Ilsenburg l Als Hausarzt ist Dr. Jürgen Schlegel zuständig dafür, sich um die Leiden und Gebrechen seiner Patienten zu kümmern. Doch momentan schlägt er sich mit einem Problem herum, das mit der Corona-Pandemie zusammenhängt und nur schwer behandelbar scheint. „Das Problem, das alle Praxen derzeit haben, ist die Angst der Leute“, sagt der Allgemeinmediziner, der mit seinem Kollegen Dr. Nicolas Hennecke eine Praxis in Ilsenburg betreibt. Die Ärzte beobachten, dass sich offenbar viele Patienten nicht in die Sprechstunde trauen, weil sie befürchten, sich mit dem Coronavirus anzustecken.

Dabei sei das Risiko, dass die Patienten eingehen, wenn sie Untersuchungen auslassen, um ein Vielfaches höher als die Gefahr, die derzeit das Coronavirus im Harz darstelle. Wie die Mediziner betonen, gelte dies besonders für chronische Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Beschwerden. Diese seien weit verbreitet: Rund 1000 der zirka 1800 Patienten, die im Schnitt pro Quartal ihre Gemeinschaftspraxis aufsuchen, sind chronisch krank und müssen sich regelmäßig vorstellen.

Seit Beginn der Corona-Krise ist das Wartezimmer jedoch spürbar leerer als sonst. „Einige haben mehr Angst, in die Praxis zu kommen, als vor ihrer chronischen Krankheit, die wir zu behandeln versuchen“, sagt Hennecke. Das sei jedoch eine fatale Fehleinschätzung und könne ernste Konsequenzen haben, warnen die Mediziner. Bei chronischen Erkrankungen müsse man den Krankheitsverlauf ständig im Blick haben. Beispiel Diabetes: „Wenn das nicht kontrolliert wird, bekommt der Patient am Ende eine Polyneuropathie oder Augenschäden“, so Schlegel.

Zu lange gezögert

Er und sein Kollege haben bereits Fälle erlebt, in denen der Arztbesuch zu lange hinausgezögert wurde. Zwei Patienten, die Herz-Rhythmus-Störungen ignoriert haben, brauchen nun Herzschrittmacher. „Sie haben sich zu spät gemeldet“, so Schlegel. Ein anderer habe sich mit viel zu hohem Blutdruck vorgestellt. Weil dieser nicht schnell gesenkt werden könne, sei eine geplante Operation gefährdet, sagt Hennecke.

Von Kollegen hören sie von Patienten, die sich vier Wochen lang mit Bauchschmerzen plagen, um dann vom Hausarzt übergangslos auf die Intensivstation verwiesen werden und einen künstlichen Darmausgang erhalten. In Fachzeitschriften werde berichtet, dass viel weniger leichte Schlaganfälle behandelt würden, sagt Nicolas Hennecke – für ihn ein klares Zeichen, dass Patienten die flüchtigen Symptome ignorieren. Doch der kleine Schlaganfall verursache Schäden – zumal ein großer folgen könne, mit potenziell tödlichem Ausgang. Daher mahnt die Kassenärztliche Bundesvereingung in der Ärztezeitung, dass „Vorsorge, Früherkennung und Verlaufskontrollen“ nicht länger ausgesetzt werden dürften.

Das Problem ist offenbar der große Erfolg der Corona-Prävention. „Die Leute haben so verinnerlicht, dass sie wegen Corona nicht auf die Straße gehen sollen, dass sie ihre anderen Krankheiten vergessen“, so Schlegel. Das sei „kontraproduktiv“ – auch wenn die Auflagen zum Infektionsschutz richtig seien. Die Angst vor Ansteckung sei indes unbegründet, versichern die Ärzte. „Jeder hat sich Gedanken gemacht, wie er seine Patienten schützen kann“, sagt Schlegel – das gelte für seine Praxis wie für die der Kollegen. Das beginnt am Eingang: Wer die Räume an der Faktoreistraße betritt, kommt durch den Haupteingang hinein – wer sie verlässt, benutzt den Seitenausgang, um Begegnungen zu vermeiden.

Plexiglas und Mundschutz

Am Anmeldetresen sind Plexiglasscheiben als Spuckschutz montiert. Ärzte und Angestellte tragen Mundschutz und achten auf Abstand. Mehrere Aushänge weisen die Patienten darauf hin, dass sie ebenfalls mit Mundschutz eintreten und die Hygieneregeln beachten müssen. Desinfektionsmittel für die Hände stehe bereit. „Alle Oberflächen werden mehrmals täglich desinfiziert“, sagt Nicolas Hennecke. Zudem verfügt die Praxis über zwei Wartezimmer. „Wir trennen von vornherein Patienten mit infektiösen von denen mit nichtinfektiösen Erkrankungen“, erklärt Jürgen Schlegel.

All dies mache den Besuch sicher, betont er: „Wir haben alle Vorkehrungen getroffen, um Erkrankungen von unseren Patienten fernzuhalten.“ Zudem sei die Zahl der Corona-Infekionen vor Ort vergleichsweise niedrig. Bisher hätten sie drei Fälle betreut. Die Ärzte hoffen, dass Patienten sich nicht länger abhalten lassen. „Krankheiten warten nicht, bis Corona vorbei ist“, ergänzt Hennecke.