Schwanebeck/Halberstadt/Bennecken­stein/Hasselfelde l Leere Regale in Lebens­mittelmärkten, Stillstand auf Baustellen, der Internet-Handel kommt zum Stillstand – ein Horrorszenario für die Wirtschaft. Angesichts der Nachwuchssorgen im Speditions-Gewerbe allerdings nicht so abwegig.

Eklatante Folgen hat der Mangel an Berufskraftfahrern bereits für das Unternehmen von Martin Schäfer in Halberstadt. Die Speditionsfirma ist für die Bauwirtschaft tätig und fährt deutschlandweit mit Spezialaufliegern bis zu vier Meter hohe Betonteile, Stahlbleche und -matten. Etwa ein Drittel seiner 22 Lastkraftwagen umfassenden Speditions-Flotte fährt derzeit nicht. „Zwei Lkw sind dauerhaft nicht besetzt, vier weitere stehen aufgrund von Urlaub und Krankheit still. Der Arbeitsmarkt sei völlig leergefegt – Berufskraftfahrer kaum zu finden.

Utopische Gehaltsforderungen

Die Folge sei, dass sich Gehaltsforderungen in Sphären bewegen, die kaum noch mit den Umsätzen des Unternehmens zu deckeln seien. Es gebe mittlerweile einige Firmen, die zahlen Berufskraftfahrern Stundenlöhne von 28 Euro. Hier sind 14 Euro plus Zulagen die Realität. Dementsprechend schwer sei es, Berufskraftfahrer für die Firma zu finden.

„Bei Vorstellungsgesprächen setzen sich die Leute hin, legen ihre Füße auf den Tisch und fragen, was hast du denn zu bieten. Das ist eine völlig verdrehte Welt“, berichtet der Unternehmer. Er investiert in attraktive Fahrzeuge, die den Fahrern allen nur denkbaren Komfort wie Fernseher, Kühlschrank und vieles mehr bieten. Gern würde er selbst junge Leute ausbilden, doch die Voraussetzungen dafür seien in der Region ungünstig. Die nächsten kommunalen Berufsfachschulen befänden sich in Braunschweig beziehungsweise in Burg. Für eine effektive regionale Ausbildung sei das zu weit weg. Für Martin Schäfer ist auch die Rente mit 63 ein fataler Fehler gewesen. Viele gut ausgebildete Fachkräfte würden viel zu früh dem Arbeitsmarkt entzogen und damit die Situation unnötig weiter verschärfen. Der Spediteur warnt vor den Folgen. „Irgendwann bleiben in den Märkten die ­Warenregale leer, Baustellen stehen still, weil Lieferungen ausbleiben.“

Erfolgreich bei Nachwuchssuche

„Ich mache seit zehn Jahren Werbung für den Beruf des Kraftfahrers und beschäftige mich intensiv mit der Thematik“, sagt Hans-Dieter Otto, Inhaber der Otto-Spedition aus Benneckenstein. Die Wurzeln des Familien-Betriebs reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück, so der Geschäftsführer.

Damals hätten seine Vorfahren ein Sägewerk betrieben und das Holz selbst mit Fuhrwerken ausgeliefert. Heute ­transportieren die 50 Lkw des Unternehmens, das 70 Beschäftigte zählt, in erster Linie Baustoffe. Hans-Dieter Otto, der sich im Speditionsfachverband engagiert und ­Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Magdeburg ist, verdeutlicht die Misere der Branche: In Deutschland gebe es derzeit 75.000 Berufskraftfahrer, von denen sich jährlich 45.000 in die Rente verabschieden. Die würden jedoch nur von 3000 Auszubildenden ersetzt, das sei ein eklatanter Mangel.

„Ich sehe unter diesen Bedingungen künftig die Versorgung der Bürger gefährdet.“ In seinem Betrieb gebe es allerdings keine Nachwuchs-Probleme. Das führt Hans-Dieter Otto auf eine intensive Werbe­kampagne seines Unternehmens zurück. Fünf Azubis befinden sich dort derzeit in der Ausbildung zum Berufskraftfahrer, ab September kommen drei weitere dazu. Das Image des Berufskraftfahrers müsse unbedingt verbessert werden. „Alle Unternehmen müssen zusammenstehen, sonst sterben wir.“

Unbesetzte Azubi-Stellen

Zu den großen Speditions-Betrieben in der Region gehört die Gerloff-Logistikgruppe-Schwanebeck mit aktuell 210 Fahrzeugen und 515 Mitarbeitern, darunter 350 Kraftfahrern, sowie einem Jahresumsatz von 53 Millionen Euro (2018). Transportiert werden unter anderem Teile für die Automobil-Industrie, Papier, Spielzeug, Lebensmittel, Bier und vieles mehr. 35.000 Sendungen verlassen jeden Monat das Firmen­gelände. Geschäftsführer Thomas Gerloff ist verzweifelt. „Seit vier Jahren bleiben die Azubi-Stellen für Berufskraftfahrer in seinem Unternehmen unbesetzt. Die Altersstruktur im Betrieb habe sich mittlerweile so entwickelt, dass es mehr alte Fahrer gibt, die künftig in Rente gehen.

„Um für die Zukunft gut gerüstet zu sein, müssten wir jährlich 15 bis 20 Auszubildende einstellen. Das würden wir gern tun, doch wir finden keine jungen Leute, die sich für den schönen und interessanten Beruf interessieren“, informiert der Unternehmer. Man suche nicht nur männliche Azubis, junge Damen sind ebenfalls willkommen.Natürlich würde man nicht die Hände in den Schoß legen und auf Bewerber warten. Jedes Jahr ginge er persönlich auf Tour, um in den Schulen für den Job die Werbetrommel zu rühren. Bislang leider mit wenig Erfolg.

Firmenkapital Mitarbeiter

„Obwohl die Logistigruppe, zu der die GKS Gerloff Spedi­tion, die Krage & Gerloff Logistik und die eigene Lkw-Werkstatt gehören, attraktive Bedingungen bietet.“ Die Firmen zahlen die Kosten für Pkw- und Lkw-Führerschein, ein guter Lohn gehöre dazu, die Arbeitszeiten würden ebenfalls stimmen, die Fahrzeuge sind modern und bieten allen Komfort“, so Thomas Gerloff. „Für uns sind unsere Mitarbeiter das wichtigste Firmen­kapital und so behandeln wir sie auch“, betont er. Trotzdem fürchtet Thomas Gerloff, dass sich die Unternehmen dauerhaft auf den Mangel einstellen müssen.

Die große Nachfrage nach Berufskraftfahrern auf dem Arbeitsmarkt bestätigt auch Andreas Pawel, Inhaber der Lkw-Fahrschule Teach&Drive aus Halberstadt. „Die Betriebe reißen mir die Fahrschüler förmlich aus der Hand. Ein deutliches Indiz dafür, dass die Wirtschaft immer noch brummt.“ Das Arbeitsamt würde immer mehr Flüchtlinge zur Kraftfahrer-Ausbildung ­schicken. „Das ist kein Problem. Die Leute wollen arbeiten, fahren auch gut. Leider türmen sich immer wieder Sprachprobleme auf“, bedauert der Fahrlehrer.

Mitarbeiter aus Polen eingestellt

Doris Pöttmesser, Geschäftsführerin des gleichnamigen Speditions- und Fuhrbetriebs aus Hasselfelde, bestätigt ebenfalls den Mangel an Berufskraftfahrern. „Wir suchen seit Jahren Mitarbeiter, doch auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind absolut keine Mitarbeiter zu finden.“ Aus diesem Grund musste sie sich auf dem internationalen Markt umschauen. Doris Pöttmesser stellte daraufhin acht Polen ein und beschaffte ihnen Wohnungen, um den 1955 gegründeten Betrieb aufrechtzuerhalten. Die 30 Mitarbeiter transportieren in der Region, deutschlandweit und zum Teil international Schotter, Kies und andere Baustoffe.