Quedlinburg/Wernigerode l Wie stellt sich das kommunale Harzklinikum strukturell auf, um in den nächsten Jahren auf medizinisch-fachlich wie wirtschaftlich gesunden Füßen zu stehen? Oder konkreter formuliert: Wo werden innerhalb des Klinikums mit den beiden Hauptstandorten Quedlinburg und Wernigerode perspektivisch Traumatologie, Kinderklinik sowie Frauenklinik und Geburtshilfe zentral angesiedelt? Fragen, die sich stellen und die zuweilen kontrovers diskutiert werden, seit im Herbst Gutachter dafür konkrete Vorschläge gemacht haben.

Wenngleich sie für Landrat Thomas Balcerowski nur Vorschläge sind, drückt der CDU-Politiker aufs Tempo. „Ich höre in Gesprächen mit Klinikvertretern immer wieder, dass wir all das schon vor fünf Jahren hätten entscheiden und angehen müssen.“ Jenes lange Abwarten, so sein Eindruck, habe die Klinik personell und finanziell geschwächt. Um so mehr müsse nun aufs Tempo gedrückt werden. „Wir brauchen so schnell wie möglich Entscheidungen, um die Umstrukturierung anzuschieben“, betont der 48-Jährige.

Jene gutachterlichen Szenarien seien dabei eine Basis, aber kein Dogma, dem er „sklavisch“ folge. „Ich möchte vor allem, dass die Vorschläge der ärztlichen und betriebswirtschaftlichen Fachleute in den Kliniken mit einfließen, schließlich müssen sie den Prozess mit Leben erfüllen und umsetzen.“ Noch in diesem Monat solle der unter seinem Vorsitz geführte Klinik-Aufsichtsrat grundsätzliche Weichenstellungen vornehmen, um sie im kommenden Jahr umzusetzen.

Dabei, das wird im Volksstimme-Gespräch mit den beiden ärztlichen Klinikdirektoren Dr. Peter Nartschik (Quedlinburg) und Dr. Tom Schilling (Wernigerode/Blankenburg) klar, scheint bis auf eine Fachdisziplin bereits weitgehende Klarheit zu bestehen. Allein in der Frage, wo perspektivisch die Frauenklinik zentral angesiedelt werden soll, gebe es noch keine endgültige Entscheidung, so Schilling. „Die Diskussion wird kommende Woche fortgesetzt. Da kommen viele Ideen auf den Tisch, die Diskussion über die stationäre Kernleistung wird ergebnisoffen geführt“, betont der Internist.

Um jene gynäkologische Klinik waren in den vergangenen Tagen Gerüchte und Spekulationen laut geworden. Fakt ist: Das im September vorgestellte Gutachten schlägt die Bündelung von Kinderklinik sowie Frauenklinik mit Geburtshilfe in Wernigerode vor. Die externen Gutachter plädieren dafür, dort ein Mutter-Kind-Zentrum samt pädiatrischer Fachkompetenz aufzubauen. Nunmehr besagen Gerüchte, dass die Frauenklinik davon losgelöst in Quedlinburg konzentriert werden soll.

Was nach Schillings Worten so nicht stimmt. Es gebe besagtes Gutachten samt Vorschlag der Konzentration in Wernigerode. „Wir haben darauf basierend Mitte Oktober Arbeitsgruppen gebildet, um unter Einbeziehung der jeweiligen Fachvertreter zu diskutieren.“ Oberstes Ziel dabei: Das Harzklinikum auch unter immer schwierigeren wirtschaftlichen und personellen Rahmenbedingungen und mit Blick auf die Patienten optimal aufstellen, um es in wirtschaftlich solidem Fahrwasser zu halten.

Ein Aspekt, bei dem augenscheinlich zwischen Schilling, Nartschik und Landrat Balcerowski Einigkeit besteht. „Entscheidungen – auch unpopuläre – müssen getroffen werden, wenn sie anstehen“, so Balcerowski. Es wäre fatal, sich vor nötigen Entscheidungen zu drücken und am Ende schlimmstenfalls eine Insolvenz mit zwangsweisem Verkauf des Klinikums zu riskieren. Wohin das führen könne, zeige nicht zuletzt das Schicksal des heutigen Halberstädter Ameos-Klinikums. „Unser Klinikum soll kommunal bleiben, damit weiterhin wir entscheiden, was damit passiert“, skizziert der CDU-Politiker das oberste Ziel.

Was mit der Traumatologie sowie der Kinder- und Jugendmedizin passieren soll, ist derweil nach Schillings und Nartschiks Worten weitgehend klar. Die Traumatologie soll, wie gutachterlich vorgeschlagen, stationär-operativ in Quedlinburg konzentriert werden. Wobei hier – ebenso wie in den anderen Fachbereichen – auch am jeweils anderen Klinikstandort ambulante Operationen angeboten werden sollen.

Letzteres, die Forderung mehr Behandlungen in ambulanter Form zu erbringen, sei politischer Wille, erinnert Schilling. Würde mit Blick auf die Traumatologie bedeuten, dass stationäre Behandlungen in Quedlinburg stattfinden, ambulante und akute Fälle aber auch in Wernigerode behandelt würden.

Ähnliches sei bei der Kinderklinik geplant. Sie soll im Neubau in Wernigerode zentralisiert werden. Daran sei ohnehin nicht zu rütteln, erinnert Balcerowski, weil für diesen Neubau zweckgebundene Fördermittel geflossen seien. Die kinderärztliche Behandlung soll dort ab erstem oder zweitem Quartal 2021 mit 40 Betten anlaufen, kündigt Nartschik an. Auch hier folge man den gutachterlichen Vorschlägen und wolle „die hochspezialisierten Fachleute dort bündeln“.

Daneben soll es auch eine ambulante Versorgung geben – dort ebenso wie in Quedlinburg, wo letztere im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) konzentriert werde. Zudem sei an beiden Standorten natürlich die Notfallversorgung garantiert. Und: Kinder mit allgemeinen Beschwerden könnten auch in Quedlinburg stationär versorgt werden. Dafür sei eine spezielle Kinderstation geplant, mit Betreuung durch spezielle Kinderkrankenschwestern. Es spreche ja nichts dagegen, ein Kind mit einem Beinbruch dort zu behandeln, so Nartschik. „Es wird in Quedlinburg keinesfalls ein Ende der Kinderbetreuung geben“, versichert der Mediziner. Zugleich werde aber in Wernigerode eine hochspezialisierte neonatologische Station aufgebaut. „Was letztlich insgesamt eine Verbesserung ist.“

Ganz gleich, wo die Frauenklinik zentralisiert wird, werde es auch hier am jeweils anderen Standort ambulante Angebote oder beispielsweise nachstationäre Offerten geben, versichern die ärztlichen Klinikchefs. Das Prozedere sei in dieser Frage mit Kinderklinik und Traumatologie vergleichbar.

Letztlich, erinnert Schilling, werde sich die Kliniklandschaft im Land perspektivisch weiter verändern. „Der politische Wille geht eindeutig in Richtung Spezialisierung.“ Dem wolle das Harzklinikum – nach den beiden Universitäten in Halle und Magdeburg das landesweit drittgrößte Klinikum – wie beschrieben Rechnung tragen.

Bleibt abschließend die Frage, welche Perspektive Balcerowski für die Ballenstedter Lungenklinik sieht. Die Gutachter empfehlen mittelfristig den Umzug nach Quedlinburg. „Dieses Thema stehe aktuell nicht, weil es bislang keine anderweitigen Nutzungsmöglichkieten gibt. Ich will keinen Leerstand. Lieber ein warmes Klinikum als ein kaltes, das letztlich ja auch Kosten verursacht.“Kommentar Seite 15