Wernigerode l Der beinahe tödliche Messerangriff auf einen 19 Jahre alten Mann im Wernigeröder Wohngebiet Harzblick bewegt vor Ort weiterhin viele Menschen. Während manche Bewohner in dem Plattenbau-Gebiet nur noch genervt abwinken und den Fall runterspielen („das waren doch nur Afrikaner, die sich da abgestochen haben ...“), suchen andere Nachbarn den Weg in die Öffentlichkeit.

„Es waren wirklich tragische Momente, die wir vom Innenhof aus teilweise mitbekommen haben“, so ein der Volksstimme namentlich bekannter Mann, der „in der Berichterstattung den Hinweis auf die entscheidenden Ersthelfer vermisst“. Wohl nur dank deren raschen und couragierten Eingreifens habe der 19-Jährige aus Guinea-Bissau nach der brutalen Messerattacke überhaupt eine Überlebenschance gehabt, ist der Wernigeröder überzeugt.

Ersthelfer

Konkret: Zwei Frauen hätten sich nach dem Fenstersturz des Mannes aus der dritten Etage des Hauses und den danach folgenden weiteren Messerstichen seitens des Angreifers anschließend sofort um das schwerverletzte Opfer gekümmert. „Sie haben dessen stark blutende Wunden im Halsbereich abgedrückt und so bis zum Eintreffen von Ärzten und Sanitätern verhindert, dass der Mann verblutet“, berichtet der Augenzeuge.

Das 19-jährige Opfer war – nach bislang offiziell bekannt gewordenen Ermittlungserkenntnissen der Polizei – in besagter Wohnung mit einem 22 Jahre alten Mann aus Mali in einen Streit geraten und von diesem mit einem Messer massiv attackiert worden. Der Verdächtige, der wenig später von Polizeibeamten vor Ort festgenommen wurde, sitzt seither wegen der Vorwürfe des versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in Haft.

Acht Meter Höhe

Der 22-jährige Angreifer soll laut Polizei zunächst in der Wohnung auf sein Opfer eingestochen haben. Als der 19-Jährige in seiner Todesangst versuchte, über das Fenster zu flüchten, ist ihm wohl erst auf der Fensterbank klar geworden, in welcher Höhe er sich befand – nach Polizeiangaben befindet sich das betreffende Fenster acht Meter über dem Erdniveau.

Als der 19-Jährige in die Tiefe stürzte befanden sich nach Informationen der Volksstimme zahlreiche Anwohner – darunter auch spielende Kinder – im Innenhof der Häuserblöcke Unterm Wulfhorn/Heidebreite/An den sieben Teichen. „Wir waren im Innenhof und haben gesehen, wie der Mann auf der Fensterbank stand, sich verzweifelt festhielt und wie von innen immer weiter zugestochen wurde, bis er schließlich abstürzte.“ Laut Polizei verließ der Messerstecher nach diesem Sturz die Wohnung und begab sich zum am Boden liegenden Absturzopfer, um weiter auf den 19-Jährigen einzustechen.

Notoperation

Das Opfer überlebte nur dank einer unmittelbar danach im Wernigeröder Klinikum erfolgten Notoperation. Tags drauf wurde der schwerverletzte Mann, dessen Zustand nach wie vor kritisch sein soll, per Hubschrauber in eine Uniklinik verlegt. Nach Informationen der Volksstimme hatte der 19-Jährige großes Glück, weil ein Messerstich nur äußerst knapp die Halsschlagader verfehlte.

Während manche Anwohner und Nachbarn die brutal-gnadenlose Messerattacke eher abfällig als Streit zwischen zwei Schwarzafrikanern abtun, sind andere entsetzt über die Schärfe des Konflikts angesichts eines menschlichen Anlasses.

20 Kühe als Brautpreis?

Nach Recherchen der Volksstimme soll sich der Streit um die 23 Jahre alte Frau aus Mali gedreht haben, die zusammen mit ihrem Kind in dem Quartier im Harzblick wohnt, in dem der Konflikt begann. Dem Vernehmen nach soll sie dort mit dem 19-jährigen Opfer aus Guinea-Bissau zusammenleben.

Knackpunkt dabei: Sie soll dem 22-jährigen Tatverdächtigen wohl als Frau versprochen oder mit ihm zwangsweise verkuppelt worden sein. Und nicht nur dieses Gerücht – die 23-Jährige soll in ihrem Wohnumfeld davon selbst berichtet haben – steht im Raum. In Rede sind auch 20 Kühe, die seitens der Familie des 22-Jährigen im heimatlichen Mali wohl für die Frau gezahlt worden sein sollen.

Viele Fragen

Nunmehr, so die denkbare Schlussfolgerung könnte der 22-Jährige, der zuletzt im bayerischen Pöcking lebte, nach Wernigerode gekommen sein, um seinen vermeintlichen Besitzanspruch durchzusetzen. Was mit Blick auf hiesige Verhältnisse kaum glaubhaft scheint, wird zumindest mit Fakten gestützt. Die Tatsache, dass der 22-jährige Verdächtige nach der Tat nicht floh, sondern bis zum Eintreffen der Polizei vor Ort blieb, könnte als Indiz dafür gewertet werden, dass sich der 22-Jährige keiner Schuld bewusst ist.

Allerdings soll er schon vor der 23-Jährigen nach Europa gekommen sein. Warum – so die Gegenfrage – sollte die 23-Jährige ihm freiwillig hierher folgen? Und: Sind 20 Kühe als Preis für eine Frau in Afrika ein real-denkbarer Fakt oder aber Behauptung ohne jeden Hintergrund? Und sind Morde bei solchen Vorgängen in Mali üblich?

Gefährungssituation

Fragen, die schwerlich zu beantworten sind. Polizei und Staatsanwaltschaft halten sich mit Blick auf ihren aktuellen Emittlungsstand zurück.

Auch nicht zu Droh-SMS, die die 23-Jährige von Familienangehörigen des 22-jährigen Tatverdächtigen bekommen haben soll. Der Fakt, dass die Polizei sowohl die Frau als auch deren Kind direkt nach der Tat an einem geheim gehaltenen Ort untergebracht hat, spricht jedoch für eine Gefährdungssituation.

Eltern entscheiden

Olaf Bernau kann derweil Informationen zu Sitten und Gebräuchen in Mali liefern. Bernau gehört zum Koordinatorenteam von Afrique-Europe-Interact, einem transnational organisierten Netzwerk, das auch in Mali aktiv ist. Er selbst sei zwei- bis dreimal pro Jahr dort, berichtet Bernau, folglich Kenner der Materie.

Eine Mitgift bei einer Heirat sei dort üblich – „das ist absoluter Standard“ Auch sei es normal, dass sich Eltern in Mali zusammensetzten und mit Blick auf die Kinder mit familieninternen Beschlüssen entschieden, wer wen heirate, berichtet Bernau. Auch sei es dort üblich, dass junge Mädchen vom Dorf in die Stadt gingen, um dort in einem Haushalt einen Teil der Mitgift zu erwirtschaften.

Eifersuchtsdrama?

Allerdings gelten als Mitgift oder Aussteuer eigentlich Güter und Hausrat, die eine Braut mit in die Ehe bringt. Im konkreten Fall aber sollen 20 Kühe für die 23-Jährige bezahlt worden sein. Ist das also glaubhaft? „20 Kühe sind in Mali mehr als ein Vermögen“, überschlägt Olaf Bernau. Eine Kuh sei dort durchschnittlich mit etwa 380 Euro taxiert – dem stünden 57 Euro, die ein Lehrer monatlich verdient, oder 50 bis 70 Euro für einen Arbeiter gegenüber. Bernaus Einschätzung fällt entsprechend klar aus: Arrangierte Beziehungen? „Ja.“ Mitgiften für Hochzeiten? „Ja.“ 20 Kühe für eine Frau in Mali? „Das kommt mir sehr viel vor.“

Auch mit Blick auf Ehrenmorde, wenn Frauen aus vorbestimmten Schubladen ausbrechen oder sich Männer andere Partnerinnen suchen, seien „nicht die übliche Praxis in Mali. Das verstößt gegen das malische Verständnis des Islam“, so seine Erfahrung. Deshalb hat Olaf Bernau mit Blick auf den tragischen Fall in Wernigerode eine klare Sicht: „Das scheint mir im aktuellen Fall in Wernigerode ein ganz nomales Eifersuchtsdrama zu sein.“

Ein Tatmotiv, das auch Polizei und Staatsanwaltschaft beschäftigt. Weil Eifersucht ein niederer Beweggrund und damit ein Mordmerkmal ist, sitzt der Verdächtige wegen Mordverdachts in Haft – und schweigt.