Gastronomie

Gutes Essen statt Energieberatung mitten in Wernigerode

Müll, von dem der Nationalpark Harz profitieren soll. Was klingt wie ein Widerspruch, ist Teil des Konzepts eines neuen Wernigeröder Restaurants.

Von Sandra Reulecke
Huong Trute bespricht mit dem Gastronomen Hung Cao Ba und Stadtwerke-Chef Steffen Meinecke (von rechst) die Fortschritte auf der Baustelle in der Breiten Straße in Wernigerode. Hier, im ehemaligen Kundencenter des Energieversorgers, entsteht derzeit ein Restaurant. Der Herd, auf dem ab dem 29. Juli gekocht werden soll, ist bereits geliefert worden.
Huong Trute bespricht mit dem Gastronomen Hung Cao Ba und Stadtwerke-Chef Steffen Meinecke (von rechst) die Fortschritte auf der Baustelle in der Breiten Straße in Wernigerode. Hier, im ehemaligen Kundencenter des Energieversorgers, entsteht derzeit ein Restaurant. Der Herd, auf dem ab dem 29. Juli gekocht werden soll, ist bereits geliefert worden. Foto: Sandra Reulecke

Wernigerode - Immer wieder bleiben Fußgänger stehen, um einen Blick durch die geöffnete Tür zu erhaschen. Zu sehen sind Vertreter verschiedener Gewerke bei der Arbeit, Wände, die mit Holz verkleidet sind und große Geräte. Was hier, an der oberen Breiten Straße in Wernigerode wohl entsteht?

Das Geheimnis wurde nun gelüftet: eine Bowl-Bar, also ein Restaurant, in dem alle Speisen in Schüsseln serviert werden. „Ab dem 29. Juli, 10 Uhr, kann hier gegessen werden“, kündigt Huong Trute sichtlich stolz an. Ihr Name dürfte Wernigerödern bekannt vorkommen. Sie betreibt ein Restaurant unweit des Marktplatzes, in dem sogar George Clooney schon gegessen hat.

Duo aus Vietnam will mit Nachhaltigkeit überzeugen

Die Bowl-Bar – Bowl ist das englische Wort für Schüssel – ist allerdings nicht ihr neues Restaurant. Bei diesem Projekt ist sie die Mitstreiterin von Hung Cao Ba. Der 55-Jährige lebt seit 1987 in Deutschland und ist ebenfalls ein erfahrener Gastronom. Er betreibt ein Restaurant in Hasselfelde. „Und das werde ich auch weiter tun“, verspricht Hung Cao Ba.

Ihn und Huang Trute verbinden nicht nur die gemeinsame Heimat Vietnam und ihr Beruf. Sie eint auch eine Vision: Nachhaltigkeit und Gastronomie in Einklang zu bringen. „Wir wollen Menschen allen Alters mit gesundem Essen überzeugen und einen Beitrag zur Allgemeinheit leisten“, fasst Huong Trute zusammen.

Regionales an Wänden und in den Schüsseln

Das fange mit der Gestaltung der Inneneinrichtung – an der ausschließlich Firmen aus der Region beteiligt seien – an. So werden schnell nachwachsende Naturmaterialien verwendet, etwa „Birken aus dem Harzer Wald und Bambus“.

Zudem werde bei den „Schüssel“-Gerichten versucht, vorrangig mit regionalen Zutaten zu arbeiten, etwa Gemüse aus Quedlinburg. Die Rezepte aber, so berichtet Huong Trute, stammen aus aller Welt, seien gesund und vor allem lecker. „Wir wollen Wernigerode zur Weltstadt machen. Klingt arrogant, ist es aber nicht“, sagt sie lachend.

Am deutlichsten wird der Gedanke der Nachhaltigkeit bei der Verpackung der Speisen. Wer sich dafür entscheidet, das Essen mitzunehmen, habe die Wahl: eigene Behältnisse mitbringen oder für eine Pfandgebühr Gefäße leihen. Für Kunden, für die weder das eine noch das andere infrage kommt, gibt es auch Einweggeschirr. „Nachhaltiges“, versichert die Unternehmerin. Und für die Wegwerfschüsseln fällt ein Obolus an. „Dieser wird dauerhaft dem Nationalpark gespendet“, betont sie.

Spendenaktion zugunsten des Harzer Waldes

Eine Idee, die bei Friedhart Knolle, Pressesprecher des Nationalparks Harz und Vorsitzender des Nationalpark-Fördervereins, sofort Anklang fand. „Es bewegt uns alle, was gerade mit dem Wald passiert“, sagt er. Eine solche Idee käme deshalb genau zur richtigen Zeit. „Alle reden nur von Nachhaltigkeit, hier wird es gemacht.“

Dafür war jedoch eine Menge Vorarbeit notwendig. „Die Räume waren ja nie für Gastronomie vorgesehen“, erläutert Stadtwerke-Chef Steffen Meinecke. Wie er informiert, war fast 20 Jahre lang das Kundenzentrum des Energieversorgers in den Räumen untergebracht. Dieses ist seit September 2019 im Forum zu finden. Das Lokal in der Breiten Straße blieb zunächst verwaist. Jedoch nicht, weil es keine Interessenten dafür gab, wie Steffen Meinecke betont. „Es gab viele Bewerbungen. Am meisten überzeugt hat uns das Konzept von Herrn Cao mit der Unterstützung von Frau Trute.“

Umbau kostet 400.000 Euro

Seit rund einem Jahr sind nun die Bauarbeiten im Gange, um die Büroräume in ein Restaurant zu verwandeln. Von Seiten der Stadtwerke, weiterhin Eigentümerin des Gebäudes, wurden dafür mehr als 200.000 Euro in Hand genommen, so Meinecke. Die gleiche Summe haben die neuen Mieter investiert.

Trotz Corona sei der Zeitplan für den Umbau bislang eingehalten worden, sagt Hung Cao Ba. Nun hoffen er und Huang Trute, dass es dabei bleibt und zum Monatsende die ersten Gäste begrüßt werden können. Drei Festangestellte und zwei Aushilfen sorgen dafür, dass Speisen aus aller Welt in deren Schüsseln landen. Zudem, so kündigt Huong Trute an, sollen perspektivisch zwei Auszubildende eingestellt werden.