Reddeber l Im Brockenblick Nummer 28 dreht sich kein Rad. Verwaist liegt das Gelände der Firma RtG Recycling technischer Gläser GmbH da – und das seit geraumer Zeit. „Dort findet kein Betrieb mehr statt“, sagt Karsten Lübbecke-Salaske. Der stellvertretende Ortsbürgermeister beobachtet mit Sorge, was sich auf dem Areal im Industriegebiet tut oder auch nicht tut – denn die Berge aus Glasabfällen, die dort lagern, werden nicht weniger. „Wir haben die Befürchtung, dass wir auf dem Schuttberg sitzen bleiben“, so Lübbecke-Salaske.

Auch Michael Paetzel beo­bachtet das Geschehen genau. Kein Wunder, denn die Dr. Ecklebe GmbH, deren Geschäftsführer er ist, hat ihren Sitz gegenüber des RtG-Geländes. „Es gab immer Streitereien“, erinnert sich Paetzel. In den vergangenen Jahren habe er für eine Abfuhr der Glasabfälle gekämpft – jedoch ohne Erfolg. In den vergangenen 15 Jahren hat das Unternehmen Tausende Tonnen Altglas sortiert, das aus alten Bildröhren von Fernsehern stammt, und auf die Wiederverarbeitung vorbereitet.

Die Nachbarn im Brockenblick beschwerten sich derweil über ständigen Lärm sowie Glasstaub und Splitter auf Gehwegen und Straßen. Zeitweilig lagerte erheblich mehr Material auf dem Gelände, als eigentlich erlaubt war.

Abfallbehälter sind verwittert

Seit Jahren sei mehr angeliefert als aufbereitet worden, sagt Karsten Lübbecke-Salaske. 2015 waren es zeitweilig mehr als 10.600 statt der erlaubten 6400 Tonnen. Teilweise sei der Abfall in Bigpacks verpackt worden, die auf dem Gelände lagern. „Diese sind mittlerweile auch verwittert und zerfleddert“, bemängelt der stellvertretende Ortsbürgermeister. „Niemand kümmert sich.“

Das ist insofern kein Wunder, als dass die RtG GmbH im Grunde nicht mehr existiert. Zwei Insolvenzverfahren wurden 2014 und 2016 über die Bühne gebracht, Geschäftsführerin Marianne von Bormann zeigte sich vor fünf Jahren gegenüber der Volksstimme optimistisch, dass die finanzielle Sanierung bald abgeschlossen sein würde.

Diese Erwartung erfüllte sich jedoch nicht. Ein neues und endgültig letztes Insolvenzverfahren wurde Anfang Juni 2018 in Gang gesetzt. Den Betrieb hatte das Unternehmen bereits im Mai 2018 eingestellt, teilt Gabriele Städter vom Landesverwaltungsamt mit. Inzwischen liegt das Insolvenzverfahren in den letzten Zügen, heißt es aus dem Büro des Insolvenzverwalters Nikolaus Schmidt in Halle. Mit dem Abschluss sei im Laufe des Jahres zu rechnen.

Fast zwei Jahre Stillstand

Seit Mai 2018 seien weder Abfälle neu angeliefert noch verarbeitet worden, teilt Gabriele Städter vom Landesverwaltungsamt in Halle auf Volksstimme-Nachfrage mit. Die Behörde habe bei einer Vor-Ort-Begehung am 20. November 2019 letztmals Kontakt zur Geschäftsführung gehabt. Bei der damaligen Kontrolle sei nichts Auffälliges festgestellt worden, so Gabriele Städter.

Die Frage ist nun, was mit den Hinterlassenschaften des Unternehmens geschehen soll. Der Insolvenzverwalter habe das Grundstück mitsamt der darauf befindlichen Abfälle bereits an die insolvente Firma freigegeben, erklärt Gabriele Städter vom Landesverwaltungsamt. Die Geschäftsführerin Marianne von Bormann reagierte auf eine Anfrage der Volksstimme nicht.

Die Behörde habe daraufhin gegenüber der Geschäftsführung eine Nachsorgeanordnung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz erlassen. Diese besagt, dass die auf dem Betriebsgelände lagernden Abfälle entsorgt werden müssen – falls nicht, sei mit Ersatzvornahme gedroht worden, dass dies nämlich sonst die Behörde auf Kosten des Unternehmens erledigen werde.

Amt beräumt anstelle von mittelloser Firma

Dort ist aber offenbar nichts mehr zu holen. Die Firma habe „diesbezüglich die Mittellosigkeit erklärt“, so Gabriele Städter. Da die RtG GmbH aus eigener Kraft das Gelände nicht beräumen könne, bereite das Landesverwaltungsamt eine teilweise Beräumung der Anlage und Entsorgung der lagernden Abfälle vor.

Dafür werde die Sicherheitsleistung verwendet, die jede Firmen laut Immissionsschutzgesetz beim Land einzahlen müsse – um in Fällen wie dem der RtG GmbH dafür zu sorgen, dass nach dem Aus für einen Entsorgungsbetrieb der zurückgelassene Abfall aufgeräumt wird. „Es geht ja um ein privates Unternehmen. Der Steuerzahler sollte damit nicht belastet werden“, so Gabriele Städter.

Offen ist derweil, wie weit die Entsorger mit dem Geld kommen werden. Erst wenn die Arbeiten ausgeschrieben werden und Angebote vorliegen, könne man die Kosten beziffern, so die Mitarbeiterin der behördlichen Pressestelle. Dann könne man abschätzen, wie viel Abfall für das vorhandene Geld abgeräumt werden könne. Zudem habe man dann eine Vorstellung, wie der zeitliche Rahmen für die geplante Beräumung aussehe.

Prioritäten bei der Beräumung

Berücksichtigt werde dabei die „vor Ort herrschende Gefährdungssituation“, das heißt: Die potenziell gefährlichen Stoffe werden zuerst entsorgt, so Gabriele Städter. Die Stadtverwaltung gehe ebenfalls davon aus, dass zunächst die unter freiem Himmel liegenden Halden abgetragen würden, teilt Sprecher Tobias Kascha auf Volksstimme-Nachfrage mit. Die geplante Beräumung sei „mit den Kollegen vom Ordnungsamt abgestimmt“.

Was für Stoffe auf dem Gelände lagern, das würden die Anwohner gerne wissen. Einer von ihnen hatte 2012 Staub vom Dach seines Wintergartens zur Beprobung in ein Labor geschickt. Laut Prüfbericht bestand das Material zu 75 Prozent aus Siliziumdioxid (Sand) und enthielt zum Beispiel Blei, Barium und Strontium.

Letztere seien auch in optischen Gläsern sowie Bleikristallgläsern zu finden und fest im Glas gebunden, erklärt Gabriele Städter vom Landesverwaltungsamt. „Von möglichen Gesundheitsgefährdungen für die Anwohner durch die auf dem Gelände lagernden Abfälle wird deshalb nicht ausgegangen.“ Das sieht Michael Paetzel anders. Zwar habe eine Staubmessung der Berufsgenossenschaft vor den Toren von Dr. Ecklebe keine gefährlichen Werte erbracht. Gleiches gilt für eine arbeitsmedizinische Untersuchung von Mitarbeitern. Doch der Geschäftsführer will nicht lockerlassen. „Ich bin sicher, dass das, was dort liegt, problematisch ist.“