Fahrschule

Das lange Warten auf den Führerschein: Darum werden Fahrlehrer und -schüler aus dem Landkreis Harz auf eine Geduldsprobe gestellt

In Harzer Fahrschulen klingeln die Telefone heiß. Es sind nicht nur neue Fahrschüler, die sich anmelden wollen, sondern insbesondere frustrierte Prüflinge.

Von Sandra Reulecke
Für seinen Job in der Baubranche benötigt Ismet Cansi (links) aus Blankenburg einen Führerschein. Mit Fahrlehrer Oliver Dirrwald hat er bereits alle Pflichtstunden, die es zur Zulassung für die praktische Prüfung braucht, absolviert. Allerdings ist es den beiden Männern bislang nicht gelungen, einen Termin für die Prüfung zu ergattern.
Für seinen Job in der Baubranche benötigt Ismet Cansi (links) aus Blankenburg einen Führerschein. Mit Fahrlehrer Oliver Dirrwald hat er bereits alle Pflichtstunden, die es zur Zulassung für die praktische Prüfung braucht, absolviert. Allerdings ist es den beiden Männern bislang nicht gelungen, einen Termin für die Prüfung zu ergattern. Foto: Sandra Reulecke

Wernigerode/Halberstadt - Zwei Computer stehen vor Oliver Dirrwald. Er wartet darauf, dass die Termine auf der Homepage freigegeben werden. Im Sekundentakt aktualisiert er die Bildschirme, klickt ungeduldig auf der Tastatur herum. Wieder nichts, keine Plätze mehr frei. Resignation macht sich breit. Dirrwald versucht nicht etwa, begehrte Festival-Karten zu ergattern. Der Fahrschullehrer aus Wernigerode bemüht sich um Prüfungstermine für seine Schüler. Diese muss er nun erneut vertrösten.

„Es ist frustrierend“, sagt der 54-Jährige. Seit Corona habe sich ein regelrechter Prüfungsstau aufgebaut. Neben aktuellen Schülern warten andere seit Monaten darauf, an die Reihe zu kommen. Was das bedeutet, zeigt sich am Beispiel von Maximilian Wasserstraß.

Praktikumsplatz in Gefahr

Der 16-Jährige aus Athenstedt hat seinen Schulabschluss frisch in der Tasche und möchte nun ein einjähriges Praktikum in der Landwirtschaft absolvieren – in Silstedt. „Ein fahrbarer Untersatz ist da angebracht“, sagt er. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestehe kaum eine Chance, zur Arbeit zu kommen.

Dass er sich zu spät um einen Motorrad-Führerschein gekümmert habe, könne er sich nicht vorwerfen lassen. Schon im November vorigen Jahr habe er begonnen, dafür zu büffeln. Die Theorie-Prüfung habe er schon bestanden, auf die praktische wartet er immer noch.

Terminvergabe nur online

Erst war sein Fahrerlehrer in Quarantäne, dann kam der Lockdown. Nun heißt es, weiter Geduld zu zeigen. „Momentan dauert es sechs, sieben Wochen, um einen Prüfungstermin zu bekommen“, berichtet Heiko Sattler, seit 2002 Inhaber einer Fahrschule. „Es gab Zeiten, da habe ich freitags die Unterlagen abgegeben, und der Prüfling konnte am Freitag drauf zur Theorieprüfung in Halberstadt.“ Die dortige Niederlassung ist auch für die Führerscheinprüfungen im Altkreis Wernigerode verantwortlich.

Seit Ende des jüngsten Lockdowns sei alles umständlicher geworden. „Danach konnten sich Fahrschulen nur online Termine holen“, berichtet Oliver Dirrwald. Was auf den ersten Blick auf eine Zeitersparnis hindeutet, stellte sich als das Gegenteil heraus. Termine bei der Fahrerlaubnisbehörde des Landkreises Harz dienten lediglich dazu, die Unterlagen der Prüflinge abzugeben. „Die werden dann von der Behörde geprüft und an die Dekra weitergegeben.“ Das Prozedere nehme mehrere Wochen in Anspruch. Erst dann erhalten die Fahrschulen eine Prüfnummer, mit der sie sich online einen Prüfungstermin bei der Dekra für den Schüler sichern können. Das ist zweimal in der Woche möglich, berichtet Fahrlehrer Torsten Arndt. „Mittwochs gegen 10 und freitags um 14 Uhr werden die Termine für in fünf, sechs Wochen freigeschaltet“, erläutert der 49-jährige Wernigeröder. „Den Kollegen in Halberstadt geht es ähnlich.“

„Buhmann zwischen Behörden, Dekra und Prüflingen“

Die Plätze seien rar. „Seit dem 1. Januar dauern die Prüfungen aufgrund neuer Bestimmungen länger. Die Prüfer schaffen also weniger am Tag.“ Zudem seien Prüfer in Rente gegangen, ohne ersetzt zu werden. „Das ist das, was uns so ärgert“, kritisiert Oliver Dirrwald. „Diese Situation war absehbar, aber es wurde nicht reagiert.“

So schwierig wie jetzt, war ihr Job noch nie, sind sich die drei Fahrschulinhaber mit jahrzehntelanger Berufserfahrung einig. „Wir stehen als Buhmann zwischen Behörden, Dekra und Prüflingen“, fasst Torsten Arndt zusammen.

Dazu kämen Anrufe von wütenden Eltern und Arbeitgebern, die nicht verstehen könnten, warum sich der Weg zum Führerschein so lang hinziehe. „Mein Chef wird langsam echt ungeduldig“, berichtet Ismet Cansi. Der 25-Jährige ist von Hannover nach Blankenburg gezogen und arbeitet im Tiefbau. „Ohne Führerschein bin ich eine Belastung für die Firma, weil ich nicht selbst zu den Baustellen fahren kann“, sagt Cansi. Im März habe er mit der Fahrschule begonnen. „Er könnte längst fertig sein, aber wir bekommen einfach keinen Termin“, so Oliver Dirrwald. „Man wird immer unsicherer, je länger man wartet“, gesteht der Prüfling.

Höhere Durchfallquote

Damit stehe er nicht allein. „Um nicht aus der Übung zu kommen, nehmen die Schüler weiter Fahrstunden bis zur Prüfung. Es wird so teurer, die Aufregung steigt und der Druck wird höher“, beschreibt Torsten Arndt.

Dies könnte eine Erklärung dafür sein, „dass aktuell mehr Bewerberinnen und Bewerber als erfahrungsgemäß üblich die praktische Fahrerlaubnisprüfung nicht bestehen, sodass Wiederholungsprüfungen notwendig werden“, wie Wolfgang Sigloch, ein Sprecher der Dekra, berichtet. Heiko Sattler schätzt, dass in der Regel ein Viertel bis ein Drittel der Schüler mehr als einen Anlauf benötigen.

Auf Volksstimme-Nachfrage bestätigt Sigloch: „Aktuell kommt es im Gebiet der Dekra-Niederlassung Magdeburg im Landkreis Harz zu einer etwas erhöhten Wartezeit bei Terminen für die praktische Fahrerlaubnisprüfung. Sie liegt im Moment bei rund sechs Wochen statt der üblichen drei.“ Seitens der Dekra werde daran gearbeitet, die Situation zu entspannen. „Wir haben bereits erhöhte Prüfkapazität bereitgestellt und nehmen signifikant mehr Prüfungen ab als zum Beispiel im Vorjahreszeitraum.“

Fahrlehrer Torsten Arndt warnt jedoch vor zu viel Optimismus. „Dieser Prüfungsstau wird bis weit ins kommende Jahr hineinreichen.“ Sein Kollege Oliver Dirrwald ergänzt: „Es geht uns nicht darum, jemanden den Schwarzen Peter zuzuschieben. Wir wollen um Verständnis für unsere Situation werben. Wir stoßen im Moment an unsere Grenzen.“

Torsten Arndt
Torsten Arndt
Foto: Sandra Reulecke
Oliver Dirrwald
Oliver Dirrwald
Foto: Sandra Reulecke
Maximilian Langenstraß (16) aus Athenstedt braucht einen Führerschein, um seinen Praktikumsplatz in Silstedt antreten zu können.
Maximilian Langenstraß (16) aus Athenstedt braucht einen Führerschein, um seinen Praktikumsplatz in Silstedt antreten zu können.
Foto: Sandra Reulecke