Harz/Brocken l „Was machen Sie hier? Die Einreise nach Sachsen-Anhalt ist für Sie nicht erlaubt!“, steht auf dem Zettel, der am Auto klebt. Susanne Roterberg kann ihren Augen kaum trauen. „Erst habe ich gelacht. Im Nachhinein war ich doch schockiert“, sagt sie. Gerade einmal fünf Minuten hatten die Wernigeröderin und ihr Freund das Auto mit auswärtigem Kennzeichen - einen Firmenwagen - in Ilsenburg abgestellt, schon hatte das Kennzeichen selbsternannte Ordnungshüter auf den Plan gerufen. „Wir machen hier gerade einen enormen Rückschritt im Miteinander“, sagt sie. „Hätte ich einen Einreiseantrag für den Ort Ilsenburg stellen müssen? Oder einen personalisierten Nachweis ins Auto legen sollen, dass ich aus Sachsen-Anhalt bin?“

Künftig werden Spitzeleien hoffentlich der Vergangenheit angehören, denn am Donnerstag, 28. Mai, soll das Einreiseverbot nach Sachsen-Anhalt aufgehoben werden. Am langen Wochenende zog es bereits viele Ausflügler auf den Brocken. Betagte Damen und Herren auf Elektro-Fahrrädern, wandernde Familien und Mountainbiker eint eine Gemeinsamkeit: Sie alle haben ihren Erstwohnsitz in Sachsen-Anhalt. Wen es aus einem anderen Land zum höchsten Hochgipfel lockt, dem drohen saftige Strafen. Bis zu 400 Euro Bußgeld werden fällig. Dass sich Sachsen-Anhalts Landesregierung auf dem Hoch der Corona-Krise derartig abgeschottet hat, habe für Verwunderung und Unverständnis gesorgt, berichtet Wernigerodes Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos). „Unverständlich ist das gerade jetzt im Jahr 30 der deutschen Einheit“, sagt er gegenüber der Volksstimme. „Unverständlich war diese Regelung für die Bürger auf unserer Seite des Harzes, aber auch für die Niedersachsen und Thüringer, die seit Jahrzehnten keinerlei Trennung mehr erlebt hatten.“

Er habe sich verwundert die Augen gerieben ob des in Magdeburg beschlossenen Einreiseverbotes, erinnert sich Gafferts Goslarer Amtskollege Oliver Junk. „Man sollte das Krisenmanagement überarbeiten und Zuständigkeiten an den Bund delegieren“, so sein Fazit. „Das Durcheinander der länderspezifischen Regelungen habe ich als sehr schwierig empfunden. Gerade wenn man wie wir so abhängig vom Tourismus ist, ist es nicht einzusehen, dass es unterschiedliche Regelungen in Abständen weniger Kilometer gibt.“ Der Christdemokrat hatte bereits vor zwei Wochen als Präsident des Harzklubs einen freien Brocken und die sofortige Öffnung der Grenzen von Sachsen-Anhalts Landesregierung gefordert. Doch weitere zwei Wochenenden blieb der Harzgipfel ausschließlich den Sachsen-Anhaltern vorbehalten.

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Es sei an der Zeit, gemeinsam zu handeln, sagten sich Gaffert und Junk, und beschlossen in der vergangenen Woche, sich gemeinsam für die Öffnung der Landesgrenzen stark zu machen. „Wir haben noch einmal einen Anlauf unternommen. Es wurde langsam absurd“, sagt Gaffert. In einer Pressemitteilung der länderübergreifend agierenden Ein Harz GmbH forderte Wernigerodes Stadtchef am Mittwoch das sofortige Aufheben des Einreiseverbots nach Sachsen-Anhalt, „um dem ohnehin eingetretenen wirtschaftlichen nicht noch einen Imageschaden hinzuzufügen.“

Das Einreiseverbot gehört ab Donnerstag der Geschichte an. „Wir hoffen, dass sich die negativen Erfahrungen nicht so manifestieren. Wir brauchen die Gäste, das sehen wir überall“, sagt er. Von seinem Arbeitszimmer könne er mittlerweile wieder auf einen relativ belebten Marktplatz schauen, der in den vergangenen Wochen allzu oft menschenleer war. „Das freut mich als Oberbürgermeister dieser Stadt“, sagt er und betont, dass er sehr wohl anerkenne, dass die Einschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus Wirkung gezeigt hätten. Auch Oliver Junk sei erleichtert, dass die Landesregierung eingelenkt habe. „Es hat sich vielleicht doch gelohnt, dass man es ein bisschen vehementer thematisiert hat“, vermutet er. „Denn das ist nicht nur für den Freiheit- und Freizeitdrang der Niedersachsen wichtig, sondern vor allem für die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt.“

Mit den Lockerungen werde sich die vom Tourismus abhängige Wirtschaft in Wernigerode wieder erholen, sagt Peter Gaffert zuversichtlich. „Die Nachfrage insbesondere nach Wernigerode, zu reisen, ist ungebrochen. Ich denke, dass wir gefüllte Restaurants, Hotels und Geschäfte haben werden. Weltweit wird der deutsche Tourismus profitieren. Unsere Gastronomen sind gewappnet, es läuft alles gut und die Menschen gehen sehr vernünftig mit der Situation um.“

Diesen Eindruck teilt auch Frank Uhlenhaut, Geschäftsführer der Ein Harz GmbH, die sich für die Öffnung der Grenzen engagiert hat. Ob das Einreiseverbot einen bleibenden Imageschaden hinterlassen hat? „Nein, so weit würde ich nicht gehen“, sagt er. „Ich denke aber schon, dass Grenzschließungen zwischen deutschen Bundesländern äußerst problematisch sind und ich hoffe, dass man künftig ein bisschen besonnener mit der Situation umgeht und Einheit gebietet.“

Sie sei „sehr erfreut“ über die Ankündigung, dass die Einreise nach Sachsen-Anhalt demnächst wieder legal möglich ist, unterstreicht Carola Schmidt, Chefin des Harzer Tourismusverbands. „Es war so, dass wir uns Tage vorher massiv dafür eingesetzt haben, dass wir eine verlässliche Aussage erhalten, wann das Bundesland wieder aufmacht“, sagt sie. Denn das Problem sei, dass sich die Anbieter von Zimmern auf Gäste längerfristig einstellen müssten und daher einen gewissen Vorlauf bräuchten. „Touristische Angebote fährt man nicht in 24 Stunden hoch. Das ist für Vorbuchungen in Richtung Pfingsten schwierig. Aber das hat jetzt geklappt. Die klare Ankündigung kam zur rechten Zeit.“ Kommt die Aufhebung zu spät? „Nein, sie kommt ein bisschen spät, aber nicht zu spät“, so Carola Schmidt.

Konkrete Ausflugspläne in die Nicht-Mehr-Sperrzone schmiedet derweil Oliver Junk. Er wolle gerne das Selketal mit seiner Familie erkunden, verrät der begeisterte Wanderer. „Christi Himmelfahrt waren wir in Thüringen auf tollen Karst-Wanderwegen im südlichen Harzvorland unterwegs“, sagt er. Ob er während des Verbots vielleicht doch mal in Sachsen-Anhalt war? „Nö, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal dort war. Und das würde ich ja jetzt nicht zugeben“, sagt er augenzwinkernd.