Wernigerode l Jan Adamiec ist der erste Name auf einer langen Liste. Der Pole, geboren am 7. März 1912, wurde, wie 200 andere Häftlinge, am 24. Juni 1943 aus dem Konzentrationslager Buchenwald nach Wernigerode überstellt. Damit teilte er das Schicksal von insgesamt rund 1200 Häftlingen, die das KZ-Außenkommando am Veckenstedter Weg durchlaufen haben. Wer dort inhaftiert war, weiß man erst seit einem Archivfund im vergangenen Jahr.

Vorausgegangen waren Recherchen, die dazu dienten, mehr über die Insassen des Lagers zu erfahren. Was bisher bekannt war, beruhte vor allem auf Schilderungen ehemaliger kommunistischer Gefangener, die als Funktionshäftlinge Aufgaben in der Lagerverwaltung übernommen hatten. Ihre Berichte hatten zu DDR-Zeiten maßgeblich die Dauerausstellung der Einrichtung geprägt, allerdings könne man sich aus heutiger Sicht nur bedingt auf ihre Schilderungen verlassen, sagt Matthias Meißner, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände.

Stattdessen waren er und seine Mitarbeiter auf der Suche nach harten Fakten. „Wir haben uns gefragt, wer hier als KZ-Häftling untergebracht war“, so Meißner. Ab 25. März 1943 seien die ersten Häftlinge am Veckenstedter Weg eingetroffen, weitere folgten – mal knapp 800 auf einen Schlag, dann nur zehn oder zwanzig. Sie kamen überwiegend aus dem KZ Buchenwald, wurden aber auch aus der Außenstelle in Langenstein-Zwieberge und aus anderen Lagern überstellt.

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Arbeit in Rautal-Werken

Eingesetzt wurden sie vor allem in den Rautal-Werken, die bereits ausländische Zwangsarbeiter beschäftigten und ständig nach weiteren Arbeitskräften verlangten. Gezielt wurden Facharbeiter gesucht – auch weil diese der SS mehr Einnahmen brachten als Ungelernte.

Umgekehrt wurden ebenso Gefangene nach Buchenwald zurücktransportiert. Mitunter wurden die Gründe dafür auf den Listen festgehalten, in erster Linie Erkrankungen. „Da sieht man zum Beispiel, dass Kopfverletzungen vorgekommen sind“, sagt Meißner. Wie es dazu gekommen ist, darüber geben die Unterlagen keine Auskunft.

75 Jahre nach Kriegsende sind die Listen nun in Wernigerode angekommen. „Durch Zufall sind wir mit dem ITS in Bad Arolsen ins Gespräch gekommen“, so Meißner. Der Internationale Suchdienst (International Tracing Service, ITS) in der nordhessischen Kleinstadt hatte seit der Gründung 1948 unter anderem die Aufgabe, die Schicksale von Verfolgten des NS-Regimes zu klären, bei der Suche nach Familienangehörigen zu helfen und Auskunft an Überlebende und Angehörige von NS-Opfern zu erteilen. Die Einrichtung, die seit Mai 2019 unter dem Namen „Arolsen Archives“ und als internationales Zentrum über die NS-Verfolgung firmiert, verfügt über rund 50 Millionen Karteikarten mit Hinweisen auf rund 17,5 Millionen Menschen, heißt es auf der Homepage der Institution.

Schicksale auf 135 Seiten

Zu den Unterlagen, die in Bad Arolsen aufbewahrt werden, zählen auch sämtliche Listen der Häftlingstransporte von und nach Wernigerode, berichtet Matthias Meißner. Im Frühjahr vergangenen Jahres sei dann Cornelia Mänz, seinerzeit Praktikantin und Geschichtsstudentin, nach Bad Arolsen gereist, um vor Ort nachzuforschen. Im Anschluss brachte sie die Listen mit in den Harz – 135 Seiten, auf denen Namen, Nationalität, Geburtsdatum und teilweise weitere Angaben zu finden sind.

Derzeit sind Meißner und seine Mitarbeiter dabei, die Daten auszuwerten. Mit im Boot ist dabei der Förderkreis des Geschichts- und Heimatvereins für die Mahn- und Gedenkstätte. Einzelne Schicksale werde man nicht ergründen können, doch klar ist, dass die Häftlinge nach Jahrzehnten eine Würdigung erfahren sollen. „Doch ein Denkmal in Stein, mit Stelen und großen Tafeln, das übersteigt unsere Möglichkeiten“, so Ludwig Hoffmann, Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins.

Stattdessen plant der Förderkreis die Anfertigung eines Namensbuches, in dem alle Häftlinge verzeichnet sind. Mit einem Buch im herkömmlichen Sinne wird dies jedoch nicht viel zu tun haben. Es soll aus Aluminium bestehen – „weil die Häftlinge in der Gießerei mit Aluminium gearbeitet haben“, erklärt Hoffmann.

Nicht zu schön

In die großformatigen, 40 mal 60 Zentimeter großen Seiten sollen die Namen der Häftlinge eingraviert werden, was technisch nicht ganz einfach, aber möglich sei. Um die Gestaltung werde sich eine Werbeagentur kümmern. „Ich kämpfe darum, dass das Material nicht zu schön aussieht“, sagt Hoffmann – denn die Gefangenen hatten es in Wernigerode nicht gut.

Voraussichtlich zwölf Seiten soll das Buch umfassen. Pro Seite würden dann 100 Namen, je 50 auf der Vorder- und der Rückseite, Platz finden. Zusammengehalten werden die Seiten mit einer Ringbindung. Um es angemessen zu präsentieren, soll ein Putztisch nachgebaut werden, wie ihn die Häftlinge in der Gießerei für ihre Arbeit genutzt haben. Ein aus der Kriegszeit erhaltenes Exemplar ist in der Mahn- und Gedenkstätte ausgestellt und soll als Vorbild dienen.

Der Vereinsvorsitzende hofft, dass das Projekt noch im Frühjahr abgeschlossen werden kann. Ideal wäre, wenn das Namensbuch am 11. April, dem 75. Jahrestag des Kriegsendes in Wernigerode, der Öffentlichkeit präsentiert werden könnte. Auch der 11. Mai, der 45. Jahrestag der Gründung der Mahn- und Gedenkstätte, wäre ein geeigneter Termin.

Spenden sind willkommen

Um die Finanzierung kümmern sich Förderkreis und Verein. Höchstens 7000 Euro werden Namensbuch und Tisch kosten, schätzt Hoffmann. „Wir sind guten Mutes, dass wir das Geld zusammenbekommen.“ Die Stadt Wernigerode gebe einen Beitrag, auf Empfehlung des Landkreises beteiligt sich die Harzsparkasse mit Geld aus dem PS-Lotteriesparen. Hinzu kommen Spenden von Privatpersonen und aus der Vereinskasse. „Spenden sind jedoch weiterhin willkommen“, sagt Hoffmann und weist auf die Spendenbox in der Dauerausstellung der Mahn- und Gedenkstätte hin.