Schierke l An diesen Anblick müssen sich die Schierker erst einmal gewöhnen. Die Ruine des Prunkhotels „Heinrich Heine“ ist verschwunden. Auf dem Gelände am Ortseingang entsteht etwas Neues: ein Feriendorf mit 38 Häusern. Die Baugerüste stehen schon. Ende des Jahres soll Eröffnung gefeiert werden.

Obwohl die Freude im Ort über den Neuanfang auf dem Heine-Berg überwiegt, trauern viele Einwohner dem früheren Luxushotel hinterher. Ortsprägend sei es gewesen. Etliche Schierker hatten sich dort ihren Lebensunterhalt verdient, viele waren hier ein und aus gegangen – um zu feiern, zu tanzen und zu speisen. Mit dem Abriss des seit 1995 leer stehenden Hauses hat sich dieses Kapitel der Schierker Geschichte geschlossen. Endgültig.

Das brachte Catharina Karn auf eine Idee. „Alle erzählen so wehmütig von den glorreichen Zeiten“, so die Wernigeröderin. „Wenn das Haus so bedeutsam für den Ort war, wieso die Erinnerungen nicht in einem Buch bewahren? Dann bleibt wenigstens irgendetwas, nachdem die Abrissbagger abgezogen sind.“ Was folgt, waren Sponsorensuche, Gespräche mit Ortschronistin Ingrid Hintze und Bürgermeisterin Christiane Hopstock (CDU), mit den ehemaligen Hoteldirektoren Dieter Schröder und Hans-Jörg Sauerzapfe. Mit Wernigerodes Baudezernent Burkhard Rudo arbeitete sie die bauliche Historie des Hauses auf. Sie sichtete alte Zeitungsartikel und Dokumente. „Schließlich hatte ich einen Berg Material vor mir, viel mehr als ich mir erträumt hatte“, so Catharina Karn. Die Schwierigkeit sei nun gewesen, eine Auswahl zu treffen.

Grandiose Geschichte

Vor wenigen Tagen ist das 100 Seiten starke Buch erschienen. Sie selbst habe das Hotel nur als Ruine kennen gelernt, verriet die Herausgeberin bei der Vorstellung des Werkes. Auch der Ort Schierke habe ihr als gebürtiger Hessin bis zu ihrem Umzug nach Wernigerode vor zehn Jahren nichts gesagt. „Als ich hörte, dass es einst das St. Moritz Deutschlands genannt wurde, dachte ich, das sei ein Witz.“ Doch schnell wurde ihr bewusst: „Das Heine hat eine grandiose Geschichte, die eng mit der Entwicklung Schierkes verwoben ist.“

Eine Geschichte, die Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, als das Köhlerei- und Hüttenwesen in dem Brockenort aufgegeben wurde. „Der Fürst wollte Schierke zum Kurort wandeln, damit das Dorf nicht an Substanz verliert.“ Dem Adligen schwebten keine einfachen Pensionen vor, sondern mondäne Hotels – wie das Brockenscheideck, das Fürstenhöhe und das „Fürst zu Stolberg“ – das spätere „Heinrich Heine“.

1898 seien die Baupläne eingereicht worden. Schon einen Monat später lag die Genehmigung vor. Zwei Jahre später wurde das Haus eröffnet. Es verfügte über mehr als 100 vornehm eingerichtete Zimmer und Salons mit Balkons, einen eleganten großen Speisesaal, Restaurationssaal, Musik-, Billard- und Lesezimmer, heißt es in einer Werbeanzeige von 1900. „Elektrische Beleuchtung und Zentralheizung, Bäder im Hause, in unstreitig schönster Lage von Schierke.“ Prominente Gäste wie die Königin von Holland, der König von Spanien gaben sich die Klinke in die Hand.

Nach dem Tod des Besitzers Georg Schwarz 1938 begannen schicksalhafte Jahre. Das Haus wurde zwangsversteigert und radikal neu gestaltet. „Türmchen und sinnloser Tant sollten verschwinden, die Fassade optisch beruhigt und dem Zeitgeist angepasst werden“, so Catharina Karn. Trotz des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs wurden die Umbaupläne verändert, auch wenn das Haus kurzzeitig als Lazarett und Entbindungsheim diente. Nach dem Krieg sollte der Gebäudekomplex als Lungenheilanstalt genutzt werden, blieb aber nach allen Wirren das, was es war – ein Hotel. Ein unerreichbares Hotel für den Großteil der DDR-Bevölkerung.

Polizeiliche Erlaubnis nötig

Durch die Nähe Schierkes zur innerdeutschen Grenze war der freie Zugang zum Hotel eingeschränkt. „Wer eine Reise dorthin buchen wollte, musste zunächst einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen und benötigte einen Passierschein, eine polizeiliche Erlaubnis zum Aufenthalt im Sperrgebiet“, heißt es im Buch. Unbeschwerte Wanderungen und der Aufstieg zum Brocken waren den Gästen nicht mehr möglich. Für den Aufenthalt im Sperrgebiet galten strenge Verhaltensregeln.

Die Wende brachte auch für das „Heine“ einen Umbruch. Westdeutsche Urlauber, die nun in den Ostharz reisten, hatte höhere Ansprüche an die Hotelausstattung. „Eine Sanierung war notwendig, um das Haus ins neue Jahrtausend zu führen“, so Catharina Karn. Die Modernisierungspläne wurden jedoch nie umgesetzt, das Hotel schloss 1995 für immer seine Pforten. Das Buch endet mit einer Chronik des Verfalls, dem Abriss des Hotels und dem Neustart auf dem geschichtsträchtigen Gelände.

„Es ist eine Art kommentiertes Bilderbuch“, fasste es Catharina Karn zusammen. Speisekarten, Baupläne, Interviews, Briefe, Gästebucheintragungen, Fotos, Urkunden würden einen lebendigen Eindruck vom Leben im Hotel vermitteln. Ergänzt werden die Zeitdokumente durch eine erfundene Geschichte, die Peter Gaffert beisteuerte –was das Buch zum Familienprojekt macht. Denn Gaffert ist nicht nur Hobbydichter und Wernigerodes Stadtchef, sondern auch der Lebensgefährte von Catharina Karn.

Über die Arbeit an dem Buch habe sie Zugang zu dem Hotel gefunden, so die Herausgeberin. Und auch zur Geschichte Schierkes. „Wenn jetzt der Spruch St. Moritz des Norden fällt, lache ich nicht mehr. Schierke hatte einen Ruf. Vielleicht gelingt es mir mit dem Buch, diesen Ruf ein wenig neu zu beleben.“