Oberharzstadt l Die neueste Anschaffung von Liesgret Wewer ist ein mobiles Waschbecken. „Das kann sogar beheizt werden“, sagt die Wirtin der „Grünen Tanne“ in Mandelholz bei Elend. Die Waschgelegenheit im glänzend schwarzen Rollschrank steht für die Gäste der „Grünen Tanne“ gleich am Eingang bereit. Für den Neustart am heutigen Freitag hat Liesgret Wewer ihre Hausaufgaben erledigt. „Wir sind froh, dass wir wieder anfangen können“, sagt sie. „Wir sind startklar.“

Einfach war die Zwangspause nicht, bekennt Liesgret Wewer. Hilfen beantragen, Kurzarbeit für die Mitarbeiter organisieren: „Das war alles nicht so leicht, wie man es im Fernsehen sieht“, sagt sie. Doch sich unterkriegen lassen, war keine Option. In der coronabedingten Schließzeit brachte Liesgret Wewer ihr Haus auf Vordermann. „Wir haben erledigt, was im laufenden Geschäft sonst liegenbleibt.“ Putzen, abschleifen, streichen: Restaurant, Hotelzimmer und Biergarten haben eine Auffrischungskur erhalten.

Für die Wiedereröffnung muss vor allem die Hygiene stimmen. Neben Händewaschen und Desinfektion sind Masken für die Mitarbeiter Pflicht. „Aber das klappt. Wir arbeiten schon lange zusammen und sind ein gutes Team“, so die „Tanne“-Chefin. Die Tische stehen im vorgeschriebenen Abstand, im Zweifelsfall werde ein mobiler Spuckschutz Gäste an benachbarten Tischen abschirmen. Gerichte auf dem Teller würden mit Hauben geschützt. Vieles sei zu bedenken, manches müsse ausprobiert und nach Bedarf nachjustiert werden. „Da müssen wir jetzt durch“, sagt Liesgret Wewer.

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Doch wichtig sei, dass die Durststrecke ein Ende habe: „Wir haben es überstanden.“ Mit einem großen Ansturm rechnet sie vorerst noch nicht. Die Furcht vor Ansteckung sei weiter präsent, gerade bei Älteren. „Viele haben Angst und sind verunsichert“, weiß Liesgret Wewer. Sie setzt darauf, dass die Gäste vor Ort ihre Scheu verlieren und in der neuen Normalität ankommen.

Ärgerlich sei, dass Sachsen-Anhalt erst zu Pfingsten Urlauber aus benachbarten Bundesländern zulasse. Deshalb habe sie Buchungen von Stammgästen aus Sachsen und Nordrhein-Westfalen stornieren müssen, die sich schon vor einem Jahr angemeldet hatten. „Das Haus wäre eigentlich voll gewesen“, sagt sie. „Das ist bitter.“ Immerhin seien einige Übernachtungsgäste aus Sachsen-Anhalt da. Perspektivisch gehe es aber bergauf. Viele entscheiden sich gerade für einen Harzurlaub. „Die Buchungen kommen jetzt herein“, so Liesgret Wewer.

Ruhige Tage zum Start

Darauf setzen auch die Betreiber des Hotels „Druidenstein“ in Trautenstein. Anders als die meisten Wirte haben Harald van Antwerpen und Jerry Machielsen bereits am Montag den Restaurantbetrieb wieder aufgenommen. „Wenn wir wieder öffnen können, dann müssen wir das gleich tun“, sagt van Antwerpen. Die ersten Tage verliefen ruhig, berichtet er. „Die Leute müssen sich erst wieder umstellen.“ Doch die Tische bevölkern sich wieder, Reservierungen trudeln ein. „Wir haben viele Gäste, die sagen: Oh, es ist geöffnet, jetzt gehen wir essen.“

Und die Betreiber sorgen für Schutz mit Desinfektion, Abstand, Masken: All dies sei zwar neu, aber machbar, sagt van Antwerpen. Auf die Hygiene habe man schon vor der Pandemie achten müssen. „Jetzt denkt man noch einmal neu darüber nach.“ Manches habe sogar Vorteile: Die Registrierungspflicht könne man nutzen, um abzufragen, ob die Gäste weiterhin über Angebote informiert werden wollen.

Van Antwerpen lobt das Vorgehen der Bundesregierung, gerade die Kurzarbeiterregelung. „Das haben sie in Deutschland wirklich gut organisiert. Andere Länder können davon lernen.“ Die Mitarbeiter seien in Kurzarbeit, blieben aber bei der Stange, was van Antwerpen und Machielsen freut. Auch die Unterstützung der Stammgäste – mit Briefen, Anrufen und E-Mails – habe gut getan.

Mit viel Arbeit haben sie es geschafft, ihre Kosten einzuspielen. „Jetzt bräuchten wir eigentlich Urlaub“, sagt der Gastronom mit einem Lachen. Vieles haben die beiden ausprobiert: Neben Tulpen haben sie frischen Spargel, Erdbeeren und weitere saisonale Produkte verkauft – „was wir in unserer Küche verarbeiten“. Ihr Essenbringdienst für Senioren habe sich etabliert: „Das führen wir fort“, sagt Harald van Antwerpen – obwohl Lieferdienste in der Oberharzstadt wegen langer Wege schwierig seien. Den Restaurantbesuch könne man nicht ersetzen, sagt Harald van Antwerpen: „Die Leute wollen lieber irgendwo sitzen und essen.“

Schaden begrenzen

Darauf hoffen jetzt alle Wirte, weiß Thomas Schult. Für den Aufschwung würden sie dringend gebraucht. „Wir freuen uns über jeden Gastronomiebetrieb, der wieder öffnet“, sagt der Leiter des Tourismusbetriebs der Stadt Oberharz am Brocken. Zwar habe man zu Ostern, am Maifeiertag und Himmelfahrt durch Corona Einnahmen verloren. „Wir hoffen aber, dass wir den Rest der Saison, die größtenteils noch vor uns liegt, aktiv Schadensbegrenzung betreiben können.“ Wichtig sei, dass die touristischen Attraktionen, die Urlauber in die Region locken, wieder an den Start gehen. Man warte nun „sehnlichst“ auf die Bestimmungen, die die angekündigten Lockerungen konkret untersetzen. Der Dank gehe an Behörden und Ämter, die engagiert Unterstützung leisteten, so Schult.

In der Zwangspause sei man mit vielen Anbietern im Gespräch gewesen. Untätig seien die meisten nicht gewesen, hat er beobachtet. „Die Region macht sich gerade hübsch. Viele haben die Zeit genutzt, um ihre Anlagen auf Vordermann zu bringen.“ Davon könnten die Gäste jetzt profitieren. „Wenn jetzt wieder geöffnet wird, dann wird man den Harz ganz anders erleben“, so Schult.

Muttertag zu Hause

Gründlich aufgeräumt und vieles aufgehübscht haben auch Gabriela und Olaf Schubert. Das Ehepaar betreibt das Hotel-Restaurant „Zum Goldenen Adler“ in Elbingerode. „Man hat sich Arbeit gesucht. Langeweile hatten wir nicht“, berichtet die Wirtin. Trotzdem blieb Zeit für sich selbst - ungewohnt für Gastronomen. „Ostern und Muttertag zu Hause, das kennen wir sonst gar nicht“, sagt Gabriela Schubert mit einem Lächeln. Bei aller Unsicherheit sei das schön gewesen: „Doch jetzt reicht es.“

Sie freut sich, dass der Betrieb heute startet – obwohl die Vorbereitungszeit kurz und die Einhaltung der Auflagen schwierig sei. Durch den vorgeschriebenen Abstand zwischen den Tischen verliere der „Goldene Adler“ in seinen drei Gasträumen mehr die Hälfte der Sitzplätze, sagt Gabriela Schubert. Man habe getüftelt, stelle Spuckschutzwände auf und laminiere Speisekarten. Blumen auf den Tischen gehen nicht, Tischdecken auch nicht – es ist ein Spagat zwischen Hygiene und Gemütlichkeit, weiß die Wirtin. „Der Gast soll sich ja auch wohlfühlen.“

Ihre Gäste wiederzusehen, darauf freue sie sich am meisten, sagt Gabriela Schubert. Viele hätten sich erkundigt, wie es weitergeht und wann es wieder Holzfällersteak mit Bratkartoffeln gebe. „Ohne unsere Stammgäste wären wir nichts.“ Allerdings rechnet sie mit einem verhaltenen Start. Die Ungewissheit sei groß, wie viele Gäste kommen. Deshalb gibt es vorerst verkürzte Öffnungszeiten, um zu testen, wie es läuft. Man müsse klein anfangen, zumal mit Touristen erst zum Monatsende zu rechnen sei und Essengehen für Menschen in Kurzarbeit Luxus sei. „Aber es geht wenigstens erst einmal los. Darauf kann man aufbauen.“