Wernigerode l „Wie schön, dass man jetzt überall hinfahren kann – wenn man ein Auto besitzt. Mit dem Zug wird es etwas schwieriger, weil man eine Fahrkarte braucht.“ Mit diesen Worten beginnt ein Schreiben, das Gudrun Hesse aus Elbingerode in der Redaktion abgegeben hat. Die 79-Jährige beschreibt darin ihren – letztlich vergeblichen – Versuch, im Service-Center des Wernigeröder Bahnhofs ein Zugticket für eine Fahrt in die Schweizer Metropole Zürich zu lösen.

Dabei dürfte Gudrun Hesses Ansinnen, im Bahnhof einer Touristenstadt Tage vor der Mitte Mai geplanten Zürich-Fahrt einen internationalen Bahnfahrschein zu erwerben, eigentlich kein außergewöhnliches sein. Allein die persönlichen Rahmenbedingungen sind ein klein wenig besondere: Die Seniorin ist Schwester im Diakonissen-Mutterhaus in der Oberharz-Stadt Elbingerode. Mit dem Internet, verrät die rüstige 79-Jährige, komme sie durchaus klar. Deshalb habe sie sich auch Bahnverbindung von Wernigerode nach Zürich heraussuchen können. Allein: Mangels eigenem Girokontos – Schwestern im Mutterhaus hätten selbiges nicht – sei der eigentlich nahe liegenden Ticketkauf via Internet nicht möglich gewesen.

Busfahrt

Egal: Schwester Gudrun Hesse investierte sechs Euro in eine Busfahrt von Elbingerode nach Wernigerode, um im dortigen Reisezentrum – erstens – die Korrektheit der selbst recherchierten Bahnverbindung aus fachlicher Sicht prüfen zu lassen. Und um – zweitens – alsdann die Fahrkarte zu kaufen.

Bilder

Während ersteres Ansinnen funktionierte, scheiterte Wunsch Nummer zwei. Die Mitarbeiterin der Servicestation konnte keinen Preis ermitteln und Gudrun Hesse folglich keine Fahrkarte verkaufen.

Was die extra und vergleichsweise aufwändig mit dem Bus angereiste Elbingeröderin ziemlich verärgerte. Mehr noch die Offerte, die ihr angeboten worden sei: „Mir wurde erklärt, dass ich nach Goslar oder Magdeburg fahren müsste, um dort eine Fahrkarte zu kaufen.“ Das sei ein glatter Witz und aus ihrer Sicht völlig indiskutabel gewesen. Sowohl vom zeitlichen Aufwand her als auch von den Kosten.

Gründe

Doch woran scheiterte nun die Erfüllung des eigentlich ziemlich banalen Ansinnens der Elbingeröderin? In der zuständigen Pressestelle der Deutschen Bahn (DB) in Leipzig hebt man die Hände: Obwohl an mehreren Stellen am Bahnhofsgebäude noch das DB-Logo prangt, laufe der Fahrkartenverkauf ausschließlich über den Reiseanbieter Abellio, der im Auftrag des Landes den Nahverkehr auf dem sogenannten Dieselnetz realisiere.

Abellio-Sprecher Matthias Neumann bestätigt die Erlebnisse von Gudrun Hesse: „Grund dafür waren technische Probleme im System. Laut unserem Agenturisten konnte zwar eine Reiseverbindung, jedoch kein Preis angezeigt werden. Somit konnte kein Ticket verkauft werden“, berichtet Neumann. Dies habe lediglich grenzüberschreitende Fahrten in die Schweiz und nach Frankreich betroffen. Fernverkehrsfahrten innerhalb Deutschlands seien nicht betroffen gewesen. Da der Fehler zudem nur temporär aufgetreten sei, lasse sich leider nicht ermitteln, was die Ursache dafür war.

Letztlich, erklärt Neumann, greifen die verschiedenen Verkaufssysteme einzelner Anbieter wie Verkehrsunternehmen, Agenturisten und Reisebüros, aber auch Internetseiten und Apps über unterschiedliche Kanäle auf die auf einem Server abgelegten Daten zu. Ob es in der betreffenden Zeit zu einem Schnittstellenproblem beim Zugriff auf die abgelegten Daten gekommen sei oder das Problem anderweitige Ursachen hatte, lasse sich im Nachgang leider nicht mehr ermitteln, so der Abellio-Sprecher. Neumann bedauert im Namen von Abellio die Unannehmlichkeiten und entschuldigt sich dafür bei Gudrun Hesse ausdrücklich.

Lösung

Bleibt eine Frage – hat die Seniorin mittlerweile die Weichen und Signale für ihre geplante Fahrt nach Zürich stellen können? Ja, das habe sie noch am selben Tag machen können, berichtet sie. „Ich besuchte meine Nichte, die zum Glück unweit des Bahnhofs wohnt. Die nahm sofort ihr Handy, tippte und keine zehn Minuten später hatte ich meinen Fahrschein samt Sitzplatzreservierung und schon bezahlt in der Hand.“ Gudrun Hesses Fazit: „Geht doch.“ Nur eben zumindest an diesem Tag im Bahnhof der Touristenstadt nicht. „Wie schade, wo doch heute eine Reise überall hin möglich wäre.“Kommentar