Volksstimme: Im April wurden bundesweit Großveranstaltungen bis Ende August abgesagt – und somit auch das Festival "Rocken am Brocken". Wie habt ihr die Nachricht aufgenommen?
Lara Gahlow: Das war richtig schlimm für uns. Wir haben es geahnt, es hat uns am 15. April also nicht aus dem Nichts getroffen. Aber Gewissheit zu haben, war sehr traurig. Auch weil wir mit dem Booking und der genauen Planung direkt nach dem Festival anfangen und im Januar und Februar einfach schon so viel passiert ist. Wir waren bereits sehr weit in der Planung. Die Absage war ein harter Schlag, weil wir lieben, was wir tun.

Wie viele Leute sind mit der Vorbereitung des Festivals beschäftigt?
Wir arbeiten komplett ehrenamtlich. Es gibt ein Kernteam zwischen sieben und 15 Leuten, die verschiedene Positionen inne haben und tatsächlich ganzjährig für das Festival arbeiten. Dazu kommt ein großer Pool an Helfern, die beim Aufbau, dem Festival selbst und beim Abbau dabei sind. Das sind über 100 Menschen.

Was macht euer Festival einzigartig?
Das ist auf der einen Seite, was wir bei "Rocken am Brocken" Familie nennen, also das ehrenamtlich arbeitende Kernteam und die vielen Helfer, die dann dazu kommen. Unsere Community ist aber auch stark unter den Fans des Festivals. Ich habe am Anfang, als ich Teil des Teams wurde, am Einlass gearbeitet, und da habe ich so oft Fans gesehen, die an ihrem Handgelenk die Festivalbänder von den letzten fünf, sechs, sieben Jahren getragen haben. Dass Menschen so oft wiederkommen, ist besonders. Wir haben sowohl mit unseren Gästen als auch mit unseren Helfern eine treue Gemeinschaft. Dazu kommt natürlich die beeindruckende Kulisse im Harz.

Wie hart trifft euch die Absage des Live-Festivals finanziell?
Das ist auf jeden Fall eine schwierige Situation für ein Festival unserer Größe. Wenn es nächstes Jahr immer noch nicht weitergehen würde, haben wir ein wirklich großes Problem. Wir haben auch eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, die zum Glück erfolgreich war. Damit decken wir unsere Fixkosten ab. Für manche Sachen müssen wir in Vorkasse gehen und bekommen es jetzt nach der Absage nicht unbedingt zurück. Obwohl alle Dienstleister genauso kulant sind, wie wir mit den Künstlern. Das ist eine sehr kollegiale Branche. Nichtsdestotrotz hatten wir Kosten, die wir decken mussten. Und die Produktion mit dem "Zeitgleich Festival" schlägt nun auch nochmal zu Buche.

Wie sieht die Unterstützung eurer Fans aus? Haben die Festivalbesucher ihre gekauften Tickets vorwiegend behalten, umgetauscht oder storniert?
Wir haben eine sehr gute Übertragungsrate ins nächste Jahr von rund 80 Prozent. Das gibt uns natürlich Sicherheit und Zuversicht. Aber es haben auch einige storniert. Andere wiederum haben die Tickets behalten und damit für uns gespendet – zusätzlich zum Crowdfunding. Die Unterstützung ist enorm.

Wie ist die Idee entstanden, trotz Festivalabsage zusammen mit Watt en Schlick und Sound of the Forest sowie dem Sender Arte das Zeitgleich-Festival auf die Beine zu stellen?
In der Anfangszeit von Corona hat mich Markus Blanke, Gründer des Festivals "Rocken am Brocken", angerufen und gesagt, wir müssten was tun. Wir könnten nicht nichts machen. Zusammen mit Hannes Raetz, einem weiteren Teammitglied, haben wir uns an ein Konzept gesetzt, das unser Festival ins Digitale übertragen soll.
Wir sind schnell auf die Idee gekommen, andere Festivals mit ins Boot zu holen, die am selben Wochenende stattfinden – also Festivals, die wir nie besuchen können, weil wir selbst bei Rocken am Brocken sind. Da wir einen persönlichen Kontakt zu den Machern der Festivals haben, war die Verbindung schnell hergestellt. Mit dem Konzept sind wir dann auf Arte zugegangen.

Waren sowohl die Festivalorganisatoren als auch der Sender Arte gleich angetan von eurer Idee?
Die Festivalmacher waren sofort aufgeschlossen. Das sind alles Veranstalternaturen, die Lust haben, sowas zu machen. Es gab natürlich am Anfang viele Fragen hinsichtlich der Durchführung und der Finanzierung. Da waren auch Bedenken da. Aber die konnten schnell aus dem Weg geräumt werden. Bei Arte lag das Konzept eine Zeit lang, aber wir sind uns dann doch schnell einig geworden und haben mit einer Produktionsfirma Soullution, die noch dazwischen geschaltet war, gemeinsam das Projekt in die Wege geleitet.

Wie unterscheidet sich für euch die Organisation des Live-Festivals mit der digitalen Version?
Vor allem entfällt das ganze Management, dass die 5000 Gäste mit sich bringen. Wir benötigen die Infrastruktur mit Toiletten, Zäunen und Einlasshäuschen nicht mehr. Wir haben auch nur zwei kleine Bühnen aufgebaut. Es ist alles viel kleiner, aber auch eine neue Herausforderung, das typische Festival-Gefühl per Kamera einzufangen.

Die Konzerte werden online übertragen. Wird es für Fans auch einige Live-Plätze geben?
Leider nicht. Aber die Helfer des letzten Jahres, die uns auch jetzt wieder beim Aufbau unterstützen, werden mit den Konzerten des "Zeitgleich Festivals" belohnt.vWir haben also ein ganz bisschen Leben vor der Bühne. Das ist natürlich in Relation zu den 5000, die dort sonst stehen, nichts.

Ist das "Zeitgleich Festival" eine gute Alternative für den geplatzten Festivalsommer?
Es ist für uns ein Projekt und eine Möglichkeit. Aber es ersetzt nicht das Erlebnis, was wir normalerweise den Leuten vor Ort bieten können. Ich finde, wir haben damit das Beste aus der Situation gemacht. Und freuen uns natürlich auch, nächstes Jahr wieder mit allen Festivalfans hier zu stehen, statt die Konzerte nur zu filmen.

Also wird es das "Rocken-am-Brocken"-Festival im nächsten Jahr wieder live geben?
Wenn wir dürfen auf jeden Fall. Tickets gibt es auch noch.