Geschichte der Elbingeröder Schwesternschaft

Die Ursprünge der Elbingeröder Schwesternschaft reichen bis ins Jahr 1899 zurück. Im ostpreußischen Borken eröffnete Pfarrer Carl Ferdinand Blazejewski zusammen mit seiner Frau und vier jungen Frauen ein Gemeinschaftsschwesternhaus.

Nach dem Tod des Gründers führte Pfarrer Theophil Krawielitzki die Arbeit im westpreußischen Vandsburg fort. Weitere Häuser wurden gegründet, die Schwesternschaft bestand bald aus 700 jungen Frauen, mehr als 400 gehörten zu Vandsburg.

Einschneidende Veränderungen brachte der Erste Weltkrieg. Im Zuge des Versailler Vertrages wurden Teile des ehemaligen Deutschen Reiches dem neu gegründeten Freistaat Polen zugeordnet. Vandsburg lag nun außerhalb der deutschen Grenze, heißt heute Wiecbork. Kurz zuvor reisten einige Diakonissen nach Berlin-Schlachtensee, wo sie sich am 20. Januar 1920 unter dem Namen „Neuvandsburg“ neu aufstellten.

Aus Anfangs 300 Schwestern wurden schon bald mehr, das Gästehaus reichte nicht mehr aus. Nach einem Zwischenstopp im sächsischen Rathen fand die Schwesternschaft in Elbingerode ein Waldgrundstück, das genug Platz bot. Am 1. März 1921 zogen die ersten Diakonissen in das ehemalige Kurhotel. Doch auch der Platz sollte nicht lange reichen.

Der Grundstein für ein neues Mutterhaus wurde am 18. Oktober 1931 gelegt, geplant vom Architekten Godehard Schwethelm. Es wurde im Juli 1934 eröffnet und gilt heute als beeindruckendes Beispiel der Bauhaus-Architektur.

Der Zweite Weltkrieg brachte erneute Veränderungen mit sich. Schwestern aus Polen flüchteten von Vandsburg über Elbingerode ins niedersächsische Lemförde, Schwestern aus Elbingerode gingen kurz vor der Teilung Deutschlands ins Rheinland. Es entstanden die Häuser Altvandsburg sowie Neuvandsburg-West (heute Bleibergquelle). Das Haus in Elbingerode benannte sich in Neuvandsburg-Ost um.

Nach der Wende prägte vor allem die rechtliche Trennung des Mutterhauses vom 1939 aus der Lazarettarbeit entstandenen Krankenhaus die Entwicklung. Der klinische Bereich wurde immer weiter ausgebaut, um Reha- und Akutklinik erweitert.

Die Zahl der Diakonissen dagegen ist rückläufig. Waren es zu Hochzeiten 1200 Schwestern, gehören derzeit nur noch 138 Frauen dem Elbingeröder Mutterhaus an. Das Durchschnittsalter liegt bei 80 Jahren. Seit 15 Jahren gab es keinen Neueintritt.(kl)

Elbingerode l Sie wirken ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Wenn sie mit ihren markanten weißen Hauben und ihren blau getupften Kleidern durch die Straßen gehen, fallen sie auf. „Wir schweben eigentlich“, nennt Kerstin Malycha, Oberin im Elbingeröder Diakonissen-Mutterhaus, das. „Wir sind nicht ganz von dieser Welt, aber mitten in der Welt.“

Denn auch wenn sie sich für ein anderes Lebensmodell als die meisten Menschen entschieden haben, sind es doch genau diese, für die sie da sein wollen. Die Diakonissen arbeiten meist in sozialen und pädagogischen Berufen oder sind in der ganzen Welt als Missionarinnen unterwegs. Die Mutterhäuser sind ihr Rückzugsort, ihr Zuhause.

Persönlicher Verzicht zum Wohle aller

Neben dem Wohl der Allgemeinheit sind sie auch auf ihre eigene Gemeinschaft bedacht. „Die Schwestern leben von einem Versprechen, das sie sich gegenseitig geben. Sie wollen gemeinsam in der Schwesternschaft leben, in Ehelosigkeit und Bescheidenheit“, erklärt Pastor Reinhard Holmer, Direktor des Diakonissen-Mutterhauses Elbingerode.

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Der Verzicht zum Wohle der Gemeinschaft prägt ihr Leben maßgeblich. Alles, was die Frauen durch ihre Tätigkeit verdienen, fließt in eine Kasse. Im Gegenzug werden sie ein Leben lang mit Essen, Kleidung und Wohnraum versorgt. Lediglich ein kleines Taschengeld bekommen sie ausgezahlt, kaufen sich davon beispielsweise Blumen, Bücher, Kosmetik oder Briefmarken. „Oder Bananen, so wie ich“, schmunzelt Schwester Kerstin. Manchmal wird davon auch eine Eintrittskarte fürs Theater oder Kino bezahlt. Allerdings eher im Urlaub als im Alltag. „Der eigentliche Sinn des Dienstes ist es, zu dienen, nicht, seine Freizeit zu gestalten“, gibt die Oberin zu bedenken. „Mein Tag hier ist auch gut ausgefüllt.“

Feste Zeiten für Essen und Gebet

Im Elbingeröder Mutterhaus gibt einen festen Tagesablauf. Dreimal in der Woche wird um 8 Uhr eine gemeinsame Andacht abgehalten, eine halbe Stunde später gibt es Frühstück im Speisesaal. „Manche Diakonissen essen auch vorher schon auf ihrem Zimmer“, weiß Pastor Holmer.

Der nächste Termin ist um 11.30 Uhr das Mittagsgebet. Die Hausleitung informiert über geplante Vorhaben, Termine des Vorstands, den Besuch der Presse oder ob Schwestern krank sind. „Eben alles, was die Schwestern wissen müssen“, erklärt der Direktor. Damit auch die Diakonissen auf ihren Zimmern oder im Seniorenzentrum auf dem neuesten Stand sind, ist dieser Teil durch Lautsprecher im gesamten Gebäude-Komplex zu hören. Anschließend tragen die Schwestern ihre persönlichen Anliegen in einem freien Gebet vor. „Sie beten zum Beispiel für die Weisheit der Politiker, die Gesundheit von Mitmenschen oder das Gelingen unserer aktuellen Baumaßnahmen.“

Englisch bis Wassergymnastik

Punkt 12 Uhr wird im Speisesaal das Mittagsbuffet eröffnet. Auch vegetarische und laktosefreie Speisen stehen zur Auswahl, zudem ein Kindergericht. Denn neben den Schwestern essen seit eineinhalb Jahren auch die Gäste mit, die in den Häusern auf dem Gelände ihren Urlaub oder eine Jugendfreizeit verbringen. Bis zum Abendessen um 18 Uhr geht jede Diakonisse ihren eigenen Weg. Manche singen im Chor, lernen zusammen Englisch oder machen Wassergymnastik im Schwimmbad, andere gehen noch einer Beschäftigung nach. Abends wird dann der Fernseher eingeschaltet oder ein Buch gelesen.

Den ganzen Tag werden die Schwestern von ihren Gedanken an Gott begleitet. Neben den täglichen Hausandachten und Gebetsgemeinschaften steht sonntags zusätzlich um 10 Uhr ein Gottesdienst auf dem Programm. Und einmal im Jahr nehmen sich die Diakonissen in einer Rüstwoche besonders viel Zeit für die Bibelarbeit, ergründen das Wort Gottes.

Lebensmodell war im 19. Jahrhundert attraktiv

Dieses Leben zu führen, ist für die Schwestern eine bewusste Entscheidung. Gewachsen ist das Modell im 19. Jahrhundert, als die Zeiten noch unsicher waren, Frauen nicht die gleichen Rechte hatten wie Männer. „Ledige Frauen mussten beispielsweise bei ihren Brüdern leben, konnten keine Ausbildung machen. Es war also ein attraktives Modell, was die Gründer entwickelt haben“, weiß Pastor Reinhard Holmer. Doch die soziale Sicherheit hat ihren Preis. Für das, was sie bekommen, müssen die Diakonissen auf vieles verzichten.

„Es gibt kaum eine Schwester, für die dieses Leben der Traum ihrer schlaflosen Nächte war. Oft war auch das Umfeld dagegen“, verdeutlicht der Direktor. „Deshalb braucht man eine innere Gewissheit, dass das der richtige Platz für einen ist.“ Oberin Kerstin Malycha spricht von einer Berufung. „Manche Frauen fühlten sich direkt durch Gottes Wort zu diesem Leben bestimmt, andere, weil sie den Dienst von Diakonissen erlebt haben.“ Innerhalb einer zweijährigen Probezeit werde der Wille hinterfragt – sowohl von der Bewerberin als auch von der Schwesternschaft. Erst dann gibt es die maßgeschneiderte Tracht.

Die Gedanken an einen Partner, an Kinder, seien manchmal aber auch nach Jahren noch präsent. „Es ist immer wieder ein Fragen“, gibt die Schwester zu. „Man durchlebt auch als Diakonisse die Jahrzehnte einer Frau. Es ist immer wieder ein neues Ja-Sagen, ein lebendiges Opfer.“ Heutzutage ist das Lebensmodell nicht mehr sehr gefragt. Seit 15 Jahren gab es keinen Neueintritt mehr in Elbingerode, 88 Prozent der Schwestern sind im Rentenalter.

Gelebte Werte weiterhin aktuell

Das Prinzip dahinter sei jedoch für alle Menschen relevant. „In unserem Leben braucht es Zeit zur Arbeit und zur Ruhe. Das macht das Gleichgewicht des Lebens aus“, meint die Oberin. Sei es durch eine innere Einkehr oder die Sonntagsruhe, den Besuch eines Gottesdienstes oder das Lesen eines geistlichen Buchs.

In Zeiten des „grenzenlosen Individualismus“ ist das Leben als Diakonisse für die heutigen Generationen nicht mehr attraktiv, wie Pastor Holmer einschätzt. Doch vor allem in Hinblick auf den Erhalt unseres Planeten, habe er die Gewissheit, dass das, was die Schwestern angefangen haben, weitergetragen wird, wenn auch in anderer Form. „Das wird vielleicht nicht wieder unter die Haube führen, aber ganz sicher zu einer neuen Art von Gemeinschaft.“

Festakt zum Jubiläum

Am 14. Februar 2020 soll vor allem die Vergangenheit gewürdigt werden. Ab 18 Uhr wird unter anderem Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zum Festakt erwartet. Nach einem gemeinsamen Abendessen im Speisesaal des Mutterhauses klingt die Veranstaltung im Kirchsaal gegen 21 Uhr aus.