guten Erfahrungen spricht auch der Oberstufenkoordinator des Gymnasiums. „Seit 2009 beteiligen wir uns als Schule an dem Projekt. Das hat sich bewährt und bietet den Elftklässlern eine gute Orientierung bei der Berufs- beziehungsweise Studienwahl“, sagt Peter Jasper. Angeboten werde die Teilnahme allen Schüler der 11. Klassen, am Ende nutzen im Schnitt sieben bis acht Schüler die Chance. „Die Jugendlichen müssen schon Lust darauf haben, es ist ja kein Zwang.“

Schüler wie Arbeitgeber interessiert

Dass das Interesse, einen Tag Chef zu sein, gestiegen ist, davon ist Kristin Dormann überzeugt. Die Pastpräsidentin der Wirtschaftsjunioren Harz hat die Projektleitung übernommen, mit dem Ziel, es weiter auszubauen. Das sei schon gut gelungen, schätzt die Prokuristin des Hasseröder Ferienparks ein. „Wir haben einen regelrechten Boom, was die Bereitschaft von Gymnasien und Firmen betrifft, die teilnehmen möchten.“ 45 Schüler aus dem Harzkreis hätten sich für den Projekttag bereits begeistert, „dabei beginnt die Akquise der Schulkoordinatoren erst nach den Winterferien“.

Dies geschieht auf einer Onlineplattform, auf der die Elftklässler ihre Branche auswählen. Insgesamt beteiligen sich mehr als 40 Arbeitgeber, sagt Kristin Dormann. Sie sei fest davon überzeugt, dass das Projekt, das auf Initiative der Wirtschaftsjunioren vor zehn Jahren aus der Taufe gehoben wurde, „sowohl für die Schüler, die Unternehmen und auch für unsere Region hohe Bedeutung hat und zudem ungemein wertvoll ist.“

Aufräumen mit Vorurteilen

Davon zeige sich auch Nils Appelt überzeugt. „Im mehrfacher Hinsicht“, betont der Chef des Wernigeröder Familienunternehmen PSFU (ProfilSchleif-, Fertigungs- & Umwelttechnik GmbH). Als einst aktives Mitglied und nun Freund der Wirtschaftsjunioren und aus eigener Erfahrung als Familienvater. Er wisse, wie schwierig es für Jugendliche sein kann, sich bei der Vielfalt für ein Berufsbild zu entscheiden. Deshalb sollten Jugendliche die Chance nutzen, ob bei einem Chef-Tag oder im Praktikum Erfahrungen zu sammeln. „Es lohnt sich anzuklopfen, auch bei PSFU“, sagt Nils Appelt und fügt schmunzelt hinzu: „Ich räume gern mit dem Vorurteil auf, dass ein Chef vormittags nur Kaffee trinkt und nachmittags Golf spielen geht.“

Auch Führungskräfte werden knapp

Mit dabei ist diesmal auch die Stadtverwaltung Wernigerode. Tobias Kascha, Leiter des Büros des Oberbürgermeisters, freue sich, einer der 40 Führungskräfte zu sein, die sich am 20. Juni an dem Projekt beteiligen. „Wir wissen, dass zukünftig nicht nur Fachkräfte knapp werden, sondern auch Führungskräfte. Zeit also für uns als Verwaltung, sich in diesem Bereich ebenfalls um Nachwuchs zu kümmern“, sagt Tobias Kascha und wolle auch mit einem Vorurteil aufräumen: „Verwaltung ist längst nicht angestaubt, wie viele meinen, sondern durchaus spannend und attraktiv.“

Für die Industrie- und Handelskammer (IHK) sei es selbstverständlich, das Projekt „intensiv zu unterstützen“, sagt Ralf Grimpe. Er leitet die IHK-Geschäftsstelle im Harz und sei wie seine Vorredner überzeugt, dass „Ein Tag Chef“ eine gute Möglichkeit für die künftige Unternehmergeneration ist, die Branchenvielfalt in ihrer Heimatregion besser kennenzulernen. „Wir könnten jeden Tag über Fachkräftemangel lamentieren. Besser ist doch aber, mit solch einem Projekt jungen Leuten zu zeigen, was es gibt.“