Derenburg l „Ich könnte hier ewig so weiter arbeiten“, sagt Jukka Jokinen. Der 29-Jährige hat im vergangenen Sommer gemeinsam mit seinem Kommilitonen Heikki Konu einen Preis gewonnen: Die beiden Finnen dürfen zwei Wochen in der Glasmanufaktur in Derenburg arbeiten. Und das ist der Preis? „Ja, das ist für uns sogar unbezahlbar“, sagt der sympathische Finne. „Normalerweise müssten wir wenigstens 100 Euro pro Stunde für die Nutzung einer Glashütte bezahlen, wo wir unsere eigenen Entwürfe in die Tat umsetzen können. Da sind zwei Wochen Geld wert.“

Zwei Wochen lang waren die Finnen in Derenburg, wohnten im Gästehaus auf dem Gelände der Glasmanufaktur. Die zwei Wochen wertvolle Arbeitserfahrung sind nicht alles, was die jungen Männer gewonnen haben: 2000 Euro erhielten sie aus den Händen des Hildesheimer Unternehmers und Besitzers der Glasmanufaktur, Gerhard Bürger, der mit seiner Stiftung zum zweiten Mal diesen Preis ausgelobt hatte.

50 Designer hatten sich beworben

50 Nachwuchs-Designer aus zehn Hochschulen in Deutschland, Polen und eben Finnland hatten sich bei dem Wettbewerb unter dem Motto „House of Glass. Neue Anwendungen für ein altes Material“ beworben. Die Stiftung, die 2013 gegründet wurde, hat es sich zum Ziel gesetzt, neue Kunstprojekte zu unterstützen und Studenten, Künstlern und Designern die Möglichkeit zu geben, ihre Projekte in der Hütte umzusetzen.

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Doch wie hatten sie im hohen Norden Europas überhaupt vom Wettbewerb der Gerhard Bürger Stiftung erfahren? „Unser Professor hat uns darauf aufmerksam gemacht“, berichtet Heikki Konu, der ursprünglich aus Lappland stammt. „Eine Region, die dem Harz übrigens sehr ähnlich ist. Dort spielt der Tourismus eine ähnlich große Rolle“, sagt er in fließendem Englisch. „In der Schule hatten wir zwar Deutsch, aber das ist lange her.“

In den zwei Wochen ihres Aufenthalts haben die beiden angehenden Industriedesigner auch die Umgebung erkundet, waren unter anderem in Braunlage spazieren und im Wald wandern. „Die Natur hat uns überrascht“, gesteht Jukka Jokinen. Zur Preisverleihung im Juni 2018 waren die Finnen schon einmal in Derenburg gewesen. „Allerdings nur für eine Nacht. Da dachten wir, es gibt hier diese Fabrik inmitten der Felder, und das war‘s“, sagt der Student.

Schlichte Produkte

Gemeinsam mit seinem 30-jährigen Studienkollegen hat er eine Form aus Holz entwickelt, die man wie ein Steckkastensystem so zusammenbauen kann, dass sie für unterschiedliche Produkte genutzt werden kann: Gläser, Pendelleuchten, Vasen. Mit ihrem Prototyp hatten sie sich am Wettbewerb beteiligt, waren dann überraschend als Sieger hervorgegangen.

Was die Gussform verlässt, ist schlicht und schnörkellos, erinnert an Bauhaus-Klassiker. Sie haben gelbe, weiße, schwarze Pendelleuchten und Vasen, können große und kleine Gläser mit nur einer Form erstellen. Das hatte die Jury überzeugt.

Nun ihre Idee in die Tat umsetzen zu können, bedeutet beiden viel. „Das ist viel mehr wert als das Preisgeld“, sagt Jukka Jokinen. „Für diese Chance sind wir Herrn Bürger sehr dankbar.“ Die 1949 durch sudetendeutsche Glasmacher gegründete Hütte ist die einzige in Sachsen-Anhalt und die nördlichste Glashütte Deutschlands. So rar wie Glashütten in der Bundesrepublik sind Glasstudios auch an Universitäten. „Eine Hand voll gibt es in Europa. Unsere Uni hat eine davon“, sagt Jukka Jokinen.

Idee entstand an Universität

Ihr Kurs an der Aalto Universität „Experimentelles Design“ habe sie auf die Idee gebracht, eine Form für verschiedene Produkte aus Glas zu entwerfen. Durch den Wettbewerb wurden sie dann noch einmal mehr auf die Richtung Glasdesign aufmerksam, sodass sie heute, kurz vor ihrem Abschluss, sicher sind, dass sie auch nach ihrem Abschluss mit Glasdesign ihr Geld verdienen wollen.

Wenig Respekt vor Material

„Glas ist ein tolles Material, es ist originell, und es ist nicht leicht, damit richtig umzugehen“, sagt Heikki Konu. „Leider ist das Design durch billiges Glas von Ikea und Co. auf der Strecke geblieben, und man respektiert das Material nicht mehr so wie früher.“ Beide sind froh, dass ihnen bei der Arbeit mit Torsten Kunze und Rudolf Walker zwei erfahrene Glaser zur Seite stehen. „Wir versuchen es zehnmal und es ist ein brauchbares Teil dabei. Bei ihnen sind zehn von zehn Teilen perfekt.“

Einige ihrer Kreationen haben sie mit in die Heimat genommen, als sie am Wochenende zurück nach Helsinki geflogen sind. Der Rest bleibt in Derenburg und geht in den Verkauf.