Wernigerode l Auf den ersten Blick sieht man den Fenstern in der Schlosskirche St. Pantaleon und Anna ihren schlechten Zustand nicht an. Acht Fenster schmücken den Altarraum des Gotteshauses im Wernigeröder Schloss und beeindrucken Besucher mit ihrer prächtigen Farbigkeit. Doch der Zahn der Zeit hat spürbar an den original erhaltenen Kunstwerken genagt. Eine Restaurierung der Fenster sei unumgänglich, berichtet Schloss-Geschäftsführer Christian Juranek. Für das Vorhaben, das insgesamt voraussichtlich einen sechsstelligen Betrag kosten wird – nach Volksstimme-Informationen rund 250.000 Euro – erhält die Stiftung Schloss Wernigerode Finanzhilfe aus dem Bankensektor.

In den Jahren 1870 bis 1880 wurde die Schlosskirche im neogotischen Stil neu errichtet. Die Entwürfe für die Fenster, die ab 1877 eingebaut wurden, lieferte Carl Christian Andreae, der seine künstlerische Prägung der „Düsseldorfer Schule“ verdankt. Der Rheinländer gehörte im 19. Jahrhundert zu den Großen seines Faches, berichtet Juranek. „Es war ein international gefragter Künstler, der unsere Fenster gestaltet hat.“ Die Ausführung seiner Entwürfe übernahm die Glasmalereianstalt Ferdinand Müller aus Quedlinburg – auch mit dieser Wahl hat sich Otto zu Stolberg-Wernigerode, der im 19. Jahrhundert das Schloss umbauen ließ, nicht lumpen lassen. „Das Unternehmen gehörte zu den bedeutendsten Glaswerkstätten in Preußen“, weiß der Schlosschef.

Bibelgeschichten im Bild

Die Motive hat Glaskünstler Andreae der Bibel entnommen. „Das ist ein komplettes theologisches Programm, das dort zu sehen ist“, so Juranek. Gezeigt würden biblische Gestalten und Begebenheiten. „Es geht um das Ineinandergreifen von Altem und Neuem Testament.“ Dies soll den Besuchern nach der Restaurierung stärker als bisher erklärt werden, zum Beispiel mit hinterleuchteten Dias, die die Motive aus luftiger Höhe auf Augenhöhe bringen.

Bilder

Die Fenster sind im Originalzustand, wurden bisher weder restauriert noch gereinigt. Das sieht man erst auf den zweiten Blick. „Fast alle Figuren haben Spruchbänder, die sich auf die Lutherbibel beziehen“, so der Schlosschef. Lesbar seien diese jedoch nicht mehr. Das ist aber nicht das einzige Problem. „Wir haben richtige Ausbrüche. Teile der Scheiben sind herausgefallen“, berichtet Juranek. Zudem säßen die Scheiben teilweise nur noch locker in den Rahmen. „Wir haben im Winter Angst vor jedem Sturm, weil die Fenster herausgedrückt werden könnten“, so der Schloss-Geschäftsführer.

Aufarbeitung und Ersatz

Daher sollen die Fensterscheiben schrittweise entnommen und in der Werkstatt aufgearbeitet, zerstörte Glasfragmente sollen ersetzt werden. Die wiedereingesetzten historischen Fenster sollen auf der Außenseite mit davor gesetzten, durchsichtigen Glasscheiben vor Wind und Wetter geschützt werden.

Mitte des Jahres solle die Restaurierung planmäßig starten, mindestens zwei Jahre werde sie voraussichtlich dauern, so Juranek. Einschränkungen für die Besucher werde es nicht geben. Die Schönheitskur für die Kirchenfenster sei zwar teuer, aber notwendig, betonte Martin Skiebe (CDU), Landrat und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Schloss Wernigerode. „Das ist gut investiertes Geld, auch für die Zukunft.“ 225.000 Besucher hätten im vergangenen Jahr das „architektonische Kleinod“ besucht.

Teures touristisches Highlight

„Mit dem Schloss Wernigerode haben wir das touristische Highlight schlechthin“, ergänzte Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) und Skiebes Stellvertreter an der Stiftungsspitze. Das Bauwerk zähle zu den meistbesuchten Orten im Harzkreis, gleich nach Brocken und Bodetal. Das habe jedoch seinen Preis. „Es kostet die Stadt und den Landkreis enorm viel Kraft, dieses Bauwerk zu erhalten“, so Gaffert. Daher sei Hilfe willkommen.

Gemeinsam geben die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die Harzsparkasse und die Stiftung der früheren Kreissparkasse Wernigerode Geld für die Restaurierung. Über eine exakte Summe hüllen sich Vertreter der drei Institutionen auf mehrfache Nachfrage der Volksstimme in Schweigen. Sparkassenvorstand Wilfried Schlüter spricht lediglich von einem „hohen fünfstelligen Betrag“. Zuvor war seitens der Harzsparkasse von einem fünfstelligen Betrag über 50.000 Euro die Rede. Wie viel die drei Institutionen genau zuschießen, will auch Stiftungschef Michael Ermrich nicht preisgeben.

Projekt im Vordergrund

Dass die Sparkassenstiftung keine Spendensummen nenne, sei bereits seit Jahren Usus und entspreche den Beschlüssen der Stiftungsgremien, ergänzt auf Nachfrage Referent Alexander Salomon. Die Begründung: „Wir wollen das geförderte Projekt in den Vordergrund stellen.“ Zudem wolle man mit Blick auf erfolglose Antragsteller Neiddebatten vermeiden. Zudem sollen Grundsatzdiskussionen um Sinn und Unsinn von Kultursponsoring nicht befeuert werden.

Weniger strikt wird dies etwa bei der Niedersächsischen Sparkassenstiftung gehandhabt. „Wir versuchen es zu vermeiden“, so die stellvertretende Geschäftsführerin Martina Fragge zur Nennung von Spendensummen. Zwar wolle man ebenfalls das jeweilige Projekt an die erste Stelle rücken, gebe aber je nach Einzelfall durchaus genaue Summen bekannt.

Rund eine Million Euro stelle die Ostdeutsche Sparkassenstiftung jährlich für Projekte in Sachsen-Anhalt bereit, berichtet Michael Ermrich. Das Schloss habe bereits mehrfach Unterstützung der Stiftung erhalten. „Für uns ist es ein bedeutendes Kunstwerk“, sagt der ehemalige Harzer Landrat – für viele stifte es Identität und Heimat.