Wernigerode/Peine l Die Zeit des minmalen Kontakts ist für viele Menschen eine Belastung, weil ihnen die Nähe zu ihren Freunden und Bekannten, zu ihren Familienmitgliedern und Vereinsmitstreitern fehlt. So erging es auch Sophie Bremer und ihrer Großmutter Ingrid. „Meine Oma lebt allein in ihrer Wohnung. Sie hat zwar ihren Hund, das ist ein kleiner Trost. Aber die Sehnsucht nach uns, nach ihrer Familie war groß“, berichtet die Studentin, die im zweiten Semester Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Harz studiert.

Also schmiedete die 22-Jährige gemeinsam mit ihrem Cousin einen Plan: „Wir haben meiner Oma WhatsApp über das Telefon beigebracht“, sagt sie. Das klingt leichter, als es tatsächlich war – denn die 80-jährige Ingrid, eine frühere Materialverwalterin bei Karstadt, hatte schließlich noch nie ein Tablet oder Smartphone in ihren Händen gehalten, geschweige denn bedient.

„Wir haben zunächst ein Zweitgerät meines Cousins vorbereitet“, berichtet Sophie Bremer. „Es handelt sich um ein relativ aktuelles Modell – das würde ich jedem ans Herz legen. Dann kann man sich sicher sein, dass so wichtige Programme wie der Nachrichtendienst WhatsApp problemlos laufen. Auf manchen älteren Geräten läuft WhatsApp gar nicht mehr.“

Wissen mit Großeltern teilen

Woher sie das weiß? Sophie Bremer ist seit gut einem halben Jahr ehrenamtliche Technikbotschafterin im Reallabor für Technikakzeptanz und Soziale Innovation (TAKSI-Zentrale) in der Kopernikusstraße 8 in Wernigerode. Dort unterstützt sie ältere Menschen unter anderem bei der Bedienung ihrer Smartphones. Ihr Wissen mit der Großeltern-Generation zu teilen, bereite ihr Freude.

Ursprünglich habe sie sich neben dem Studium in einem Altersheim engagieren wollen, doch dann erfuhr sie vom Innovationsnetzwerk Vernetzte Technikberatung und Techniknutzung an der Hochschule Harz – kommt seitdem in die wöchentliche Sprechstunde für Smartphone, Komfort und Sicherheit.

„Ich habe schon immer einen guten Draht zu älteren Menschen“, verrät sie. „Zu meinen Großeltern und später auch zu den Großeltern von meinem Freund.“ In der TAKSI-Zentrale erklärt sie Älteren, wie man Videotelefonate über WhatsApp startet, wie man Fotos teilt und einen Kontakt abspeichert – beste Voraussetzungen für die Lehrstunde mit der eigenen Oma, die nun unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie nach einer Kontaktmöglichkeit zu ihren Enkeln und Urenkeln suchte.

Videotelefonie über W-Lan

Das präparierte Smartphone fand über den Cousin schließlich den Weg zur Oma, die in einem Dorf bei Peine (Niedersachsen) lebt. Dort verband der Cousin das Smartphone mit dem W-Lan-Netzwerk. Das ging ganz unkompliziert, weil er im selben Haus wie die Oma wohnt und die Zugangsdaten kennt. „Für Videotelefonie benötigt man einen Internetzugang“, betont Sophie Bremer. „Entweder man nutzt das mobile Internet, das man über eine Prepaid-Karte oder einen laufenden Vertrag bezahlt, oder man beschafft sich einen Internetzugang über den Festnetzanbieter.“ Die Kosten liegen je nach Nutzungsintensität zwischen 5 und 20 Euro im Monat.

Als die Großmutter das Telefon schließlich in ihren Händen hielt, kam Sophie Bremers Part: „Ich habe ihr übers Telefon Schritt für Schritt erklärt, wie man das Gerät einschaltet, wie man die Bildschirmsperre löst und wie sie einen Anruf annimmt.“

Drücken, ziehen, wischen, tippen streichen: Nicht immer habe sofort alles geklappt. „Ich hätte ihr gerne noch viel mehr erklärt – aber es ist ziemlich schwierig, wenn man nicht sieht, was der andere gerade auf dem Bildschirm macht.“ Geholfen habe, dass ihre Oma alles auf einem Notizblock mitgeschrieben habe. „So kann sie jetzt genau nachvollziehen, wie sie Schritt für Schritt vorgehen muss“, sagt die Studentin.

Ein Tag für Erlernen der Grundfunktionen

Einen Tag haben die Lektionen in den Grundfunktionen in Anspruch genommen. Für Sophie Bremer alles andere als vergeudete Lebenszeit. „Als wir den ersten Videoanruf mit meiner Schwester und meiner Mutter gestartet haben und ich die Freude meiner Oma in ihren Augen sah, wusste ich, dass es die Zeit wert war“, sagt sie gerührt. Ihr sei bewusst, dass sich viele ältere Menschen scheuen, die Hilfe ihrer Angehörigen anzunehmen, weil sie ihren Liebsten nicht zur Last fallen wollen.

„Aber gerade in dieser Zeit, ist es eine tolle Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben. Für uns ist es schön, unsere Oma zu sehen und zu wissen, dass es ihr gut geht. Meine Schwester wohnt in Berlin und hat Zwillinge, die zwei Jahre alt sind. Für meine Oma ist es eine große Freude, wenn sie sie nicht nur hört, sondern auch sehen kann. Und jetzt kann sie nicht nur meine Schwester, sondern auch uns alle immer sehen.“

WhatsApp hat den Start von Gruppen-Videokonferenzen zudem vor wenigen Tagen deutlich vereinfacht: Besteht eine Gruppe aus bis zu vier Mitgliedern, reicht es, den Kamera-Knopf in der oberen Menüleiste anzutippen und der Anruf wird gestartet. Damit reagiert das Unternehmen auf den Wunsch vieler Familien, sich während der Coronakrise von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten.