Stapelburg l Dass die Schülerbeförderung jetzt in den normalen Linienverkehr der Harzer Verkehrsbetriebe integriert ist, bereitet Eltern schulpflichtiger Kinder in Ilsenburg und Umgebung massive Probleme. Der Stapelburger Michael Fahsel hat eine Tochter, die die fünfte Klasse des Fallstein-Gymnasiums in Osterwieck besucht. „Bisher lief mit dem Schulbus alles super“, sagt der 39-Jährige. „Aber seit Montag ist es das reinste Chaos.“ Während die Hinfahrt von Stapelburg nach Osterwieck reibungslos verlaufe, sei die Rückfahrt mit 45 Minuten eine Zumutung für die Kinder. Fahrerei für die Kinder.“

Fahsel berichtet von überforderten Busfahrern, die falsche Auskünfte erteilen, von überfüllten Bussen, von einem Kind, das in Veckenstedt stehen gelassen wurde, weil es nicht das nötige Geld für den Bus nach Ilsenburg hatte – den es bezahlen sollte, da die Linie nicht dem Schülerverkehr zugeordnet war.

Viel Fahrerei für die Kinder

Der Vater hat die Erlebnisse von sechs Familien der ersten vier Tage mit dem neuen Fahrplan zusammengetragen und sie der Volksstimme vorgelegt.

„Die Kinder müssen 13.01 Uhr von Osterwieck mit der Linie 210 nach Vienenburg fahren und dort umsteigen in einen extra Bus, welcher die Kinder dann nach Abbenrode, Stapelburg und Ilsenburg, Drübeck, Darlingerode bringt“, berichtet eine Mutter aus Stapelburg. „Eine unglaubliche „Der Große berichtet jeden Tag davon, dass der Bus viel zu voll ist und die Kinder gequetscht im Bus stehen, dass kaum die Türen geschlossen werden können. Und auch dort befinden sich Kinder aus der fünften Klasse dazwischen, auf die keine Rücksicht genommen wird. Und sie kommen regelmäßig fünf Minuten zu spät zum Unterricht“, schreibt eine Mutter aus Berßel.

Statt wie früher – über Abbenrode direkt nach Stapelburg – fährt der Bus seit Montag von Osterwieck über Vienenburg, wo die Kinder in einen anderen Bus umsteigen müssen. Erst dann geht es weiter nach Abbenrode und schließlich nach Stapelburg. Ein Mädchen aus Darlingerode berichtet, dass sie nun von Osterwieck nach Darlingerode 67 Minuten unterwegs sei und der Bus 21 Haltestellen passiere. Im Gymnasium habe man zudem eine Pause gestrichen, um die Zeit zu kompensieren, die die Kinder morgens verspätet in den Unterricht kommen.

Falsche Auskünfte

Weiterer Kritikpunkt ist, so Michael Fahsel, dass die Schüler nach der sechsten Stunde, die 12.45 Uhr endet, nicht mehr an der Schulspeisung teilnehmen können, um den Bus um 13.01 Uhr nicht zu verpassen. An sämtlichen tagen hätten Eltern ihre Kinder in Veckenstedt, in Wasserleben und teilweise sogar in Wernigerode abholen müssen. „Ich bin froh, dass unsere Kinder so zusammenhalten, die älteren sich der kleinen annehmen“, sagt Fahsel.

„Es ist dummerweise sehr schlecht angelaufen“, reagiert Gerald Hahne von den Harzer Verkehrsbetrieben auf die Kritik der Eltern. Speziell in den ersten beiden Tagen habe die Fahrt über Vienenburg überhaupt nicht funktioniert – auch weil Busfahrer falsche Auskünfte erteilt hätten, wie er uneingeschränkt einräumt. „Man kann den Fahrern keine Schuld geben“, sagt Hahne. Zwar haben die Verkehrsbetriebe die Fahrer im Vorfeld eingewiesen. Jedoch seien im Unternehmen 250 Busfahrer beschäftigt, darunter auch Personal von 17 Privatunternehmen.

Manche Umstiege wie der in Vienenburg seien erst kurzfristig entschieden worden, sodass die Fahrer selbst nicht informiert gewesen seien. „Es ist jedoch eine völlig berechtigte Kritik, die die Eltern hier äußern“, so Gerald Hahne. Er habe bereits mit Michael Fahsel gesprochen und Verständnis geäußert.

Länger unterwegs

Es sei eine Entscheidung des Kreistages gewesen, den Schülertransport aus Kostengründen in den normalen Linienverkehr zu integrieren, erinnert er. Der Bus fahre nun über Vienenburg, um die Kinder aus Vienenburg nach Hause zu bringen. „Dadurch sind die Kinder aus Stapelburg länger unterwegs. Das ist so“, sagt er.

Er weist aber auch daraufhin, dass die Zahl der Schüler, die aus dieser Richtung nach Osterwieck fahren in den vergangenen Jahren massiv zurückgegangen ist. „Früher waren es 100 Kinder, die mit uns aus Darlingerode, Stapelburg und Ilsenburg nach Osterwieck gefahren sind. Heute sprechen wir von 45 bis 50 Schülern“, so Hahne.

Dass der Bus zehn Minuten später in Osterwieck abfährt, sodass die Kinder an der Schulspeisung teilnehmen können, hält er für ausgeschlossen. „Die Linie 210 zwischen Halberstadt und Vienenburg wird von der NASA finanziert, da sie landesbedeutsam ist und an die Taktung der Züge angepasst ist“, so Hahne.

Würde die Linie 210 zehn Minuten später in Halberstadt abfahren, würde sie nicht rechtzeitig am neugeschaffenen Dreh- und Angelkreuz, dem zentralen Busbahnhof in Athenstedt, ankommen, wo sich Busse aus verschiedenen Richtungen immer zur halben Stunde treffen. „Die Schulspeisung haben wir bisher noch nie berücksichtigt“, so Hahne. Um 15.01 Uhr fahre übrigens ein weiterer Bus von Osterwieck über Vienenburg nach Abbenrode und Stapelburg. „Dort bleiben die Kinder aber in Vienenburg im Bus sitzen, steigen erst in Abbenrode um“, so der Verkehrsplaner.

140 Minuten im Bus

Kritik am neuen Fahrplan hagelt es derweil von der Kreiselternvertretung im Landkreis Harz. „Man hat den Fahrplan nicht vom Hauptnutzer her konzipiert: den Schülern“, sagt Cay-Uwe Jürgens. „Warum wurden die Schulbusse nicht so belassen und für den normalen öffentlichen Nahverkehr freigegeben? Das wäre das Beste gewesen.“ Finanzielle Interessen würden über die Bedürfnisse der Kinder gestellt, der Sparzwang auf dem Rücken der Familien ausgetragen.

Die Bustaktung hätte sich an den Schulzeiten orientieren müssen, nicht am Zugverkehr. „Bahnreisende können auch mal fünf Minuten warten“, sagt Jürgens, der in Ilsenburg wohnt. „Aber dass Kinder 140 Minuten täglich im Bus sitzen, oder nicht mitgenommen werden, weil der Bus überfüllt ist, das geht gar nicht.“

Der Vorstandsvorsitzende der Kreiselternschaft hat sich in einem Brief an Landrat Martin Skiebe (CDU) gewandt. „Der physische und psychische Stress, dem die Kinder ausgesetzt werden, ist nicht zumutbar. Lange Fahrtzeiten, knappe An- und Abfahrzeiten oder sehr lange Wartezeiten sorgen nicht für ideale schulische Bedingungen“, schreibt er. „Wir fordern ein Umdenken.“ Bisher habe er lediglich eine Eingangsbestätigung erhalten.

Auf Volksstimme-Nachfrage teilt Manuel Slawik von der Pressestelle der Kreisverwaltung mit, dass sich Vertreter des Landkreises in der kommenden Woche mit den Schulen austauschen wollen, „um Probleme aufzunehmen und dann gemeinsam mit den HVB kurzfristig nach Lösungen zu suchen“, so Slawik.